Löcher in der Matrix – Käufliches Glück

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch„Dan Price (29) – Der beste Boss aller Zeiten“ (bild.de, 17.4.2015)

In der Rubrik „Hot aus dem Netz – worüber wir lachen, weinen, uns ärgern“ berichtet bild.de über Dan Price. Und tatsächlich, der Price ist heiß – Typ Frauenschwarm, der gerade mit seinem Surfboard aus der Brandung gestiegen zu sein scheint. Da mochten sich die bild.de-Redakteure nicht in ihrer boulevardtypisch spröden Zurückhaltung üben und kürten Price kurzerhand zum „besten Boss aller Zeiten“. Unternehmer eignen sich ansonsten ja eher nicht als moderne Volkshelden. Dieser hier aber schon, denn er verhielt sich ganz untypisch für die eigene Zunft und führte kurzerhand eine Art Mindestlohn für die eigene Belegschaft ein – 70.000 USD pro Jahr!

Es dürfte der Begeisterung der Redakteure für den jugendlichen Helden geschuldet sein, dass sie mit den Fakten ein wenig durcheinander gekommen sind. Während es in der Unterüberschrift noch heißt, dass Price „allen 120 Mitarbeitern die Gehälter“ erhöht und – Applaus, Applaus, Applaus! – „sein eigenes Gehalt um über 90 Prozent“ kürzte, liest sich das im eigentlich Text ein bisschen anders: „… wuchsen die Gehaltsschecks von insgesamt 70 Angestellten“. Wenn also die Gehälter aller Angestellten einer 120-köpfigen Belegschaft erhöht werden, dann wachsen die Gehaltsschecks aber nur bei 70 von ihnen. Alles klar?! Verdammte Textaufgaben. 50 Mitarbeiter scheinen vom neuen „Robin Hood“ also gar keine Gehaltserhöhung bekommen zu haben – das sind rund 40% der Belegschaft. Ob sich auch diese 50 mit „lautstarkem Jubel und überschwänglichen Umarmungen“ zumindest solidarisch mitfreuten, wurde nicht berichtet.

Wie auch immer, die Publicity lässt sich Price einiges kosten. Sein eigenes Gehalt senkt er von einer Million USD ebenfalls auf die magischen 70.000 USD. Zusätzlich fließen 80% des Jahresgewinns von 2,2 Mio. USD in die Beglückungsmaßnahme. Und Glück darf man hier ganz wörtlich nehmen, denn die Idee kam Price bei der Lektüre des Magazins „Happiness“, das herausgefunden haben will, dass die Gleichung „Mehr Geld = mehr Glück“ eigentlich nur bis zu einem Jahresgehalt von 70.000 USD gilt. Das Geld ist bei den nun maximal beglückten Mitarbeitern also bestens angelegt. Zudem wäre eine vergleichbar positive und sogar weltweite Resonanz mit einem herkömmlichen Werbeetat wohl auch nicht möglich gewesen. Dass Price an der Inszenierung in eigener Sache durchaus Gefallen findet, zeigte er bei der Wahl zum „Entrepreneur 2014“, eine Art Misswahl für Unternehmer.

Vor allem beweist Price mit seinem „Gleicher Lohn für alle“-Vorstoß aber ein untrügliches Gespür für den Zeitgeist. Dieser lechzt nämlich geradezu nach neuen Unternehmer-Vorbildern – jung, dynamisch, selbstlos. Dass das Gewerkschaftslager – auf Basis wissenschaftlicher Studien versteht sich – mehr Umverteilung fordert, ist alles andere als originell, dass aber ein Unternehmer Umverteilung – „Tue Gutes und rede darüber“ – praktiziert, schon. Und Price trifft nicht nur „den Nerv der Nation“, sondern zufälligerweise auch ein zentrales Wahlkampfthema von Hillary Clinton, die „zum Start ihrer Kampagne bereits ein unfaires Wirtschaftssystem beklagt“ hatte. Dass Frau Clinton selbst lieber Wasser predigt als trinkt (vgl. das neue Buch »Clinton Cash: The Untold Story of How and Why Foreign Governments and Businesses Helped Make Bill and Hillary Rich«), weist sie ebenso als echten Politprofi aus, wie die rasche und „faire“ Entsorgung ihrer möglicherweise belastenden Emails. Wir dürfen also lachen, weinen und uns ein wenig ärgern – „Hot aus dem Netz“.

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