„Charts machen Behavioral Finance sichtbar“

Heinrich Morgen (Jahrgang 1949) durchlief zunächst zahlreiche Stationen bei der Volksbank Homburg, Merill Lynch und H.C.M. Hypo capital Management, bevor er sich 1998 als Berater instituioneller Kunden selbstständig machte. Seit September 2007 fimiert seinen Vermögensverwaltung als morgen + partner AG und ist in der Schweiz domiziliert.

Smart Investor: Herr Morgen, wie lebt es sich als Vermögensverwalter in der Schweiz?
Morgen: Sehr gut. In der Schweiz leben wir in einem Rechtsstaat. Die Bürokratie ist erträglich und erstickt nicht alle unternehmerischen Aktivitäten wie z.B. in Deutschland. Zudem dürfen Sie noch richtige Vermögensberatung machen. Ich fühle mich in der Schweiz absolut wohl, denn bei den Eidgenossen wird nicht sofort nach jeder Krise nach mehr Regulierung und zusätzlichen Behörden gerufen. Wenn ich mir die letzten BaFin-Rundschreiben und die EdW-Neuigkeiten ansehe, tun mir die Kollegen in Deutschland mittlerweile richtiggehend leid, und mich beschleicht sogar das Gefühl, dass unabhängige Berater in Deutschland nicht mehr erwünscht sind. Überspitzt gesagt: Die Banken sind an privaten Mitwettbewerbern, die unabhängig und objektiv beraten, sicherlich nicht interessiert, und manchmal hat man den Eindruck, dass die Politik es lieber hätte, wenn Anlageberatung gleich von den Verbraucherschützern gemacht würde. Die Gründe, die ich in meinem Abschiedsbrief aus Deutschland dargestellt habe, den Sie unter www.morgen.de nachlesen können, sind unverändert gültig. Im Gegenteil: Die Situation hat sich noch verschlimmert.

Smart Investor: Aber mittlerweile ist die Welt eine andere.
Morgen: Sicherlich, aber ich bin ein überzeugter Marktwirtschaftler. Natürlich hat die Marktwirtschaft Schwächen, und dazu gehören auch die Finanzblasen, die durch die Geldschwemme der Notenbanken möglich gemacht wurden. Man darf aber doch nicht vergessen, dass die Marktwirtschaft uns nach dem Krieg einen nie gekannten Wohlstand gebracht hat. Bevor man nicht eine bessere Alternative hat, sollte man die Grundsätze der Marktwirtschaft nicht in Frage stellen. Wenn die Politiker immer Gutmenschen sein und alles und jeden retten wollen, dann wird es für das gesamte System gefährlich. Mittlerweile gibt es Maßnahmen, die ich mir nicht habe vorstellen können. Etwa die Verstaatlichung von Banken, das hat eine völlig neue Qualität. Stattdessen sollte man überlegen, welche Maßnahmen man durchführen sollte, damit Unternehmen, bevor sie den Steuerzahler belasten, in Konkurs gehen können. Too big to fail bzw. systemrelevant – die Vokabeln dürfen keine Entschuldigung für das Eingreifen der Politik mehr sein.

Smart Investor: Ihre tägliche Arbeit ist nun die Charttechnik. Was kann Charttechnik, was Fundamentalanalyse nicht kann?
Morgen: Das Problem bei der Charttechnik ist doch, dass Kritiker sie lediglich als Kaffeesatzleserei abqualifizieren, weil sie sich nicht intensiv damit beschäftigt haben, denn dann müssten sie wissen, was Charttechnik leisten kann und was nicht. Das ärgert mich zum Teil, besonders wenn es sich um unqualifizierte Meinungen aus der Wissenschaft handelt. Denn Charts zeigen das Verhalten der Marktteilnehmer in der Vergangenheit. Nicht mehr und nicht weniger. Entsprechend machen für mich Charts Behavioral Finance sichtbar, zumindest bezogen auf die Vergangenheit. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich damit die Zukunft kenne. Ich halte nichts von Hellseherei. Aber ich habe festgestellt, dass Menschen – und dabei handelt es sich ja bei Börsenteilnehmern – oft nach denselben Verhaltensmustern agieren. Deshalb gehören für mich Charttechnik und Behavioral Finance zusammen.

