Löcher in der Matrix – Lange Arme, kurze Beine

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch„Putins langer Arm reicht bis in Gremien der ARD“ (welt.de, 24.9.2014)

Man muss nicht besonders hellhörig sein, um in der Ukraine-„Kriegsberichtserstattung“ – wir nennen das jetzt einfach mal so – unserer Massenmedien eine gewisse Einseitigkeit zu erkennen. Der Russe war’s. Eingebetteter Journalismus ist allerdings nichts Neues. Das wurde spätestens mit der Finanz- und Euro-Krise klar, als uns stets aufs Neue versichert wurde, wie alternativlos wirtschaftsweise unsere Regierung sei und welch märchenhafte Erfolgsgeschichte unser Fiat-Money-System im Allgemeinen und der Euro im Speziellen darstellt – Märchen, genau.

Neu ist, dass inzwischen ein wenig Gegenwind aufzukommen scheint. So rügte jüngst der Deutsche Presserat das Titelbild der SPIEGEL-Ausgabe 31/2014. Auch wir thematisierten jene perfide Montage aus Opferporträts des Absturzes von Flug MH17 und der Forderung „STOPPT PUTIN JETZT!“. Der Presserat: „Aus Sicht des Ausschusses wurden die Opferfotos auf der Titelseite für eine politische Aussage instrumentalisiert.“

Im Editorial von Smart Investor 7/2014 widmeten wir uns der verfälschenden Berichterstattung durch die ARD: „Märchenstunde bei Frau Miosga“ lautete die Überschrift. Nun kritisierte auch der eigene Programmbeirat die Ukraine-Berichterstattung der ARD als voreingenommen und tendenziös. Beim ZDF kam es im Fernsehrat zum Streit über unkommentierte Bilder des Asow-Bataillons. Dieses Bataillon kämpfte an der Seite der Kiewer Regierungstruppen für westliche Werte(?) und zeigte dabei offen, wes Geistes Kind es ist – mit Hakenkreuzen und SS-Runen an den Helmen.

Im Prinzip lassen sich solche Beispiele aus den vergangenen Monaten beliebig fortsetzen. Nachdenklich machte nicht nur die Einseitigkeit der großen Meinungsbildner, geradezu gespenstisch ist die Einheitlichkeit – Berichte, wie an einem unsichtbaren Faden gezogen. Jetzt, da die kurzen Beine des selbsternannten „Qualitätsjournalismus“ mehrfach auch aus unverdächtiger Ecke bloßgestellt wurden, wirken die Rückzugsgefechte der Ertappten etwas ungelenk: Nach Lesart von www.welt.de soll etwa „Putins langer Arm“ in den Gremien der ARD ursächlich für die Rüge gewesen sein. Das Verfahren des Programmbeirats der ARD erinnere gar an „stalinistische Geheimprozesse“, schäumt es da. Auch sonst fallen die wichtigsten Stichworte: „Fünfte Medienkolonne“, „Putin-Versteher“, „vom Kreml finanzierte Heerscharen von Facebook-Aktivisten“, etc. Mit etwas weniger Schaum vor dem Mund könnte man zumindest zur Kenntnis nehmen, dass mittlerweile drei(!) Ex-Kanzler der Bundesrepublik Deutschland – also beileibe nicht nur „Gas-Gerd“ Schröder – Mäßigung im Verhältnis zu Russland angemahnt haben. Das sind nebenbei bemerkt, alle Ex-Kanzler die noch leben. Auch Langzeitaußenminister Genscher äußerte jüngst Verständnis für Putins Positionen. Alles Marionetten Moskaus?!

Dabei ist der Staatsfunk gelegentlich besser als sein Ruf. In einer Folge der ZDF-Reihe „Die Anstalt“ – die vom 23.9. ist wiederum äußerst sehenswert – erfährt der Zuschauer üblicherweise mehr Erhellendes und Nachdenkenswertes als bei Miosga und Kleber zusammen. Dafür würden viele Zuschauer wohl sogar freiwillig bezahlen. Vermutlich zieht das Format nur deshalb weitgehend unbehelligt seine Kreise, weil es werktags um 22:15 Uhr ausgestrahlt wird und unter der (falschen) Flagge der „Politsatire“ segelt.

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