Löcher in der Matrix – Feindbilder

Im vergangenen Jahr spalteten Bitcoin & Co. die Investorengemeinde wie kein anderes Thema. Während die einen darin nicht mehr als heiße Luft sahen, die irgendwann auch von allen anderen als solche erkannt werden würde, ist Kryptogeld für die anderen eine Art Eintrittskarte in ein goldenes Zeitalter. Allerdings wurde Kryptogeld nicht immer mit Disruption, ICOs und Startups in Verbindung gebracht. In einer nicht allzu fernen Vergangenheit fielen den Menschen da eher Kriminalität und Drogen ein. „Silkroad“ war so eine virtuelle Seidenstraße der besonderen Art, auf der allerlei Illegales gehandelt wurde – gegen Bitcoin versteht sich. Im kollektiven Gedächtnis ist die Episode haften geblieben und bleibt jederzeit abrufbar: Nur zwielichtige Gesellen interessieren sich für staatsferne Geldalternativen.

Hier kommt die Autorin Julia Ebner ins Spiel, die unter anderem für den Guardian schreibt, vorzugsweise über Rechtsextremismus. In deren Visier geriet jetzt der Bitcoin: „The currency of the far-right: why neo-Nazis love bitcoin“ („Die Währung der Rechtsextremen: Warum Neonazis den Bitcoin lieben“). Das wichtige Wort wäre hier „auch“ gewesen, denn schließlich lieben alle möglichen Menschen den Bitcoin, wie Ebner auch selbst im Fließtext schreibt: „Libertäre investieren in ihre Vision, Spekulanten für ihre Brieftasche und Kriminelle aus der Not heraus.“ („libertarians invest in their vision, speculators in their wallets, and criminals out of necessity.“) Auch bei den Bitcoin-Gegnern haben sich merkwürdige „Allianzen“ gebildet: Banker und Umweltschützer zum Beispiel. Während sich die einen um Stromverbrauch und Umwelt sorgen, geht es den anderen – frei übersetzt – ums Geschäft („seek to preserve the financial system“). Ein Algorithmus kann sich naturgemäß weder gegen seine Anhänger noch gegen seine Gegner wehren – seine (politische) Unbestechlichkeit macht ja gerade einen Teil seines Charmes aus und ist jenen, die das Geldsystem für eigene Zwecke instrumentalisieren wollen, entsprechend ein Dorn im Auge.

Was aber wird aus diesem Beitrag im deutschen Sprachraum? Bitteschön: „Warum Nazis und Terroristen auf Bitcoin stehen“ Der Autor fasst im Wesentlichen Ebners Beitrag zusammen und garniert ihn mit eigenen Schreibfehlern. Neonazis werden flugs zu Nazis verkürzt, wobei beides bekanntlich verkürzende Ableitungen von Nationalsozialisten sind, bei denen der Sozialismus auf wundersame Weise in Vergessenheit geraten ist. Nun gut. Die wesentliche kreative Eigenleistung des Autors ist sein Hass auf Libertäre, der so aus Ebners Beitrag nicht herauszulesen ist: „Auch für Kriminelle, Libertäre und Extremisten bieten Kryptowährungen ganz neue Möglichkeiten …“ oder „Für Nazis, Terroristen und Libertäre wiegen die Gewinne …“. Die Libertären befinden sich hier also entweder in der Gesellschaft von Kriminellen und Extremisten oder in der von Nazis und Terroristen. Zwischen beiden Aufzählungen sind sie das einzig verbindende Element. Typisch deutsche Staatsgläubigkeit?! Möglicherweise. Sachlich richtig? Ganz sicher nicht. Denn die Libertären haben weder mit sozialistischen Ideen – egal welcher Couleur –, noch mit kriminellen Taten – das Eigentum gilt ihnen als besonders hohes Gut – oder gar mit Gewaltakten etwas am Hut. Für eine deutschsprachige „Top Story“ auf dem Portal msn.com reicht es dennoch.

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