Buchbesprechung – „Die Akte Moskau“

Woman resting with book near fireplace

BB_Cover_Akte MoskauEs macht einen gewaltigen Unterschied, ob man etwas dem Hörensagen nach wiedergibt oder ob man tatsächlich „live dabei“ war. Als ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung (1988-1992) und Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der KSZE/OSZE (1994-2000) war Buchautor Willy Wimmer direkt involviert bei der Gestaltung Deutschlands im Zuge der Wiedervereinigung. Dies beinhaltet auch Fragestellungen, an die man im ersten Moment nicht unbedingt denkt. Was sollte zum Beispiel mit der Nationalen Volksarmee (NVA), der Streitkraft der ehemaligen DDR, passieren? „So mancher konnte sich einfach nicht vorstellen, dass demnächst Angehörige der ‚Parteiarmee‘ NVA in der Bundeswehr mitmarschieren, vielleicht sogar den Ton angeben sollten“, erinnert sich Wimmer. Oder wie sollte man sich gegenüber Russland (damals noch Sowjetunion) positionieren, und welche neue Rolle sollte das wiedervereinte Deutschland innerhalb der NATO einnehmen? Und nicht zuletzt: Was würde sich in der Außenpolitik zu Ländern wie den USA, Frankreich und Großbritannien ändern?

Herausgekommen ist ein Zeitzeugnis, das klarer und prägnanter kaum sein könnte. Wimmer verzichtet auf politische Höflichkeiten, laviert nicht herum, sondern bezieht eine klare Position und kritisiert damalige Mitstreiter wie Rita Süssmuth oder Volker Rühe durchaus explizit. Nun hat Wimmer sein Werk aber bewusst „Die Akte Moskau“ genannt – denn das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland liegt ihm besonders am Herzen. Das mag daraus resultieren, dass er die amerikanische „hü-und-hott“-Strategie im Hinblick auf Russland am eigenen Leib erfahren hat. So reiste er im Frühsommer 1988 als Mitglied der Arbeitsgruppe Verteidigung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in die USA. Im Hauptquartier der CIA in Langley wurde man dann gebrieft: „Man solle sich lösen von dem, was man seit Jahrzehnten über militärische Potenziale und Strategien in der Auseinandersetzung zwischen Ost und West in Europa gehört habe (…) Die Sowjetunion verfolge rein defensive Absichten. Es gehe einzig und allein um Verteidigung zum Schutz von ‚Mütterchen Russland‘“. Noch in Gesprächen Ende September/Anfang Oktober 1989 hieß es, es gelte, „ein neues Kapitel“ geprägt von Frieden aufzuschlagen. Nach der Wiedervereinigung vollzogen die USA eine komplette Kehrtwende. Während der Abrüstungskonferenz in Wien 1991 machte ein hoher amerikanischer Diplomat deutlich, „ dass die Zeiten der engen, vertrauensvollen Abstimmung zwischen Washington und Bonn vorbei seien“. Mit dem Ende des Kalten Krieges sei es an der Zeit, dass die USA ihren eigenen (geopolitischen) Weg gingen.

Was folgte, war eine Spirale an Affronts, bei denen man Russland Bewunderung zollen muss, dass es darauf umsichtig und besonnen reagiert hat. Im März 1992 wurde aus der Bundesregierung die Forderung laut, die NATO nach Osten auszudehnen. Grund waren „historisch bedingte Probleme zahlreicher Völker mit Russland und den Russen ganz allgemein“. Anfang Mai 2000 erläuterte die Führungsspitze des amerikanischen Außenministeriums während einer Konferenz in Bratislava das neue Konzept: „Zwischen den baltischen Staaten und dem ukrainischen Odessa sei eine rote Linie zu ziehen. Westlich dieser Linie sei alles amerikanisch bestimmt. Davon sei auch die Rechtsordnung betroffen (…).“ Letztes Kapitel dieses Säbelrasselns lieferten die NATO-Verteidigungsminister in Brüssel Mitte Juni 2016, als sie eine „dauerhafte Rotation von Großeinheiten an der westrussischen Grenznähe“ beschlossen. Kaum 150 km von der Stadtgrenze St. Petersburg entfernt stehen Panzer auf estnischem Gebiet wie auch im gesamten Baltikum, ebenso in Polen und in Rumänien. An eine präventive NATO-Osterweiterung unter dem Deckmantel der Friedenssicherung glauben inzwischen nur noch die Wenigsten. Wer sagt eigentlich, dass Deutsche und Russen nicht in Frieden miteinander leben können? Oder wie Wimmer es formulierte: „Man fragt sich wieder und wieder, weshalb man mit einem Land so verfeindet sein sollte, mit dessen Menschen man sehr gut klar kam.“

Fazit: Ein echter Blick hinter die Kulissen – lesen, nachdenken, selber die nötigen Schlüsse ziehen!

Marc Moschettini

„Die Akte Moskau“ von Willy Wimmer; zeitgeist Verlag; 328 Seiten; 24,80 EUR