Smart Investor: Sehen Sie denn Änderungen am Verhalten der Anleger?
Morgen: Eigentlich nicht. Seit ich vor 40 Jahren mit dem Geschäft angefangen habe, sehe ich, dass immer wieder die gleichen Fehler gemacht werden. Beispielsweise verkaufen Anleger eine Aktie nicht, wenn sie unter den Einstandskurs fällt – auch wenn es mittlerweile gute Gründe dafür gibt –, weil sie ja sonst einen Verlust realisieren würden. Während sie andererseits immer noch den Spruch hören: Von Gewinnmitnahmen ist noch keiner gestorben. Das hat aber zur Folge, dass die „guten“ Aktien schnell verkauft werden und die „schlechten“ im Depot bleiben. So kann ich keine Performance erreichen.

Smart Investor: Was sollte man also anders machen?
Morgen: Sicherlich gibt es mehrere Wege, die Erfolg versprechend sind. Grundlage unseres systematischen Ansatzes ist, dass wir anerkennen, dass es Trends gibt und dass deshalb auch das Timing eine Rolle spielt. Wobei vor allem mittel- und langfristige Trends für uns eine Aussagekraft haben. Und der banale Spruch „Trends halten so lange, bis sie sich ändern“ hat uns schon vor so manchem Fehler bewahrt. Das heißt aber auch, dass wir nicht wissen, wie lange sich Trends halten. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir keine Prognosen machen können. Wir sind keine Seher und damit auch keine Kaffeesatzleser.

Smart Investor: Das gilt sowohl für Abwärts- als auch Aufwärtstrends?
Morgen: Ja, völlig richtig, wir nutzen die Charttechnik auch als Fehlervermeidungsstrategie. Wenn wir sehen, dass eine Aktie oder ein Markt einen abwärtsgerichteten Trend eingeschlagen hat, dann meiden wir diese Investments. Das klingt banal, kann aber bares Geld wert sein. Wenn ein Trend nach oben zeigt, dann wollen wir wissen, ob es Signale für eine Fortsetzung des Trends gibt. Da nutzen wir dann zum Beispiel als Indikatoren den MACD, das Momentum oder die Relative Stärke. Wir kaufen eine Aktie also nur, wenn sie sich in einem Aufwärtstrend befindet.

Smart Investor:
Was ist nun, wenn es keinen klaren Trend an der Börse gibt?
Morgen: Dann sehen wir weniger gut aus. In solchen Marktphasen gibt es einfach viel zu viele Fehlsignale. Auch wenn der Markt eine Trendwende macht, egal ob oben oder unten, hat unser Ansatz seine Schwächen. Verkaufen zum Hoch und Kaufen zum Tief, das ist mit unserer Strategie nicht zu machen. Dagegen funktioniert die Philosophie in stabilen ab- oder aufwärtsgerichteten Trends. Geht es nach unten, dann fahren wir die Cashquote im Fonds nach oben. Leider müssen wir auch dann zumindest zu 66% in Aktien investiert sein. Steigt der Markt stabil nach oben, dann ist unser Investitionsgrad stets nahe 100%.

Smart Investor: Apropos steigender Markt. Was sagen Ihnen die Charts aktuell zum DAX?
Morgen: Beim DAX steigen derzeit 100-Tage- und 200-Tage-Linien noch an. Ich sehe kein Signal, das mir verrät, der Aufwärtstrend sei bereits wieder vorbei. Die mittelfristige Trendumkehr im DAX fand im Juli vergangenen Jahres statt, und bislang ist dieser Trend noch nicht umgekehrt worden. Was ich auch bemerke, ist, dass institutionelle Anleger zum Beispiel in Aktien noch sehr unterinvestiert sind, am Markt also als Verkäufer ausfallen. Dann betrachte ich das Anlegerverhalten und erkenne mehr Angst als Zuversicht. Von einer Blase sind wir folglich weit entfernt. Ist es diesmal wirklich anders? Keine Ahnung. Das müssten sie die Seher fragen. Andererseits muss ich das auch gar nicht wissen, wir handeln, wenn sich der Trend geändert hat.

Smart Investor: Wo sind Sie vorsichtig?
Morgen: Ich werde immer dann stutzig, wenn es Modeerscheinungen gibt und ständig neue Produkte für ein und denselben Themenkomplex aufgelegt werden. Nehmen Sie damals den Neuen Markt mit den Internetfonds, Telemedienfonds usw. Jetzt haben wir das Thema „Global warming“, und die Produkte, die sich mit Klimaschutz befassen, haben Hochkonjunktur. Vielleicht ist das dann schon überzogen. Wir haben seit Monaten z.B. keine einzige Solaraktie im Depot, weil die Charttechnik hier glasklar auf den Abwärtstrend in diesem Sektor hingewiesen hat. Da wir die Aktien gemieden haben, konnten wir mit Q.Cells, Solarworld & Co. auch keine Verluste einfahren.

Smart Investor: Herr Morgen, haben Sie vielen Dank für das offene Gespräch.