Löcher in der Matrix – Blackout

RTEmagicC_Matrix_mit_LochNachdem Kanzleramtsminister Peter Altmaier diese Worte aussprach, wurde es am vergangenen Sonntag auf den Bildschirmen der Fernsehnation schlagartig dunkel. Anne Will hatte ihre Frage an den CDU-Mann mit folgenden Worten eingeleitet:

„Es war, Herr Altmaier, Angela Merkels Idee, den Gipfel genau in diese Stadt zu geben, nach Hamburg nämlich, eine Stadt auch, in der es die gerade angesprochene linksextremistische Szene gibt, eine Stadt auch, da könnte jetzt auch ein Schelm Böses bei denken, die SPD-regiert ist …“

Der Gedanke ist durchaus naheliegend und spielte auch in unserem SIW 28/2017 („Schwarzer Block und Schwarzer Peter“ – gemeint war nicht Altmaier) vom vergangenen Mittwoch eine Rolle. Als der Kanzleramtsminister antworten wollte, brach die Verbindung zu den Zuschauern ab. Die nächsten gut zehn Minuten wurde eine Tafel mit einem Störungshinweis gezeigt. Dazu gab es entspannende Musik. Das Ganze war so erfolgreich, dass sich die Verantwortlichen überlegen sollten, das Will-Format künftig dauerhaft auf Störungshinweis plus Entspannungsmusik umzustellen.

Zumindest waren die Reaktionen des Internets auf den Abbruch wesentlich eindrucksvoller, als es eine Aussage Altmaiers je hätte sein können. Um Erklärungen waren die selbsternannten Netzdetektive jedenfalls nicht verlegen. Und in einer Hinsicht waren sie sich ganz sicher: Da steckt viel mehr dahinter als das vom ARD-Social-Media-Team kommunizierte „Leitungsproblem“.

Natürlich lag die Assoziation zu jener Scheibenwischer-Sendung aus dem Jahr 1986 nahe, die der seinerzeit noch tiefschwarze Bayerische Rundfunk seinen Zuschauern nicht zumuten wollte und sich deshalb kurzerhand aus der Übertragung ausklinkte. Spätestens seit damals ist auch der „Erfolg“ solcher Zensurmaßnahmen bekannt: Sie verkehren sich in ihr Gegenteil. Die Sendung wurde zur Legende. Oder man hätte gleich bei der katholischen Kirche nachgefragt, deren „Verzeichnis der verbotenen Bücher“ zum Schluss vornehmlich als Leseempfehlung genutzt wurde.

Zwar wäre es praktisch durchaus möglich gewesen, „Anne Will“ temporär abzuschalten, besomders, falls man im Vofeld gewusst hätte, dass sich Altmaier gleich um Kopf und Kragen reden wird. Denn schließlich ist auch dieses Format eine Konserve – trotz des Hinweises auf einen „Livestream“. Alleine: Er tat es nicht. Zwar wurde er deutlich, blieb aber absolut professionell. Und warum hätte man dann nicht die Frage, die die Zuschauer so neugierig machte, gleich mitausgeblendet? Dankenswerter Weise wurde auch das „Monday-Morning-Coaching“ von Katrin Göring-Eckardt, die „im Nachhinein“ natürlich alles besser gewusst hatte, ebenfalls nicht übertragen. Überraschend, weltbewegend oder erschütternd war keine der Aussagen während der Blackout-Phase. Talk-Business as usual. Auch, dass einer der wichtigsten Minister des Kabinetts gegen seinen Willen ausgerechnet vom Staatsfunk abgeschaltet wird, kann als ausgeschlossen gelten. Altmaier ist schließlich kein roter Kabarettist, der mit einem CSU-Intendanten im Clinch liegt. Es fehlte also irgendwie ein plausibles Motiv.

Dessen ungeachtet glaubten Teile des Netzes sofort und mit großem Ernst an eine Zensurmaßnahme. Als Will den Sendeausfall mit den Worten „wir vermuten aber erstmal nichts Böses“ kommentierte, war dies dennoch weiteres Wasser auf die Mühlen dieser „Aufklärer“. Das Phänomen begegnet uns im Netz übrigens immer häufiger: Selektiv wahrgenommene Fakten werden so interpretiert, dass sie stets zur vorgefassten Meinung passen. Das ist dann nichts weiter als Propaganda, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Echte Analyse geht anders und die finden Sie auch weiter im Smart Investor. Oder sollen wir Ihnen auch noch eine kleine „Verschwörungstheorie“ anbieten: Im Jahr 2016 empfahl der Tagesspiegel als Kampf gegen die schwächelnde Quote: „Anne Will muss mehr Zirkus wagen“ Und wodurch könnte man ein uninteressantes Format besser aufpeppen, als dadurch, dass man es den Zuschauern scheinbar bewusst vorenthält?

Nein, wir brechen selten eine Lanze für den Staatsfunk, aber hier tun wir es. Und mit den üppigen Zwangsgebühren sollten sich auch die Leitungsprobleme künftig noch besser in den Griff bekommen lassen. Wer sich von der ganzen Belanglosigkeit der Sendung überzeugen will, der kann dies hier tun.

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