Grafik der Woche – Über den Wiederbeschaffungskosten?

Tobin Q für US-Unternehmen (exklusive Finanzsektor)

 

Quelle: Stephen Wright, Thomson Datastream, Capital Economics

In diesem Jahr läuft es unter den großen Aktienmärkten vor allem in Europa und in Japan rund. Die Wall Street tut sich dagegen im siebten Jahr des laufenden Bullenmarktes noch etwas schwer. Dennoch hat es auch an der US-Börse für führende Aktienindizes wie dem S&P 500 Index zwischenzeitlich zu neuen Rekorden gereicht.

Die charttechnischen Aufwärtstrends sind somit intakt und es wäre voreilig, die Party als Anleger zu verlassen, solange deren Ende noch nicht eindeutig signalisiert wird. Dennoch macht es Sinn, sich manchmal zu vergegenwärtigen, wo wir bewertungstechnisch stehen. Und speziell was die Wall Street angeht, bewegen wir uns in dieser Hinsicht auf einem relativ anspruchsvollen Niveau.

Wiederbeschaffungswert derzeit bei 20.520 Mrd. USD
Bestätigt wird diese These auch durch den Tobin´s Quotient, kurz Tobin´s Q genannt. Dieser geht auf den US-Wirtschaftswissenschaftler James Tobin zurück, der im Jahr 1981 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt und die nach ihm benannte Kennziffer ab 1968 bekannt gemacht hat. Nach seinem Verständnis sollte der Börsenwert eines Unternehmens in etwa den Wiederbeschaffungskosten der physischen Vermögenswerte eines Unternehmens entsprechen.

Berechnen lässt sich das, indem die Marktkapitalisierung durch die Summe aller Vermögenswerte dividiert wird. Bei Werten von rund eins würde Tobin von einer fairen Bewertung sprechen. Liegt das Ergebnis dagegen unter eins, wäre der Wiederbeschaffungswert größer als der Unternehmenswert und es würde eine Unterbewertung vorliegen. Von einer Überbewertung müsste dagegen bei Werte von größer als eins gesprochen werden, weil dann der Börsenwert über dem Wiederbeschaffungswert liegt.

Auf dieser Basis muss dem US-Aktienmarkt derzeit eine eindeutige Überbewertung attestiert werden. Denn in der jüngsten Ausgabe der von der US-Notenbank veröffentlichten Financial Accounts of the United States wird der Börsenwert der ausstehenden Aktien von US-Unternehmen außerhalb des Finanzsektors für Ende 2014 auf 22.554 Mrd. USD beziffert. Das ist deutlich mehr als die Wiederbeschaffungswerte dieser Gesellschaften, der sich auf 20.520 Mrd. USD beläuft. Tobin´s Q bewegt sich somit derzeit bei rund 1,1 und läge damit nach der Definition des Erfinders rund 10% über dem fairen Wert.

74% über dem historischen Durchschnitt
Legt man allerdings historische Relationen zugrunde, dann muss sogar von einer deutlich höheren Überbewertung gesprochen werden. Denn der Durchschnitt, der sich für die US-Börse seit dem Jahr 1900 ergibt, beträgt 0,63. Verglichen damit liegen wir derzeit 74% darüber. Laut Capital Economics Chefvolkswirt John Higgins ändert das grundsätzlich nichts an der relativ hohen Aktienbewertung in den USA. Allerdings rechnet er nur deswegen auch nicht mit einem baldigen Kollaps der Notierungen. Dazu muss man wissen, dass Tobin´s Q ein langfristiger Börsen-Indikator ist, der nicht wirklich zum kurzfristigen Markttiming taugt. Im Hinterkopf behalten sollte man als Anleger aber schon, dass langfristige Marktindikatoren wie Tobin´s Q oder das um zyklische Faktoren angepasste KGV längst eine relativ anspruchsvolle Bewertung für die Wall Street signalisieren.

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