„Die Elite der jungen Leute wird Unternehmer“

Smart Investor: Herr Professor Hamer, hat der Mittelstand ein Problem in seiner Außenwahrnehmung?
Hamer:
Das können Sie mit Recht sagen. Die Medien berichten fast immer nur über die großen Konzerne und deren Manager. Deshalb glaubt das Volk: Unsere Wirtschaft, das sind Kapitalgesellschaften und Großunternehmen. Hier leisten wir Aufklärungsarbeit – über das Mittelstandsinstitut Niedersachsen, über Fachbeiträge, Vorträge und Bücher, wie etwa unser jüngstes Werk „Mittelstand unter lauter Räubern“.

Smart Investor: Welche Rolle spielen die Manager der Großkonzerne?
Hamer:
Das sind gar keine Unternehmer. Die haften nicht mit einem einzigen Euro. Sie sind lediglich Manager von fremdem Geld – Angestellte. Eine völlig andere Situation als die des Unternehmers, der alle Risiken selbst trägt.

Smart Investor: Wie muss man sich das eigentlich in den Arbeitgeberverbänden vorstellen? Nach der Anzahl der Mitglieder müssten die Mittelständler dort doch eine klare Mehrheit haben?
Hamer:
Das ist auch so. Aber warum lassen es sich die Mitglieder gefallen, dass jemand, der völlig andere Interessen hat, wie der Manager eines Autokonzerns, die Masse unserer Unternehmer vertreten will?! Weil die meisten Mittelständler nicht das Bewusstsein haben, dass ihre Interessen anders sind als die der großen Kapitalgesellschaften. Was die Verbände als Wunsch der Gesamtwirtschaft präsentieren, ist meistens nur der Wunsch der Konzerne.

Smart Investor: Was ist aus ihrer Sicht das drängendste Problem für den Mittelstand?
Hamer:
Wir haben das direkt bei den Unternehmen abgefragt: Das größte Problem ist die Überregulierung. Alles soll bis in die Einzelheiten geregelt werden, im Ergebnis teils sogar widersprüchlich. Die Beamten haben sich durch die Regulierung aus der Verantwortung ihres Ermessensspielraums herausgeschlichen. Zudem muss jeder Unternehmer die bürokratischen Pflichten für die Behörden selbst leisten und verantworten. Pro Betrieb kommen da 1.000(!) Stunden/Jahr für unentgeltliche bürokratische Arbeit zusammen. Während die Konzerne dafür eigene Mitarbeiter haben, leiden Kleinbetriebe unter dieser Bürokratieüberwälzung am stärksten.

Smart Investor: Ein anderer zunehmend unkalkulierbarer Staatseinfluss ist der Interventionismus. Wie soll ein Unternehmer da noch langfristig planen?
Hamer:
Da haben Sie vollkommen recht. Denken Sie an die Energiepolitik. Mal wurden die Atomkraftwerke mit den Steuern des Mittelstands kräftig gefördert, dann wurde von einem Tag auf den anderen umgeschwenkt. Jetzt werden Windräder und Solardächer gefördert, wieder zulasten des Mittelstands und der Bevölkerung. Die Mittelständler wollen eigentlich gar keine Förderung. Gebt uns dafür lieber Steuersenkungen, denn von der Förderung kommt ohnehin nur die Hälfte an. Die andere Hälfte bleibt bei der Erhebungs-, Verwaltungs-, Kontroll- und Verteilungsbürokratie hängen.

Smart Investor: Sind sie optimistisch, dass sich da etwas ändert?
Hamer:
Es muss und es wird sich ändern, denn unsere Wirtschaft hat ihren Wohlstand nicht von den Konzernen. Die lassen inzwischen im Ausland produzieren. Wenn wir unseren Wohlstand behalten wollen, brauchen wir die dezentrale Produktion und Dienstleistung der vier Millionen mittelständischen Unternehmer. Wenn wir nichts tun, verschwindet der Mittelstand und wir bekommen wieder die duale Gesellschaft: Kleine Herrschaftsgruppe und große Masse von Habenichtsen. Das war in den vergangenen Jahrtausenden die übliche Gesellschaftsaufteilung.

Smart Investor: Wie würden Sie junge Menschen für das Unternehmerdasein begeistern?
Hamer:
Die Elite der jungen Leute, die sich selbst verwirklichen wollen, die mehr leisten wollen als andere und die mehr Freiheit haben wollen, die werden Unternehmer. Man muss sie aber dazu ausbilden. An der Hochschule hatte ich beispielsweise ein Seminar für Unternehmer. Nur durch mehr Unternehmer bekommen wir auch wieder mehr Betriebe und mehr Wirtschaftswachstum. Davon haben alle Menschen in der Bundesrepublik etwas.

Portrait:
Prof. Eberhard Hamer (Jahrgang 1932) ist Gründer des Mittelstandsinstituts Niedersachsen und begründete die Mittelstandsökonomie. Unermüdlich setzt sich Hamer in zahlreichen Vorträgen, Fachbeiträgen und Büchern für die Belange des Mittelstands und eigentümergeführter Unternehmen ein.

Buch-Unterschrift:

„Mittelstand unter lauter Räubern“, Hamer, Eberhard/Hamer, Imke, Aton, 2011, 250 Seiten, 25 Euro