Löcher in der Matrix – Europa, reloaded

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch„Brexit – Europas schwarzer Tag“ (bild.de, 24.6.2016)

Weniger ein Loch in der Matrix, als unser Kommentar zum Brexit-Votum der vergangenen Nacht. War dies wirklich „Europas schwarzer Tag“, oder wurden wir Zeugen einer Sternstunde der europäischen Demokratie? Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten wie es der allgemeine Katzenjammer des Festland-Mainstreams nahezulegen scheint. Diese Abstimmung war auch eine Abstimmung über das zunehmende Chaos auf dem europäischen Festland, die Angst vor einer Ausbreitung „deutscher Verhältnisse“. Wie sich die Zeiten geändert haben. Während die Bundesrepublik über Jahrzehnte für ihre Verlässlichkeit und ihren Sinn für das Machbare geschätzt wurde, taumelt sie nun als „loose cannon“ durch den Kontinent – unter sogenannten Eliten, die sich vor allem an ihrer eigenen, weltfremden Gesinnungsethik berauschen. Darüber freilich schweigt der bundesdeutsche Mainstream ebenso wie alle „Europapolitiker“, die die Verantwortung für den Brexit alleine beim britischen Premier David Cameron sehen wollen. Sein „historischer Fehler“ bestehe darin – und darin sind sich alle EU-Antidemokraten einig –, das Volk um seine Meinung gefragt zu haben. Das haben wir doch noch nie so gemacht, tönt es sinngemäß schon den ganzen Tag aus Brüssel und vielen anderen Hauptstädten des Kontinents. Mit dem Austritt des ersten Landes aus der Europäischen Union werden in den Geschichtsbüchern neben David Cameron eben auch die Namen von Jean-Claude Juncker, Martin Schulz und Angela Merkel untrennbar verbunden sein. Rücktritte sind von den letzten Dreien allerdings kaum zu erwarten – aus „Verantwortung für Europa“ versteht sich.

Überhaupt werden viele der heute verfassten Analysen nur eine kurze Halbwertszeit haben. Viel wird davon abhängen, wie rational sich alle Beteiligten im Austrittsprozess verhalten. Die Bürger ganz Europas dürfen erwarten, ja müssen einfordern, dass die jetzt verschmähte Brüsseler Braut keinen Rosenkrieg anzettelt, sondern beide Seiten auf eine Trennung unter freundschaftlichen Vorzeichen hinwirken. Die freundschaftliche Verbindung der europäischen Völker ist ein ungleich höheres Gut als alle Eitelkeiten der „Europapolitiker“, die im Wesentlichen ohnehin nur zweite Garde sind. Für die EU wird das in jedem Fall der schwierigere Part: Kommt sie den Briten zu weit entgegen, könnte das ebenso Nachahmer auf den Plan rufen wie eine zu harte Haltung, die die in vielen Ländern ohnehin vorhandenen Ressentiments gegen Brüssel weiter verstärkt.

Auch wenn es heute wieder einige gibt, die es vorher besser gewusst haben wollen, wir gehören nicht dazu. Alle Indikatoren deuteten unmittelbar vor der Abstimmung auf ein Scheitern der „Brexiteers“: Die Umfragen waren noch am gestrigen Morgen bei 50:50 und neigten sich im Tagesverlauf zu Gunsten der EU-Befürworter – allerdings wird hier oft ohne innere Anteilnahme oder nach sozialer Erwünschtheit geantwortet. Auch die Art der Frage nimmt Einfluss auf das Ergebnis. Diese Effekte sind bei den Buchmachern weitgehend ausgeschlossen – weil dort Geld eingesetzt wird und weil es deshalb nicht um das Gewünschte, sondern um das Wahrscheinliche geht. Die Quoten deuteten aber sogar noch stärker auf einen Verbleib der Briten in der EU als die Umfragen. Schließlich signalisierten die Märkte seit Montag, dass das Thema „abgehakt“ sei. Und obwohl auch Märkte die Zukunft nicht kennen, sind sie – von Übertreibungen abgesehen – gar nicht so schlecht darin, sich der Zukunft entgegen zu tasten. Auch sie lagen diesmal daneben. Hätte die Stimmung dort in der ersten Wochenhälfte nicht gedreht, wären heute die Überraschung und damit die Fallhöhe geringer gewesen.

Man sollte die heutigen Marktreaktionen also nicht überbewerten. Einige große Wetten sind schiefgelaufen. Ganz so schlimm, wie es die Paniktiefs andeuten wird es aber wohl nicht kommen. In dem Maße, wie sich Großbritannien vom Brüsseler Bürokratiemonster befreit, kann der Brexit letztlich durchaus auch eine Erfolgsgeschichte werden. Wenn man an Wettbewerb glaubt – und das tun wir – dann wird ein Wettstreit der Systeme für die Menschen in Europa im Endeffekt mehr Wohlstand und mehr Freiheiten bringen als der zentral gelenkte EU-Einheitsstaat. Der gerät vor allem dann unter Druck, wenn die Briten perspektivisch tatsächlich ihren Weg machen. Falls dem aber so sein sollte, dann gibt es keinen Grund dem Irrweg der Brüsseler Superbürokratie nachzuweinen – außer man ist EU-Beamter oder EU-„Abgeordneter“. Vielleicht erweist sich der gestrige Tag rückblickend einmal als der entscheidende Schritt in Richtung eines „Europas der Vaterländer“ (Charles de Gaulle), vielleicht sogar als einer in Richtung eines Europas starker Regionen. In einer solchen Konstellation könnte Politik sogar wieder ein Stück ehrlicher und verantwortungsvoller werden, weil sie sich dann nicht länger hinter Brüsseler Richtlinien verstecken kann, die sie angeblich nur umsetzt. Die Chance für ein besseres Europa besteht – Europa, reloaded.

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