Löcher in der Matrix – Bezahlte und verliehene Preise

Vor zwei Wochen berichteten wir an dieser Stelle von den stark gestiegenen Butterpreisen. Selbst an deutschen Discounter-Kassen wurden zwischenzeitlich Preise von mehr als 2 EUR für das halbe Pfund bezahlt. In dieser aufgeheizten Stimmung berichtete welt.de von der Situation in Frankreich: Unseren Nachbarn gehe die Butter aus – angeblich.

In keinem Land ist der Butterverbrauch pro Kopf größer. Das Frühstückscroissant gehört in Frankreich praktisch zu den Grundnahrungsmitteln und wenn es da knapp wird, ist Schluss mit lustig. Für die gezeigten leeren Supermarktregale soll eine speziell französische Spielart von Angebot und Nachfrage auf den Handelsstufen verantwortlich sein. Oberhalb eines „zumutbaren Preises“ kaufen die Supermärkte demnach keine Butter mehr ein. Mangelversorgung und Rationierung sind schon immer die wesentliche praktische Folge solcher „Wünsch Dir was“-Preise gewesen. Aber just als sich unser Bild vom westlichen Nachbarn als eine Art DDR mit Côte d’Azur und Savoir Vivre zu verfestigen begann, grätschte die Achse des Guten mit einer brisanten Recherche dazwischen. Um es kurz zu machen: Den Butternotstand suchte man vor Ort vergebens. Nun gut, es hätte so schön gepasst.

Inzwischen ist aber sogar im „bundesdeutschen Raubtierkapitalismus“ der Butterpreis wieder etwas auf dem Rückzug. Glücklicherweise wirkten die Marktmechanismen schnell genug, um einer möglichen Hinterbänkler-Initiative für „gerechte“ Butterpreise zuvorzukommen („Butterpreisbremse“). Die gerade erfolgten, ersten Preisrückgänge finden sich freilich nicht mehr in den Schlagzeilen des Boulevards, sondern bleiben Wirtschaftspublikationen (wiwo.de) und Fachmagazinen (agrarzeitung.de, topagrar.com oder agrarheute.com) vorbehalten. So wurde die „Butterpreis-Explosion“ nicht nur zu einem Lehrstück über den Markt, sondern auch zu einem über Medien.

Apropos Medien. Wir verlassen den profanen Butterpreis und widmen uns jenen Preisen, die verliehen werden – für Verdienste und so. Die Verlegerin Friede Springer wurde jetzt beispielsweise mit dem „Preis der Deutschen Gesellschaft“ geehrt. Das melden, allen voran, Springer-Medien wie bild.de und welt.de. Diese „Deutsche Gesellschaft“ sind übrigens nicht wir alle, sondern ein Verein gleichen Namens, der sich laut wikipedia.org als „überparteilicher Bürgerverein“ versteht. In den Gremien tummeln sich allerdings weniger Herr und Frau Jedermann als ganze Heerscharen von Politikern und Politrentnern, die unschwer am Funktionszusatz „a. D.“ zu erkennen sind. Unter den Kuratoriumsmitgliedern finden sich sogar nicht weniger als 19 Personen, die bereits verstorben sind. Die prominenten Namen – von Egon Bahr, über Willy Brandt und Hans-Dietrich Genscher bis zu Johannes Rau –, sie sind offenbar zu schmückend, um wegen dieses kleinen Schönheitsfehlers auf ihre weitere Nennung zu verzichten. Unabhängig davon entfaltet der Verein zahlreiche Aktivitäten, wofür naturgemäß auch etwas Geld benötigt wird. Da kommen die „Förderer und Partner“ ins Spiel: Neben diversen Ministerien, Behörden, Regierungsstellen, ausländischen Botschaften, Unternehmen und Stiftungen werden insbesondere vier sogenannte „Premiumpartner“ für den Verein aktiv: Mercedes Benz Berlin, Ströer, die Deutsche Nationalstiftung und … die Friede Springer Stiftung. Tolle Sache, wenn sich Bürgerinnen und Bürger so engagieren!

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