Löcher in der Matrix – „Männer sind Schweine“

Am 28. Februar rüttelte uns die SRH Hochschule Heidelberg mit folgender Pressemitteilung auf:

„Alarmierend: Nur 8% waschen ihre Hände in korrekter Weise“

Wer bislang davon ausging, dass Händewaschen zu den selbstverständlichen Kulturtechniken unseres Breitengrades gehört, der irrte. Vermutlich sieht es beim Schuhebinden nicht viel besser aus, die Konsequenzen mangelnder Handhygiene sollen allerdings ungleich gravierender sein:

„Sie wütet heftig wie selten, die Grippewelle. Dabei ist es einfach, die Erreger fernzuhalten: Das Infektionsrisiko mit Viren und Bakterien lässt sich durch eine korrekt ausgeführte Handhygiene um bis zu 99,9% verringern.“

Zu den erschütternden Erkenntnissen über Hygiene bzw. deren Abwesenheit gelangte man auf folgende Weise: „In ihrem Experimentalpraktikum beobachteten zehn Psychologie-Studierende der SRH Hochschule Heidelberg die Besucher mehrerer öffentlicher Toiletten in und um Heidelberg“. Laut Pressemitteilung waren die „Studierenden“ offenbar alle weiblich, die Toilettenbesucher aber männlich, was sich der Laie auf traditionellen, geschlechtergetrennten Toiletten in der Praxis eher schwierig vorstellt (vgl. Screenshot). Möglicherweise haperte es hier aber auch einfach nur mit der geschlechtsneutralen Formulierung, die wohl in etwa so hätte aussehen müssen: „Die SRH-Studierenden schauten 1.000 Toilettenbesuchenden auf die Finger.“ Egal, denn schon Altkanzler Kohl wusste: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Und die Ergebnisse sind eindeutig: Männer, genauer gesagt die Toilettenbesucher in und um Heidelberg, nahmen es mit der Handhygiene weniger genau als ihre weiblichen Pendants. Die Empfehlung konnte daher nur lauten:

„Hände weg von Männerhänden“

Damit wurde das seit Jahren kontrovers diskutierte Gender Gap nun ausgerechnet an jenem stillen Örtchen gefunden, das es nur selten in die Schlagzeilen schafft. Natürlich war die Studie eine Steilvorlage für den gestrigen Weltfrauentag. Der SPIEGEL versah die Erkenntnisse der Studierenden mit einem entsprechend griffigen Titel:

„Beobachtungen auf deutschen Toiletten: Männer waschen sich zu selten die Hände“

Und weiter:

„Ihre Ergebnisse bestätigen ein unappetitliches Vorurteil.“

Interessanter Weise wird in diesem Kontext ein Vorurteil nicht etwa beanstandet, sondern durch die Feldforschung geradezu geadelt. Man stelle sich das bei anderen unappetitlichen Vorurteilen vor, für die ebenfalls empirische Evidenz gefunden wird. Undenkbar. Und wo bleiben hier die ansonsten stets angemahnte, differenzierte Einzelfallbetrachtung und jene Männer, die zu Unrecht in den Topf der Hygienemuffel geworfen wurden? Richtig, auf der Strecke. Denn schließlich trällerten – wie passend – „Die Ärzte“ schon vor rund 20 Jahren: „Männer sind Schweine“

Uns interessiert noch ein anderer Aspekt: Jene eingangs zitierten „bis zu 99,9%“, um die sich das Infektionsrisiko bei korrekter Handhygiene verringern ließe. Eine gewaltige Zahl, die in Verbindung mit den Studienergebnissen nahelegt, dass Männer die Hauptüberträger von Grippeviren sein müssen. Das ist zwar möglich, auf der Basis dieser Formulierung jedoch ein voreiliger Schluss. Denn die plakative Zahl ist mit dem verräterischen Zusatz „bis zu“ versehen, der aus der Werbung bestens bekannt ist. Umformuliert lautet diese Aussage nämlich:

„Das Infektionsrisiko mit Viren und Bakterien lässt sich durch eine korrekt ausgeführte Handhygiene zwischen 0,0% und 99,9% verringern.“

Das ist ein ziemlich großes Intervall mit einem ziemlich kleinen Aussagewert. Manipulativ könnte man auch wie folgt formulieren:

„Das Infektionsrisiko mit Viren und Bakterien lässt sich trotz einer korrekt ausgeführten Handhygiene nicht zu 100% ausschließen.“

Händewaschen sollten Sie natürlich trotzdem.

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