Grafik der Woche – Schulden sind out

Die Aktien von US-Unternehmen mit schwachen Bilanzen laufen 2017 deutlicher schlechter als jene mit guten Bilanzen

GdW 170511

Bei dem inzwischen gut acht Jahre alten Bullenmarkt scheint auf den ersten Blick weiter alles so zu laufen wie bisher. Schließlich befinden sich die Aktien-Leitindizes in den USA und Europa nach wie vor auf Rekordjagd. Doch bei genauem Hinsehen gibt es unter der Oberfläche eine interessante Entwicklung: Das Phänomen zeigt sich bislang allerdings nur in den USA, nicht aber in Europa und auch nicht in Japan. Gemeint ist der Umstand, dass sich die Aktienkurse von US-Unternehmen mit schwachen Bilanzen in diesem Jahr deutlicher schlechter entwickeln als jene von Gesellschaften mit guten Bilanzen. Wie die Société Générale berechnet hat, beträgt das Kräfteverhältnis dieser beiden Gruppen in Sachen Performance bisher plus 1% zu plus 13%.

Andrew Lapthorne, Leiter der quantitativen Analyse bei der französischen Großbank, interpretiert das wie folgt: Die Anleger schenken dem gewachsenen Schuldenberg inzwischen mehr Beachtung als es die nach wie vor gut laufenden Unternehmensanleihen vermuten lassen. Die aufgezeigte Performance-Diskrepanz signalisiere eindeutig eine zunehmende Besorgnis hinischtlich dieses Punktes. Regional fokussiere sich dies bisher auf die USA, weil die Verschuldung der Unternehmen in Europa und in Japan noch nicht ganz so stark gestiegen sei, so Lapthorne.

Wie Volkswirt Eberhard Unger von der Analysegesellschaft Fairesearch vorrechnet, erreichte die Verschuldung der Unternehmen in den USA Ende 2016 ein Rekordniveau. Die Nicht-Finanzunternehmen wiesen demnach einen Schuldenstand von 5,8 Bio. USD auf. Der finanzielle Sektor sei gleichzeitig auf 13,4 Bio. USD gekommen. Dies vergleiche sich mit einem nominalen Bruttoinlandsprodukt der USA von 18,5 Bio. USD.

Für den starken Anstieg dieser Schuldenlast in den vergangenen Jahren macht Unger die Nullzinspolitik der Notenbanken verantwortlich. Diese habe die Unternehmen ermutigt, billige Kredite aufzunehmen. Im Vorjahr sei das aufgenommene Kapital laut Citicorp und Goldman-Sachs zu etwa 48% in Aktienrückkäufe geflossen.

Zu vergleichbaren Schlussfolgerungen hinsichtlich der Wirkung der unorthodoxen Geld- und Nullzinspolitik auf das Schuldenwachstum kommt auch Francis Scotland, Director of Global Macro Research bei der Legg Mason Tochter Brandywine Global: „In den USA haben viele Unternehmen schlicht Aktien zugunsten von Schulden getauscht und damit die Schuldenrate auf neue Höchststände getrieben.“ Diesen Aspekt sollten Anleger, trotz aller derzeit herrschenden Freude über die Kurssteigerungen an Wall Street, weiter kritisch beobachten.

⇐ Vorherige Grafik der Woche   Nächste Grafik der Woche ⇒