Grafik der Woche – Ungeliebt, aber auf Wachstumskurs

Selbst bei Unternehmensanleihen sind Negativrenditen inzwischen keine Utopie mehr, wie entsprechende Beispiele bei den Emittenten Nestlé und Royal Dutch Shell zeigen. Alberto Gallo, Anleihe-Spezialist bei der Royal Bank of Scotland leitet daraus ab, dass Negativzinsen langsam zu einer Normalität werden. Untermauert wird diese Einschätzung auch durch die Tatsache, dass Anleihen mit Negativzins derzeit die am schnellsten wachsende Anlageklasse in Europa sind.

Laut Gallo, der das Segment sogar auf ein Volume von 2,2 Billionen USD taxiert, beträgt deren Anteil an den gesamten ausstehenden Staatsanleihen derzeit 32,5% (siehe Grafik oben). Vor einem Jahr belief sich das Volumen erst auf 110 Mrd. USD. Wobei es an der Renditefront natürlich nach wie vor große Unterschiede zwischen Kerneuropa und der Peripherie gibt. Deutschland führt auch hier die Herde an. Den Anteil der deutschen Staatsanleihen mit Negativrenditen beziffert er auf 66% (siehe Grafik unten).

Getrieben wird die zunächst etwas irrational anmutende Nachfrage der Anleger von Faktoren wie Deflationsangst oder der Hoffnung auf Währungs- und Kursgewinne. Nachfrage wird zudem auch von den Notenbanken selbst generiert. Alles Trends, die durchaus noch weiter anhalten und die Renditen weiterhin im negativen Terrain halten könnten. Zumal dies den hoch verschuldeten Staaten zum einen dabei hilft, ihr marodes System weiter aufrecht zu erhalten, zum anderen dadurch auch die Finanzierung der bereits existierenden Schulden erleichtert wird.

Was die Finanzminister freut und den Staatssäckel entlastet, hat an anderer Stelle aber natürlich auch negative Folgen. So werden Sparer praktisch dazu gezwungen, ihr Kapital in risikoreichere Anlageklassen umzuschichten, womit die Gefahr von Blasenbildungen in diesen Bereichen einhergeht. Außerdem dürften nicht wenige Marktteilnehmer die Existenz von Negativzins sogar als einen Hinweis dahingehend werten, dass mit unserem Finanz- und Wirtschaftssystem etwas nicht stimmt.

Es muss deshalb bezweifelt werden, ob das vorherrschende Zinsumfeld letztlich wirklich so expansiv wirkt, wie das von den Verantwortlichen unterstellt wird. Man darf jedenfalls gespannt sein, wie dieses Experiment in einigen Jahren rückblickend von Wirtschaftshistorikern bewertet wird.

Der Club der Negativzins-Zahler

Quelle: RBS Credit Strategy

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