Löcher in der Matrix – Das Essen der anderen

Die Tafel in Essen hat es in den letzten beiden Wochen bundesweit zu einiger Bekanntheit gebracht. Tafel-Chef Jörg Sartor sah sich aufgrund unhaltbarer Zustände vor Ort gezwungen, einen Aufnahmestopp für Ausländer zu verhängen. Daraufhin wurde ihm reflexhaft Fremdenfeindlichkeit attestiert, vorzugsweise von Berufspolitikern und von jenen „Aktivisten“, deren ehrenamtliches Engagement sich regelmäßig auf die Zerstörung fremden Eigentums beschränkt. Dabei scheint die Überforderung einer „Tafel“ kein rein Essener Phänomen zu sein. Die Tafel von Marl etwa versuchte die dortige angespannte Situation bereits Mitte 2017 durch einen Aufnahmestopp für „alleinstehende Männer“ zu entschärfen. Interessanterweise löste diese diskriminierende Pauschalregelung keine vergleichbaren Proteste aus, um genau zu sein, gar keine. Die Reaktionen auf das Essen in Essen sagen daher wenig über Herrn Sartor, aber sehr viel über die Lebenslügen und die Scheinheiligkeit des bundesdeutschen Politikbetriebs aus.

Grundsätzlich wäre natürlich auch bei den Tafeln die Einzelfallentscheidung zu begrüßen. Wer sich nicht ordentlich aufführt, bekommt Hausverbot. Punkt. So gesehen hat die geschäftsführende Kanzlerin mit ihrer Kritik an „Kategorisierungen“ in der Sache schon Recht. Allerdings ist sie so ziemlich die letzte im Lande, die sich Vorwürfe gegen jene ehrenamtlichen Helfer vor Ort erlauben kann, deren Lage erst durch ihre Politik derart prekär wurde, dass sie sich nicht anders zu helfen wissen, als auf die eine oder andere Weise die Reißleine zu ziehen. Vielleicht sollte sich Frau Merkel einfach einmal spontan für einen Tag an die Essensausgabe stellen, damit sie auch weiß, wovon sie redet – und zwar ohne laufende Fernsehkameras, ohne handverlesene Tafelkundschaft und ohne Polizei- oder Personenschutz. Ansonsten hätte ein schlichtes „Dankeschön“ an die Helfer genügt.

Denn diese Ehrenamtlichen sind, genau wie die Unternehmen, die die Waren für die Tafeln stiften, keine Erfüllungsgehilfen der Regierung. Sie werden aus Privatinitiative tätig und die zählt laut dem Portal www.wissen.de im Deutschen zu den Fremdworten – nicht nur sprachlich.

Die eigentliche Geschichte findet sich jedoch – wie so oft – hinter den Aufgeregtheiten des Tages: Fragen Sie sich etwa, warum es im „Wir sind ein reiches Land!“-Deutschland seit Jahren ein fast flächendeckendes Netz solcher Tafeln gibt, die auch noch bestens besucht werden? Oder wundern Sie sich, dass es angesichts eines stetig wachsenden Sozialetats, der seit Jahrzehnten der größte Einzelhaushalt des Bundes ist, überhaupt solcher privater Initiativen bedarf? Wir sind sicher, die Politik hat auch darauf kluge Antworten.

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