Löcher in der Matrix – Die zwei Seiten des Gold-Crashs

„Der Gold-Crash markiert ein neues Zeitalter“ (welt.de, 20.7.2015)

Ein Ereignis, zwei Perspektiven: Für den (Wirtschafts-)Mainstream ist der Sturz des Goldpreises vom Wochenanfang ein gefundenes Fressen. Süffisant wird da über die „zahlreichen Krisen der Welt“ räsoniert, die „den Goldpreis zu neuen Höhen treiben“ müssten. Die „einstige“ Krisenwährung aber sei abgestürzt, obwohl die Bedingungen doch „ideal“ seien. Alle Sichtworte fallen: Der „neue kalte Krieg“, der chinesische Aktiencrash, eine drohende Weltrezession und selbst die „griechische Tragödie“. Da werden viele Krokodilstränen vergossen.

Genüsslich werden alle Negativrekorde des vergangenen Montags aufgezählt: „ größter Tageseinbruch seit Juni 2013 … Erstmals seit dem 26. März 2010 … weniger als 1.100 Dollar … rutschte … unter die Marke von 1.000 Euro“. Martin Armstrong, der im Mainstream durchaus auch schon kritischer gesehen wurde, wird nun als „Investorenlegende“ zitiert: „Panik-Zyklus … schon bald unter die 1.000-Dollar-Schwelle … weiterer Absturz auf 600 bis 700 Dollar“.

Und um den Gold-Fans den Rest zu geben, wird auch gleich noch der große Hoffnungsträger China demontiert: „Ausgerechnet China ist für den jüngsten Ausverkauf verantwortlich. Auslöser war die offizielle Bekanntgabe der Goldreserven des chinesischen Staates.“ Der „Zuwachs lag deutlich unter den Erwartungen des Marktes.“ Chinesische Wirtschaftsstatistiken – so möchte man ergänzen – gelten ja von jeher als Ausbund von Zuverlässigkeit und Neutralität.

Selbst folgender Hinweis durfte nicht fehlen: „Russland hat den goldenen Weg bereits beschritten: Seit der Krim-Krise im Februar 2014 stockte der Kreml seinen Edelmetallschatz gewaltig auf“. Russland, Krim, Gold – dieser Dreiklang macht unmittelbar klar, dass Russland nicht nur ein Schurkenstaat ist, sondern offensichtlich auch noch ein dummer dazu. Fazit: „Revival des Goldes ist schwer vorstellbar“

All diese Schlussfolgerungen werden aus jenem ominösen Sturz des Goldpreises um mehr als 50 USD/Feinunze in der Nacht zum Montag gezogen. Drei Tage später kam dann etwas mehr Licht in die Angelegenheit:

“Gold-Flash-Crash aufgeklärt: Order aus New York Auslöser” (finanzmarktwelt.de, 23.7.2015)

Wer nun erwartet hatte, dass der Mainstream auch ähnlich intensiv über den Hintergrund jener Orders aufklärt, der sieht sich enttäuscht. Hintergrundinformationen dieser Art scheinen dort eher als Holschuld angesehen zu werden – und die muss sich der Interessierte dann bei vergleichsweise kleinen Portalen wie www.finanzmarktwelt.de beschaffen. Demnach war nicht China für den Kurssturz „verantwortlich“, sondern Orders aus New York. Diese trafen in ungewöhnlicher Größe und in extrem kurzem Zeitabstand auf einen feiertagsbedingt dünnen Handel. Die weitreichenden Schlussfolgerungen aus diesen wenigen Großorders darf man also durchaus noch mit einem Fragezeichen versehen.

 

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