Nachhaltiges Investieren — Energiewende, quo vadis?

Markt oder Plan?
Im Wesentlichen lassen sich drei Auslöser für jene Gesetzesänderungen identifizieren, die in Deutschland unter dem Begriff „Energiewende“ zusammengefasst werden. Die Weichenstellungen greifen massiv in die Energieversorgung eines hochentwickelten Industriestandorts ein und beeinflussen damit Wohlstand und Leben im Lande. Dies geschieht nicht nur direkt, sondern auf vielfältige Weise auch indirekt, wobei nicht jede Folge und Fernwirkung geplant oder beabsichtigt gewesen sein dürfte. Damit befindet sich die „Energiewende“ aber genau in jenem Dilemma zentralplanerischer Ansätze, die häufig besser meinen, als dass sie es machen können. Historisch ist die zentrale Planung jedenfalls ein vielfach widerlegter Ansatz, der sich regelmäßig über die Dauerintervention zur Mangelverwaltung fortschreiben ließ. Das freilich soll nicht bedeuten, dass es nicht auch wirtschaftliche Nutznießer dieser Politik gäbe. Die Lasten trägt dagegen die Allgemeinheit.

Wie alles begann
Nach der Theorie des anthropogenen Klimawandels werden die vom Menschen verursachten Emissionen des Spurengases CO2 vorrangig für die jüngeren Veränderungen des Weltklimas verantwortlich gemacht. Zwar weisen die entsprechenden Modellrechnungen noch eine hohe Streuung auf, über den grundsätzlichen Zusammenhang besteht jedoch breiter Konsens. Das soll allerdings nicht verhehlen, dass diese Theorie immer wieder auch kritisch hinterfragt wird, wie etwa auf der Klima- und Energiekonferenz des Instituts EIKE (vgl. S. 39). Unabhängig davon folgen die Regierungen der vorherrschenden Auffassung und konzentrieren sich auf Maßnahmen zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes. Im Fokus stehen dabei die fossilen Energieträger Kohle und Öl, bei deren Verbrennung besonders viel CO2 freigesetzt wird. Zielvorstellung ist der Aufbau einer Energieversorgung, die im Kern auf sogenannten Erneuerbaren Energien (Sonne, Wind, Wasser, Biomasse) beruht. Da eine solche radikale Umgestaltung der Energieversorgung auch eine Kostenfrage ist, gibt es naturgemäß unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Transformation. Die Politiker „reicher Länder“ verpflichten sich hier zu größeren Anstrengungen und die Bundesrepublik darf auf diesem Gebiet als führend gelten. Da ein derart radikaler Umbau aus dem Stand realistischer Weise nicht zu leisten ist, setzte man auf dem Weg dorthin ursprünglich auf sogenannte Brückentechnologien wie Gas und Kernkraft.

Abbruch der Brücke
Dann kam es im März 2011 zu jener Tsunami-Katastrophe, in deren Folge das japanische Kernkraftwerk Fukushima zerstört wurde. Obwohl die deutschen Kernkraftwerke nicht direkt als Tsunami-gefährdet angesehen wurden und sogar als die sichersten der Welt galten, reagierte man in keinem Land so heftig auf die Ereignisse in Japan wie hier. Die Regierung wechselte ins Lager der kräftig erstarkten Kernkraftgegner und beschloss – flankiert durch die Empfehlung einer überwiegend fachfremd besetzten „Ethikkommission“ – den beschleunigten Ausstieg aus der Kernkraft. Ein Sonderweg, dem kaum ein Land der Welt gefolgt ist. Die japanische Regierung hat im April 2014 sogar den Wiedereinstieg in die Kernenergie beschlossen – allerdings gegen den überwältigenden Willen der Bevölkerung.

Unabhängigkeit der Versorgung
Eine dritte Argumentationslinie besteht in der generellen Knappheit/Endlichkeit fossiler Energieträger bzw. in der Verringerung der Abhängigkeit von Energielieferungen aus instabilen Regionen. Zwar hatte man bei der Versorgungssicherheit meist die Ölimporte aus dem nahen und mittleren Osten im Auge, die jüngsten Ereignisse rund um die Ukraine zeigen jedoch, dass auch russische Gaslieferungen mit politischen Unwägbarkeiten behaftet sind. Beim aktuellen Stand der Technologie ist eine Energieautarkie der Bundesrepublik sicher eine unrealistische Option. Eine ausgewogene Mischung aus Lieferanten und Energiearten kann aber dennoch einen Beitrag zur Reduzierung von Abhängigkeiten leisten.

