Löcher in der Matrix – Und seine Heiligkeit lächelte

„Dalai Lama: ‚Meine Nachfolgerin sollte sehr, sehr hübsch sein’“ (spiegel.de, 24.09.2015)

RTEmagicC_Matrix_mit_LochFalls es in der Bundesrepublik eine Person gibt, die praktisch quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten konsensfähig zu sein scheint, dann ist das der Dalai Lama. Bewundert werden seine Fröhlichkeit und seine alltagstauglichen Weisheiten für ein glückliches Leben. Der mittlerweile 80jährige Rockstar unter den religiösen Führern ist so etwas wie der personifizierte Gegenentwurf eines Hasspredigers. Wo andere geifern oder moralisieren, da lächelt der Dalai Lama.

In einem BBC-Interview antworte seine Heiligkeit jetzt aber auf die zeitgeistige Frage, ob er sich als Nachfolger auch eine Frau vorstellen könne, ganz unzeitgeistig: „Wenn meine Nachfolgerin eine Frau wird, dann sollte ihr Gesicht sehr, sehr hübsch sein.“ An dieser Stelle dürften bei einer anderen Glaubensgemeinschaft bereits die Ohren geklingelt und die Alarmglocken geläutet haben. Ein hübsches Gesicht als Kriterium? Darin erkennen die Hohepriesterinnen des Feminismus üblicherweise „Sexismus“. Entsprechend schmallippig bewerteten jene Redaktionen, die den Dalai Lama überhaupt zitierten, seine Aussage als „verwirrend“.

Brav gelernt, denn Schönheit darf – besonders bei Frauen – offenbar offiziell nicht länger eine positive Eigenschaft sein. De facto ist Schönheit aber genau das, wie unzählige Untersuchungen belegen. In einer Gesellschaft, die sich so sehr der Gleichheit und einer allumfassenden Gerechtigkeit verschrieben hat, ist es mit der Schönheit so eine Sache: Sie ist in höchstem Maße „ungerecht“ verteilt. Man erhält sie als leistungsloses und unversteuertes Erbe, das nicht einmal der späteren Umverteilung zugänglich ist – ein echter Anachronismus also. Wer, wie offenbar der Dalai Lama, Schönheit schön findet, der gilt insbesondere den weniger attraktiven Zeitgenossen als „Lookist“.

Frauenfeindlichkeit kann man seiner Heiligkeit dennoch nicht vorwerfen, denn der bekennende Feminist machte sich im selben Interview dafür stark, dass Frauen „allgemein eine wichtigere Rolle einnehmen“, denn sie seien „viel besser darin, Liebe und Mitgefühl zu zeigen.“ Jedoch endete auch diese Lobeshymne „irritierend“ – mit dem Hinweis, dass sie „eben auch attraktiv aussehen“ müssten. Moderator Clive Myrie fragte verunsichert nach, aber der Dalai Lama zeigte sich unbeirrt: „Es ist wahr“ – und seine Heiligkeit lächelte.

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