Aktie der Woche: thyssenkrupp

thyssenkrupp
InCar+ Projekt - Mitarbeiterinformation im Q2, Ausstellungsdokumentation

thyssenkrupp wagt erneut einen Befreiungsschlag. Doch die Veränderung der Konzernstruktur alleine dürfte kaum zu mehr als einem Einmaleffekt führen. Zwar hat der alt-ehrwürdige thyssenkrupp-Konzern in seiner Geschichte bereits die eine oder andere Krise durchlebt. Zuletzt wurde es jedoch existenziell. Allein das finanzielle Abenteuer in Brasilien kostete den Konzern schätzungsweise 8 Mrd. EUR – heute ist das ganze Unternehmen an der Börse lediglich 7,6 Mrd. EUR wert. Auch in Europa konnte das Unternehmen zuletzt wenig punkten. Die hiesige Problemsparte im Stahl-Kerngeschäft wollte der seit 2018 amtierende CEO Guido Kerkhoff daher gekonnt abspalten – in ein Joint-Venture mit dem indischen Tata-Konzern. Zu bestechend erschienen die Parameter: 17 Mrd. EUR Umsatz, 21 Mio. Tonnen Stahl pro Jahr und 48.000 Beschäftigte in 34 Ländern. Viel wichtiger jedoch aus Aktionärssicht: 400 bis 500 Mio. EUR Synergieeffekte und eine enorme Stärkung der Bilanz. Die Auslagerung der Stahlsparte hätte auf Holding-Ebene zu höherem Eigenkapital, einer reduzierter Kapitalbindung und 4 Mrd. EUR geringere Pensionsrückstellungen geführt. Eine Rechnung, die Kerkhoff jedoch ohne Margrethe Vestager gemacht hatte.

 

Willkommene Absage?

Denn die EU-Kommissarin und oberste europäische Wettbewerbshüterin wurde auch in diesem Fall ihrem Ruf gerecht, kaum mit sich verhandeln zu lassen. Nachdem die beiden Partner Thyssen und Tata neue Vorschläge auf den Tisch legten, startete Vestager einen neuen sogenannten Markttest. Doch auch die erneute Befragung der Marktteilnehmer konnte die Bedenken nicht zerstreuen. Die von Vestager geforderten Nachbesserungen hätten dagegen laut Thyssen die Synergien auf ein wirtschaftlich wenig sinnvolles Maß reduziert. Völlig andere Töne gab es dagegen aus dem deutschen Kanzleramt: Peter Altmeier wollte analog zu seinem zuletzt vorgelegten Strategiepapier die Schaffung einen europäischen Champions fördern. Denn dass die unter Überkapazitäten leidende europäische Stahlbranche eine Konsolidierung benötigt, ist eigentlich offensichtlich. Nun lässt sich lange diskutieren, ob die Auflagen Vestagers einmal mehr zu hart waren. Vielleicht waren sie für Thyssen jedoch auch die willkommene Begründung, um eine abermalige 180 Grad-Wende zu vollziehen.

 

Holding statt Konzern

Denn es ist kaum vorstellbar, dass CEO Guido Kerkhoff den vor einigen Wochen aus der Schublade gezogenen Alternativplan nicht bereits in seinen Grundzügen geplant hatte. Den abgestürzten Aktienkurs dürfte er zudem als Indiz gewertet haben, dass auch die Börse erhebliche Zweifel an der eingeschlagenen Strategie hatte. Für einen schwerfälligen DAX-Konzern bewies thyssenkrupp in der Folge eine bemerkenswerte Wendigkeit. Statt dem Stahl-Joint-Venture und der Trennung in Industrials und Materials soll es nun der Börsengang der Aufzugssparte richten. Auch der aktivistische Großaktionär Cevian aus Schweden pochte schon lange auf einen solchen Schritt. thyssenkrupp soll eine schlanke Holding werden, die einzelnen Sparten weitestgehend unabhängig am Markt agieren. Problem des Ganzen: Auf der Bilanz der Holding wird auch weiterhin die volatile Stahlsparte lasten, für die sich zudem EU-bedingt kaum alternative Szenarien ergeben dürften.

 

Fazit

Das Kursfeuerwerk der Thyssen-Aktie von Mitte Mai könnte die Trendwende eingeleitet haben – möglicherweise aber auch lediglich ein Strohfeuer sein. Denn die neue Holdingstruktur ist das eine, im zweiten Schritt muss diese jedoch mit Leben gefüllt werden. Nach und nach könnten die Sparten mit neuen Partnern zusammengeführt werden oder in die Eigenständigkeit entlassen werden. Der Siemens-Konzern dürfte hier durchaus als Vorbild gelten. Doch erst wenn sich für die einzelnen Segmente sinnvolle strategische Optionen ergeben, die sich mittelfristig auch auf die Ertragslage auswirken, dürfte die Aktie vor einer Renaissance stehen.

 

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