Herkulesaufgabe
Man kann hinter die einzelnen Motive sicher das eine oder andere Fragezeichen machen. Einigkeit herrscht aber darüber, dass das ganze Projekt eine Herkulesaufgabe ist. Die wesentlichen Aktivitäten beziehen sich auf den Ausbau regenerativer Energien, die Anpassung der Leitungsnetze und die Energieeinsparung bzw. Energieeffizienz
auf der Verbraucherseite.

Künftiger Energiemix
Nach den Vorstellungen der Politik gibt es einen klaren Vorrang für die Erneuerbaren Energien, wobei Schwerpunkte des Ausbaus im Bereich Windkraft und Solarenergie liegen. Diese beiden Energieformen sind jedoch mit einigen grundsätzlichen physikalischen Besonderheiten behaftet, die so auch nicht veränderbar sind. Sonnenenergie kann
nur gesammelt werden, wenn die Sonne scheint, und Windenergie wird nur erzeugt, wenn der Wind bläst. Über den konkreten Anfall der Energie hat man also keine Kontrolle. Während in Spitzenzeiten Energieüberschüsse produziert werden, die teils umsonst abgegeben werden, muss bei Flaute oder Dunkelheit die fehlende Energie aus
konventionellen Kraftwerken gedeckt oder von unseren Nachbarn zugekauft werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von der fehlenden Grundlastfähigkeit von Wind- und Sonnenenergie.

Speichertechnologien
Die Lösung für dieses Problem ist naheliegend. Man muss die erzeugte Energie speichern, um sie im Bedarfsfall nutzen zu können. Das jedoch klingt einfacher, als es mit der heutigen Technologie tatsächlich möglich ist. Für sogenannte Pumpspeicherkraftwerke ist ein enormer Flächenverbrach notwendig, falls diese Technologie tatsächlich massenhaft eingesetzt werden sollte. Dieser Flächenverbrauch addiert sich noch zu dem Flächenverbrauch, der vor allem bei der Erzeugung von Windenergie anfällt. Das Thema „Methanisierung“, also Speicherung durch die Umwandlung in Gas, hat einen äußerst schlechten Wirkungsgrad von bestenfalls 35% und scheint daher keine ernsthafte Alternative zu sein.

Räumliche Verschiebungen
Beim Sammeln von Wind und Sonne muss zudem stärker als bei konventionellen Kraftwerken auf die geographischen Gegebenheiten für die Standortwahl geachtet werden.
ChartFür Windkraftanlagen gibt es durchaus attraktive Standorte im Land, etwa im Norden, in Küstennähe oder im sogenannten „Offshore“-Bereich. In Süddeutschland ist dagegen
durchschnittlich nur halb so viel Wind wie im Norden zu verzeichnen, was dann lediglich zu einem Achtel der theoretischen Ausbeute führt. Für ein Bundesland wie Bayern
hat die Energiewende aus diesem Blickwinkel daher dramatische Auswirkungen. Zwar ist Bayern aufgrund seiner natürlichen Gegebenheiten auch das Bundesland mit dem größten Wasserkraftanteil und damit durchaus ein Vorreiter bei den Erneuerbaren Energien, in der Spitze lag aber auch der Anteil der Kernenergie bei rund 60%. Durch die Mischung aus Atomausstieg und Windarmut ist Bayern auf Energieimporte angewiesen. Soll dieser Bedarf aus den Windkraftwerken des Nordens gedeckt werden, ist mit der SuedLink-Trasse eine vollkommen neue Infrastruktur erforderlich.

Energieeinsparung und Effizienz
Ein wesentlicher Baustein der Energiewende ist die Senkung des Energieverbrauchs. Das kann auf vielfältige Weise geschehen, und hier wirken die erhöhten Energiepreise als Anreiz für Verhaltensänderungen der Wirtschaftssubjekte. Flankiert wird der Preismechanismus allerdings wieder durch harte gesetzliche Vorgaben, etwa was die energetische Sanierung oder den Neubau von Gebäuden betrifft. Dass dabei auch immer öfter übers Ziel hinausgeschossen wird, zeigen jüngste Meldungen, dass man sich
auf EU-Ebene sogar eigene Regelungen für Kaffeemaschinen ausgedacht hat – ein typischer bürokratischer Auswuchs. Zudem ist im Bereich der Energieeffizienz deutlich nach den Adressaten der Maßnahmen zu unterscheiden: In Privathaushalten dürfte es noch einiges an Einsparungsmöglichkeiten geben, wobei man sich das Sparen auch erst einmal leisten können muss. Einkommensschwachen Haushalten wird durch die steigenden Energiepreise Kaufkraft entzogen, die dann fehlt, um den heimischen Gerätepark
energieeffizient zu modernisieren. Vermutlich wird das ein künftiges Abwrack- bzw. Subventionsthema. In der Industrie, zumal in jenen Bereichen, die energieintensiv sind und im internationalen Wettbewerb stehen, sieht die Situation dagegen ganz anders aus. Schon aufgrund des Konkurrenz- und Kostendrucks ist man dort gezwungen, an die Grenzen des technisch Möglichen zu gehen, um im Geschäft zu bleiben. In diesem Bereich wird es also nicht mehr viele tiefhängende Früchte geben, die leicht zu ernten wären.

