Löcher in der Matrix – „Polizeigewalt“

„Polizeigewalt gegen Flüchtlinge: Prahlereien per WhatsApp hatten Methode“ (zeit.de, 18.5.2015)

RTEmagicC_Matrix_mit_LochEine Überschrift die zusammenzucken lässt und zusammenzucken lassen soll. Flüchtlinge sind nach ihrer Flucht, also bereits in Deutschland erneut zu Opfern geworden – und schlimmer noch zu Opfern von „Polizeigewalt“. Damit ist der Rahmen abgesteckt, in dem die Online-Ausgabe der ZEIT ihren Lesern eine Geschichte erzählen will. Bei bild.de liebt man es dagegen handfester: „Skandal auf Bahnhofswache in Hannover: Folter-Polizist quälte zwei Flüchtlinge“. Während man im Boulevard traditionell mit dem Holzhammer arbeitet, sind die wohlfeilen Formulierungen bei zeit.de tatsächlich viel gravierender. Der Einzeltäter mutiert dort gleich zur abstrakten „Polizeigewalt“ – ein struktureller Missstand, der der Abhilfe bedarf. Auch die Beweisführung bleibt spekulativ: „Diese Vorfälle haben auf der Wache in Hannover offenbar Methode.“ Das Wort „offenbar“ signalisiert vor allem eines: Man weiß es nicht. Auch taugt eine Häufung von Vorfällen um eine Wache, oder gar Person, nicht ernsthaft für die Konstruktion eines strukturellen Problems.

Dennoch fallen die wichtigen Worte, um gleich eine ganze Organisation zu diskreditieren: „Korpsgeist“, „Konsens mit Gesinnungsgenossen“, „Racial Profiling“. Damit der Leser auch wirklich die „richtigen“ Schlussfolgerungen zieht, gibt es noch etwas Interpretationshilfe dazu: „Institutionellen Rassismus gebe es bei der Polizei, bei Behörden, in der Gesetzgebung“, so wissen „nicht nur Asylsuchende und ihre Unterstützer, sondern auch Menschenrechtsorganisationen und Wissenschaftler“ zu berichten. Damit steht dann praktischerweise nicht nur eine Wache in Hannover, sondern praktischerweise gleich das gesamte Land bis hinauf zum Gesetzgeber unter Generalverdacht – „wissenschaftlich fundiert“ versteht sich. Wie nennt man es doch gleich, wenn von einem oder wenigen Einzelfällen auf die Eigenschaft einer Gesamtheit geschlossen wird? Dennoch arbeiten auch hier Politik und Medien Hand in Hand. Eine solche Steilvorlage will schließlich niemand ungenutzt lassen.

Was bei so viel Verallgemeinerung und vorgefasster, jederzeit abrufbarer Meinung ein wenig aus dem Blick geraten kann, ist der konkrete Einzelfall. Wir wollen hier gar nicht die inzwischen allgemein fahrlässig unscharfe Verwendung des Begriffs „Flüchtling“ thematisieren. Vor allem erfüllt das Wort in dieser Geschichte den Zweck, den Kontrast zwischen dem unschuldig verfolgten Individuum als Opfer der gesichtslosen Staatsmacht herauszuarbeiten – hier der hilfsbedürftige Mensch, dort der bösartige Apparat. Mit dem Wort Schwarzfahrer funktioniert die Geschichte schon nicht mehr so gut. Dabei zerbröselt das wunderbare Begriffspaar auch auf der anderen Seite der Gleichung. Denn der Täter „spezialisierte“ sich bei seinen Misshandlungen nach jüngeren Presseberichten keineswegs nur auf Flüchtlinge, er nahm auch einmal mit einer Kollegin vorlieb – der hielt der sogar die Waffe an den Kopf. Bei einem solchen Kollegen kann der von Ferne diagnostizierte „Korpsgeist“ dann auch schlichte Angst gewesen sein.

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