Löcher in der Matrix – Brexit 2.0

Boris Johnson ist alter und – nach einem Erdrutschsieg – neuer Premierminister von Großbritannien. Allerdings war dies keine gewöhnliche Unterhauswahl, sondern eine, die allgemein als zweite Abstimmung über den Brexit bewertet wurde. Eine Einschätzung, die nach diesem Ergebnis im deutschen Mainstream voraussichtlich bestritten wird. Denn wurde uns nicht seit dem ersten, damals noch knappen Pro-Brexit-Votum im Juni 2016 in Dauerschleife erzählt, dass die Briten eigentlich den Brexit gar nicht wollten, dass viele Brexiteers inzwischen altersbedingt dahingerafft wurden, die Inseleuropäer ansonsten aber geradezu für Brüssel brennen würden – CO2-neutral versteht sich – und nichts mehr bereuten als ihren damaligen Abstimmungsfehler?! Nun, offenbar sind inzwischen noch mehr Briten aufgewacht. Geflissentlich wurde übrigens darauf geachtet, keinen Zusammenhang zwischen dem Erdrutschsieg auf der einen und den nur Tage zuvor veröffentlichten stramm ökosozialistischen „Green Deal“-Plänen der EU-Kommission auf der anderen Seite herzustellen. Die frisch gebackene Oberkommissarin Ursula von der Leyen, die bereits als deutsche Verteidigungsministerin „brillierte“, will es diesmal nicht unter einer Billion Euro an Steuerzahlergeld machen. Ob da die Beraterhonorare noch oben drauf kommen, ist hier nicht bekannt.

Aber wir schweifen ab. Auch vor dieser Wahl war das Meinungsbild im deutschen Medienmainstream – Fakten erwarten wir da ohnehin nicht mehr – erstaunlich einseitig: Die politischen Kommentatoren in Deutschland überboten sich darin, Boris Johnson herunterzuschreiben bzw. zu -reden, ganz so, als ob die Meinung der hiesigen Kommentatoren irgendwen in Großbritannien interessieren würde. Zuletzt soll sich Johnson vor den intelligenten Fragen der Presse gar in einem Kühlhaus versteckt haben. Shocking! Kurz: Nichts war zu blöd, um daraus nicht noch eine Lach- und Sachgeschichte im Rahmen des betreuten Denkens zu machen. Entsprechend unvorbereitet und fehlinformiert waren die Deutschen auch bei dieser Abstimmung. Die heutigen Ausreden im Zwangsgebührenfernsehen waren dann sogar ein Schauspiel – wir sagen es nur ungern –, das fast schon wieder sein Geld wert war: Viele Brexit-Gegner (!) hätten demnach für Johnson gestimmt, weil sie einfach nur irgendeine Entscheidung wollten. Aha. Für Deutsche sei zudem nur schwer verständlich, warum ein Luftikus wie Johnson mit einer solchen Mehrheit … Nun, für Deutsche ist vieles schwer verständlich, was in der Welt so vor sich geht, etwa, warum Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wurde und noch immer nicht seines Amtes enthoben ist.

Das liegt aber nicht etwa daran, dass wir Deutschen so besonders begriffsstutzig wären, sondern wohl eher daran, dass Informationen, die dem bundesdeutschen Pippi-Langstrumpf-„Journalismus“ („Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.“) zuwiderlaufen, uns entweder ganz vorenthalten, oder aber so lange zurechtgebogen werden, bis sie mit den Umerziehungsprogrammen kompatibel sind. Dass das britische Pfund heute einen Freudensprung gegen den Euro machte, nachdem es schon seit Wochen angestiegen war, kann also nur das Werk böser Spekulanten sein – ebenso wie der heutige Anstieg des britische FTSE-Aktienindex, der sogar stärker als der DAX zulegte. Ja nutzen diese Leute denn keine deutschen Medien? Dort wird ihnen doch seit Jahren ausführlich erklärt, dass die britische Insel nun in bitterer Armut versinken wird, während unter der weisen Führung des EU-Kommissariats die blühende Landschaften nur so wuchern werden? Der bekannte Medienanwalt Nikolaus Steinhöfel (@Steinhoefel) hat die hiesige Betonkopfmentalität heute in einem bitterbösen Retweet von „Claudio Casula“ (@shlomosapiens) auf den Punkt gebracht:

 

 

 

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