Der Auszug hat begonnen
Der Umstand, dass kaum ein Land dem deutschen Wendeeifer folgt, hat Ursachen und Folgen. Natürlich ist eine solche Herkulesaufgabe ein Kostenthema. Kaum ein Land ist bereit oder in der Lage, so viel Geld in die Hand zu nehmen. Zudem gibt es nur in wenigen Ländern ein so ausgeprägt negatives Verhältnis zur Kernkraft wie in Deutschland.
Unser westlicher Nachbar Frankreich erzeugt beispielsweise 70% seines Strombedarfs aus Kernkraftwerken. Eine der augenfälligsten Folgen der Energiewende ist die internationale Abkoppelung der deutschen Energiekosten. Im Vergleich zu den USA liegen sie schon jetzt doppelt so hoch, wobei sich dieser Unterschied noch ausweiten wird. Ob Wacker Chemie, BASF oder SGL Carbon, es mehren sich die Standortentscheidungen deutscher Vorzeigeunternehmen gegen Deutschland. Durch diese schleichende De-Industrialisierung wird auf zynische Weise der Energieverbrauch im Land tatsächlich sinken. Ein Erfolg ist das dennoch nicht, denn mit dem Wegfall wertschöpfender Arbeitsplätze wird die Zukunftsfähigkeit aufs Spiel gesetzt. Die Kombination aus hohen Löhnen und hohen Energiepreisen ist ein sicheres Rezept zur Schwächung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Wiederum auf zynische Weise könnte dies sogar die Verspannungen innerhalb des Euro-Systems mildern. Es sollte uns dennoch zu denken geben, dass kaum ein Land dem radikalen deutschen Energiekurs folgt. Offensichtlich wird unsere Energiepolitik nicht als Vorbild wahrgenommen, dem nachzueifern wäre, sondern als eine Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit, die ausgenutzt werden kann.

Vernichtende Urteile
Selbst die von der Bundesregierung eingerichtete Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) sah in ihrem Gutachten vom Februar 2014 keine Rechtfertigung für eine Fortführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), weil es weder zu mehr Klimaschutz beitrage noch zu Innovationen geführt habe. Es mache lediglich den Strom teurer. Ein vernichtendes, aber für Realisten kein völlig überraschendes Urteil. Zuvor hatte schon die Monopolkommission die EEG-Umlage gerügt und deren Abschaffung gefordert. Auch der Präsident des ifo-Instituts, Professor Hans-Werner Sinn, kam zum Ergebnis, dass die EEG-Umlage vollkommen wirkungslos sei, weil die frei werdenden CO2-Zertifikate über den Emissionshandel anderweitig verwertet würden.

Falsche Baustelle
Man muss sich also fragen, ob Deutschland mit einem geradezu atemberaubenden Aufwand nicht auf der falschen Baustelle arbeitet. Die Klimarelevanz des deutschen Sonderwegs ist gering, die Maßnahmen greifen zu langsam und sind kaum zu finanzieren. Wesentliche technische Fragen sind bislang ungelöst. Professor Gerd Ganteför
von der Universität Konstanz präsentiert in diesem Zusammenhang eine ausgesprochen interessante Grafik: den Zusammenhang zwischen der Fruchtbarkeit und dem Bruttoinlandsprodukt pro Person (vgl. Abb.). Wenn es gelänge, jenen Menschen, die heute in bitterster Armut leben (Einkommen unter ca. 1.500 USD/Jahr), eine wirtschaftliche Perspektive zu eröffnen, würden nach diesem gut belegten Zusammenhang dort die Geburtenraten drastisch sinken. Eine Verlangsamung des weltweiten Bevölkerungswachstums aber wäre ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz.

Fazit
Hier konnten nur einige Aspekte der deutschen Energiepolitik herausgegriffen werden. Vieles ist besser gedacht als gemacht bzw. als derzeit überhaupt machbar. Aktuell findet der deutsche Sonderweg kaum Nachahmer. Das verringert die Hoffnungen auf Exporterfolge grüner Spitzentechnologie. Die Gefährdung des Standorts schränkt dagegen künftige Handlungsspielräume ein.