Löcher in der Matrix – Meinungen machen Nachrichten

Bis vor zwei Tagen war die Stimmung an den Märkten ziemlich mau. Gerade läuft eine Entlastungs-Rally, die aber vielleicht nur auf kurzen Beinen steht. Zumindest sind die Hauptprobleme die derzeit die Gemüter der Börsianer erhitzen weiter ungelöst: Ein möglicherweise ungeregelter Brexit und der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der nach mehreren Eskalationsrunden unlösbarer erscheint denn je. Dennoch haben beide Konflikte einen Vorteil: Sie sind, wie es heute so schön heißt „menschengemacht“. Wenn also die jeweiligen Konfliktparteien ein Stückweit über ihren Schatten springen bzw. sich zusammenraufen würden, könnten diese Belastungsfaktoren praktisch über Nacht verschwinden.

So gesehen geht es weniger darum, dass diese Belastungen menschengemacht sind, als darum, dass sie sich vergleichsweise schnell aus der Welt schaffen ließen. Das unterscheidet sie von den Themen, die zwar ebenfalls menschengemacht sind, die sich aber eben kaum noch korrigieren lassen, etwa die Verschuldungssituation fast aller Papiergeldwirtschaften, die es zwar selten in die Schlagzeilen schafft, aber trotzdem unaufhaltsam ihrem Finale entgegenschwelt.

An dieser Stelle wollen wir jedoch auf etwas anderes hinaus: Sobald man sich einmal eine Meinung zu einem Thema gebildet hat, steigt die Gefahr, alle neuen Fakten so einzuordnen, dass das Weltbild nach Möglichkeit bestätigt, aber doch bitteschön auf keinen Fall angekratzt oder gar zum Einsturz gebracht wird. Mit dem aktuellen Börsencrash, also dem aktuell in etlichen Medien prognostizierten Börsencrash, ist das ähnlich. Und obwohl auch wir beim Smart Investor durchaus die Gefahrenmomente für turbulente Börsenmonate sehen, entlarvt ein wenig kritisches Mitdenken so manches Scheinargument:

Alleine schon der Umstand, dass dieser Tage vergleichsweise häufig Beiträge mit Titeln wie „Kommt jetzt der Crash?“ o.ä. überschrieben sind, sollte ein Warnzeichen sein – und zwar eines, dass der Crash vielleicht doch nicht kommt. Im Gegensatz zu einer Baisse wohnt einem Crash nämlich vor allem ein Überraschungsmoment inne und das wird sich kaum realisieren, wenn schon die sprichwörtlichen Spatzen entsprechende Warnungen von den Dächern pfeifen.

Ein Anlass für diese Warnungen sind hohe Insider-Verkäufe in den USA. Einer, der im zweiten Quartal 2019 auch verkauft hat, ist kein geringerer als der legändere Warren Buffett, Chef der nicht minder legendären Berkshire Hathaway. Nun gelten Insider schon aufgrund ihres tiefen Einblicks als die klügeren Aktionäre und für Warren Buffett gilt das gleich zweimal – mindestens. Allerdings ist der gemeine Insider vielleicht bzw. hoffentlich ein Experte für das eigene Unternehmen, jedoch nicht zwangsläufig für den Gesamtmarkt. Diesen Vorwurf kann man Warren Buffett angesichts seines gewaltigen Erfolges aber kaum machen. Und so sollte man schon genau hinsehen, wenn uns ein renommierter Börsenkanal wie Bloomberg Anfang des Monats wissen ließ, dass die Investorenlegende im zweiten Quartal netto Aktien im Wert von 1,1 Mrd. USD verkaufte, obwohl er bereits über eine rekordhohe Kriegskasse von 122 Mrd. USD verfügt, also eher Anlagebedarf hätte.

So eindrucksvoll negativ das klingen soll, überzeugen kann es nicht. Denn in der selben Grafik ist auch das dritte Quartal 2018 zu sehen, in dem Buffett für 12,6 Mrd. USD netto Aktien zukaufte (vgl. Min. 0:22). Im unmittelbar darauf folgenden Quartal erlitten US-Aktienanleger die größten Verluste seit Jahren. Aus der Grafik lassen sich vor allem zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens, Warren Buffett ist gar keiner, der seine Kompetenz im Timing sieht, womit er ja auch selbst schon oft genug kokettiert hat. Zweitens liegen 122 Mrd. USD in seiner Kasse und die werden über kurz oder lang auch wieder (teilweise) eingesetzt werden – und sei es auch „nur“ zum Rückkauf eigener Aktien.

Ein weiteres Crash-Argument, das in den US-Medien aktuell herumgereicht wird, sind die Zuflüsse zu US-Money-Market-Funds. Über die letzten zwölf Monate seien es demnach rund 500 Mrd. USD gewesen, die auf diese Weise an der Seitenlinie geparkt wurden. Die Skepsis der Marktteilnehmer, besonders gegenüber der Wirtschaftspolitik der US-Regierung, sei also förmlich mit Händen zu greifen. Es klingt fast so, als hofften da einige auf einen kräftigen Aktienmarkteinbruch, der Donald Trump die Wiederwahl im Jahr 2020 verhageln würde. Tatsächlich ist der Umstand, dass aktuell vergleichsweise hohe Summen an der Seitenlinie geparkt werden, eher unterstützend für die Märkte: Erstens ist Skepsis ein gern gesehener Begleiter jeder Aufwärtsbewegung. Zweitens kann Geld, das bereits aus Aktien abgezogen wurde, nicht noch einmal abgezogen werden. Zumindest um so viel Realismus sollte man sich bemühen, wenn man zu einer fundierten Markmeinung gelangen will, und zwar ganz egal, ob diese eher positiv oder negativ ausfällt.

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