„Aus Mangel an Wirtschaftswissen“

Smart Investor: Mr. Schiff, Sie haben kürzlich gemeinsam mit Ihrem Bruder ein Buch verfasst, welches mehrfach international ausgezeichnet wurde. Worum geht es in dem Buch?Schiff: Naja, der Titel spiegelt es ja mehr oder weniger wider: „Wie eine Volkswirtschaft wächst und warum sie abstürzt …“

Smart Investor: Können Sie uns das „Wie“ und „Warum“ in einem Satz zusammenfassen?
Schiff:
Ganz simpel gesprochen: Volkswirtschaften wachsen, wenn sie produktiver werden, also Güter schneller und besser herstellen können. Dadurch wird Kapital akkumuliert, welches dann dem Konsum oder Investitionen dienen kann und somit das Wachstum weiter antreibt. Der Absturz erfolgt, wenn Investitionen und insbesondere der Konsum nicht mehr durch zuvor erwirtschaftetes Kapital finanziert werden, sondern mittels Kredit. Dann ist die totale Katastrophe nur noch eine Frage der Zeit.

Smart Investor: Wie kamen Sie als Marketingdirektor einer Brokerfirma auf die Idee, ein solches Buch zu verfassen?
Schiff:
Unser Vater, Irwin Schiff, hat uns durch Geschichte relativ früh wirtschaftliches Grundwissen vermittelt, und wir haben sie um etliche Facetten erweitert. Der Kernpunkt ist, dass heute immerzu über Wirtschaft geredet wird, und den meisten Menschen wird erklärt, es sei ein unglaublich kompliziertes und komplexes Gebilde. Den meisten Menschen mangelt es daher an Wirtschaftswissen. Tatsächlich aber sind die Grundstrukturen recht einfach und mit gesundem Menschenverstand auch schnell zu erfassen.

Smart Investor: Wenn man sich aber in unserer heutigen Welt so umsieht, scheint der gesunde Menschenverstand auf dem Rückzug zu sein …
Schiff:
Ja, zweifelsohne. Leider hat sich in den letzten Jahrzehnten vor allem bei der politischen Klasse die Überzeugung durchgesetzt, man könne Wohlstand durch das Drucken von Geld kreieren. Am Anfang war man noch vorsichtig, da letzte Reste von ökonomischem Sachverstand vorhanden waren und jeder irgendwie ahnte, dass das ungezügelte Drucken von Geld zwangsläufig in dem Kollaps der entsprechenden Währung enden muss. Da es aber in den vergangenen 40 Jahren des Papiergeldstandards immer noch irgendwie gut gegangen ist, wurde inzwischen jede Hemmung über Bord geworfen.

Smart Investor: Aber der Dollar steigt momentan.
Schiff:
Ja, aber das ist ein kurzfristiger Effekt, der noch dazu vor allem auf emotionalen Gründen basiert. Wir [die USA; Anm. der Red.] haben unser Privileg, über die Weltleitwährung zu verfügen, missbraucht, und wir werden dieses Privileg verlieren. Natürlich wird dies nicht von heute auf morgen passieren und es wird immer wieder Phasen geben, in denen der Dollar aufwertet, aber real betrachtet hat der Dollar in den letzten 98 Jahren 98% seines Wertes verloren. Wir gehen davon aus, dass er in dieser Dekade die letzten zwei Prozent auch noch verlieren wird. Wobei ich dazu auch sagen muss, dass der Euro alles andere als eine gesunde Währung ist. Im direkten Vergleich jedoch stehen die USA sogar schlechter da als Griechenland.

Smart Investor: Wie sähe eine gute Lösung der weltweiten Finanz- und Wirtschaftsprobleme aus?
Schiff:
Eine gute Lösung gibt es eigentlich nicht mehr. Wir können nur noch zwischen einem schlechten und einem noch schlechteren Weg wählen. Der schlechte, der natürlich eigentlich der gute ist, besteht darin, nicht mehr auszugeben als man einnimmt, ja eher noch weniger, damit man wieder zu sparen beginnt. Dieser Weg ist natürlich sehr schmerzhaft und unangenehm. Der schlechtere Weg wäre es, sich den notwendigen Anstrengungen und Einschränkungen zu verweigern und jedes Problem mit frisch gedrucktem Geld „lösen“ zu wollen. Natürlich wird dadurch nichts gelöst, sondern nur zeitlich etwas verzögert. Die Probleme tauchen am Ende wieder auf – und jedes Mal stärker und drängender. Vermutlich wird dieser Weg beschritten werden.

Smart Investor: Warum? Die Vernunft rät doch eigentlich zum Gegenteil.
Schiff:
Die meisten Menschen wollen Schmerzen um jeden Preis verhindern, zudem sind sie ökonomisch schlecht gebildet. Hinzu kommt ein demokratiespezifisches Problem: Die meisten Politiker wollen gewählt bzw. wiedergewählt werden. Wer massive Ausgabeneinschnitte vornimmt und die Staatszuwendungen zurückfährt, wird in der Regel nicht gewählt. Gewählt werden hingegen diejenigen, die den Menschen das Blaue vom Himmel versprechen …

Smart Investor: Und doch erfreut sich jemand wie Ron Paul einer immer größer werdenden Fangemeinde und scheint vielleicht sogar Chancen auf das Präsidentenamt zu haben.
Schiff:
Ja, Paul ist einer der ganz wenigen Politiker, die über ökonomischen Sachverstand verfügen, und er hat bereits sehr frühzeitig vor den Folgen der falschen Geldpolitik der Fed gewarnt. Auch wenn immer mehr Menschen, insbesondere die Jugendlichen, ihn als einzig ehrlichen Politiker wahrnehmen, glaube ich nicht, dass er am Ende ins Weiße Haus einzieht. Aber wer weiß, vielleicht wachen genug Menschen auf, um eine kritische Masse zu erreichen …

Smart Investor: Angesichts aller Unwägbarkeiten, die durch die Finanzkrise entstanden sind, wie kann sich der Anleger vor den Verwerfungen schützen?
Schiff:
Die Vermögensverwaltung macht bei uns nur einen sehr kleinen Teil des Geschäfts aus, aber wir empfehlen unseren Kunden, 25 bis 30% des Vermögens in physische Edelmetalle und Minenaktien zu investieren. Rund 50% sollten in dividendenstarke Unternehmen, idealerweise außerhalb des Dollarraums, angelegt werden. In Versorger beispielsweise, Telekommunikation oder auch Maschinenbauer – keinesfalls Finanztitel. Die letzten 20 bis 25% würden wir in ausländische Staatsanleihen stecken, beispielsweise Australien, Singapur oder Kanada. Natürlich muss der Anleger hierbei einen langfristigen Horizont haben, denn die Volatilität an den Märkten dürfte weiter zunehmen.

Smart Investor: Mr. Schiff, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Portrait:
Andrew Schiff ist der Marketing- und Kommunikationsdirektor der Brokergesellschaft Euro Pacific Capital. In seiner Karriere beriet er zahlreiche Vermögensverwalter bei ihrer Kommunikationsstrategie. Gemeinsam mit seinem Bruder Peter Schiff verfasste er ein preisgekröntes Wirtschaftsbuch. Schiff ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt mit seiner Familie in New York.