Löcher in der Matrix – Subtile Staatsfunker

„’Brexit‘-Debatte: Camerons Reformbemühungen ‚haben keine politische Wirkung’“ (deutschlandfunk.de, 31.3.2016)

„Neuer Ifo-Chef Clemens Fuest: ‚Die Lage ist nicht so gut wie viele denken’“ (deutschlandfunk.de, 1.4.2016)

RTEmagicC_Matrix_mit_LochImmer wieder schicken uns Leser „Löcher in der Matrix“, die sie in den Mainstream-Medien entdeckt haben. Dafür an dieser Stelle einmal unseren herzlichen Dank. Die beiden oben angeführten Beiträge stammen von ein und demselben Leser – und sie stammen aus derselben Quelle – dem allgemein als seriös angesehenen Deutschlandfunk. Der Deutschlandfunk, das ist jener Sender bzw. jenes Portal, das wir alle zwangsweise mitfinanzieren, und an das wir von daher schon einen gewissen Qualitätsanspruch stellen dürfen – „unabhängige Grundversorgung“ mit Information und so.

Die beiden Beiträge haben noch etwas gemeinsam: Auf ziemlich subtile Weise sollen dem Leser Dinge untergeschoben werden, die durchaus hinterfragbar sind. Im ersten Beitrag kritisiert beispielsweise die britische Labour-Abgeordnete Gisela Stuart, die übrigens aus Deutschland stammt, das aktuell verhandelte TTIP-Abkommen. Beim Deutschlandfunk wird TTIP konsequent, ja penetrant, als „Freihandelsabkommen“ bezeichnet. Das klingt ein bisschen nach einer Sprachregelung, denn wer wollte schon etwas gegen freien Handel haben? Das Ganze gipfelt in folgendem Dialog:

Stuart: … Im Augenblick ist bei uns eine ganz große Debatte über das, was wir hier TTIP nennen, ich weiß nicht, wie man das auf Deutsch nennt.

Spengler: Sagen Sie noch mal, ich habe es akustisch nicht verstanden.

Stuart: TTIP, transatlantic …

Spengler: Das Freihandelsabkommen ist das.

An einer anderen Stelle nimmt Stuart sogar das Wort „Weltregierung“ in den Mund:

„Ich lebe jetzt schon lange genug, um zu wissen, dass für die großen Firmen, für die wäre vielleicht eine Weltregierung am allerbesten, weil man will Sicherheit haben, Sicherheit nicht in dem Teil, dass es persönlich sicher ist, sondern man kann voraussehen, was als Nächstes passiert, Stabilität.“

Nun ist Stuart als Demokratin aber ganz und gar nicht der Meinung, dass dies der richtige Weg wäre. Ihre Conclusio: „… vielleicht brauchen wir ein bisschen mehr Wettbewerb zwischen uns.“ Diese auch aus unserer Sicht richtige, in jedem Fall aber interessante Schlussfolgerung aus den Fehlentwicklungen der EU wird im weiteren Fortgang des Interviews ignoriert. Stattdessen „sorgt“ sich der Interviewer über mehr Bürokratie im Falle eines Brexit. Und er verweist auf „viele Praktiker“, die davon ausgingen, dass sich die angestrebte Souveränität damit „überhaupt nicht“ erreichen lasse. Merken Sie was? Hier die naive Sicht einer überzeugten Demokratin, dort die vielen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und daher wissen, wie der Hase wirklich läuft.

Im zweiten Fundstück geht es um die Eurokrise. Die Interviewerin versucht sich in der Demontage des früheren ifo-Präsidenten Hans-Werner Sinn, indem sie dessen Nachfolger Clemens Fuest ebenso ausführlich wie süffisant mit ihrer Weltsicht konfrontiert. Erst auf der Zielgeraden mündet das Ganze dann in eine kurze Frage:

Klein: Ja, aber vielleicht noch mal ein Wort zur Eurokrise: Es gab ja Zeiten, da haben wir hier auch bei uns am Morgen über fast nichts anderes geredet mehr als über dieses Thema. Und Herr Sinn hat ja teilweise fast mehr oder weniger den Untergang der Eurozone prophezeit, wenn es bei diesen Krisenbewältigungsmechanismen, die von der Bundesregierung verfolgt wurden, bleibt. Das Gegenteil ist doch aber eingetreten. Ist er in Teilen widerlegt?“

„Eurokrise: Es gab ja Zeiten …“ – lange ist es her, soll der Leser/Zuhörer wohl denken. Der neue ifo-Chef ließ sich jedoch nicht aufs Glatteis führen und parierte professionell:

Fuest: Es ist ein bisschen früh zu sagen, dass das Gegenteil eingetreten ist. In der Eurokrise sind wir so vorgegangen, dass vieles durch billiges Geld überdeckt worden ist.“

Beide Beispiele zeigen unseres Erachtens sehr schön, wie Weltbilder implizit vermittelt werden, außerhalb der eigentlichen Fragestellungen. Viel zu selten trifft diese Form des Journalismus auf Gesprächspartner, die die Dinge sofort zurechtrücken. Und noch seltener wird die Bedeutung solcher kleinen Scharmützel thematisiert.

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