Löcher in der Matrix – Der Buhmann

Schon unmittelbar nach Abbruch der „Jamaika-Sondierungen“ stand der Schuldige in den Augen des Mainstreams fest: FDP-Chef Christian Lindner. Alleine an ihm sei das sehnsüchtig herbeigeschriebene schwarz-gelb-grüne Regierungsbündnis gescheitert. Zwar wurde während der Sondierungen klar, dass zwischen Merkel-CDU und Grüne kaum ein Blatt Papier gepasst hatte, der eigentliche Knackpunkt aber war die Inkompatibilität der Markenkerne von CSU und FDP auf der einen und den Grünen auf der anderen Seite. Nur weil der wachsweiche Noch-CSU-Vorsitzende Seehofer erneut einknickte, schoss sich die Journaille auf Lindner ein, den sie flugs zum alleinigen „bad guy“ dieses Stückes stilisierte.

Aber mal ehrlich, Lindner hätte es gar nicht richtig machen können. Denn hätte er für eine solche Mesalliance FDP-Positionen geräumt, dann wären die gleichen Kommentatoren voller Häme über die „Umfaller-Partei“ hergezogen: Typisch FDP, kaum winkt ein Ministersessel, schon verraten sie ihre Wähler. Im neuen „Deutschlandtrend“ der ARD Tagesthemen ist Lindners Beliebtheit jedenfalls um satte 17 Prozentpunkte auf 28% gefallen. Nun mag man darüber streiten, ob eine Beliebtheitsskala die wesentliche Dimension zur Beurteilung einer politischen Persönlichkeit ist. Vom langjährigen CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß stammt der Satz: „Everybody’s darling is everybody’s Depp“, dem man auch im wirklichen Leben kaum widersprechen kann.

Mag sein, dass Lindner zuvor, als möglicher Jamaika-Koalitionspartner, auch weit über das FDP-Lager hinaus Zustimmung einheimste. Aber selbst 28% sind für den Chef einer Partei, die mit knapp 11% in den Bundestag eingezogen ist, mehr als beachtlich. Bei seinen (potentiellen) Wählern dürfte der FDP-Chef mit seiner Standfestigkeit sogar deutlich gewonnen haben. Da kann er es gut verschmerzen, wenn ihn ein paar Bienen, Schmetterlinge oder grüne Hornissen nun nicht mehr ganz so lieb haben.

Dass die Schlagzeilen des Mainstreams zum jüngsten Deutschlandtrend („FDP-Chef Lindner verliert dramatisch an Zustimmung“, „Er schmiert in Umfrage völlig ab / Klatsche für FPD-Chef Lindner“) boshaft ausfallen, konnte man bei der Vorgeschichte nicht anders erwarten. Das Interessante aber steht, wie so oft, im Kleingedruckten. Hier also nicht in Schlagzeilen und Artikeln, sondern in den Leserkommentaren (bitte runterscrollen) – zumindest dort, wo Leserkommentare noch zugelassen sind. Und die sind mit überwältigender Mehrheit auf Seiten Lindners. Wer wundert sich da eigentlich noch über Auflagenverluste der Erziehungsmedien?

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