Löcher in der Matrix – Eine Frage der Prioritäten

Stundenlangen Streit gab es gestern zwischen Regierung und Länderchefs zu den Reaktionen der Bundesrepublik auf die Corona-Pandemie. Von den Standardverfahren bundesdeutscher Politik – dem gezückten Scheckbuch oder einem Moralvortrag über Verantwortung – dürfte sich das Corona-Virus jedenfalls nicht beeindrucken lassen. Soviel war sogar den Anwesenden klar. Bleibt also, sich etwas von jenen Ländern abzuschauen, die bereits länger mit dem COVID-19-Ausbruch zu tun haben und bei dessen Verlangsamung erste Erfolge erzielen konnten. Das Minimieren sozialer Kontakte gilt als so etwas wie der Königsweg, um die schon jetzt absehbaren Belastungsspitzen des Gesundheitssystems über die Zeit zu entzerren.

Auf die naheliegende Maßnahme, Schulen und Kindergärten erst einmal zu schließen, kam man zwar, mochte sich aber nicht darauf einigen. Das Gleiche galt für das Thema möglicher Grenzschließungen, ebenfalls ein durchaus naheliegender Gedanke, um die Ausbreitung des Virus zu behindern. Doch dieses Thema ist inzwischen derart ideologisch vergiftet, dass – wie unter guten Ideologen üblich – lieber ein paar Menschenleben geopfert werden, bevor man von der „reinen Lehre“ abweicht; folglich auch hier keine Einigung. Die Maßnahme der Regierung bestand daher im Wesentlichen darin, an die Vernunft der Menschen zu appellieren, ihre sozialen Kontakte freiwillig einzuschränken. Wieviel das bringt, wenn gleichzeitig „Superspreader“ wie Schulen offen bleiben, werden wir schon in wenigen Tagen erfahren.

Wer nun aber denkt, es fehle der Regierung an Entscheidungsfreude oder Handlungsfähigkeit, der irrt. Denn am gleichen Tag – ein wenig im Windschatten der Corona-Krise – zeigten die Länderchefs dann doch, dass sie können, wenn sie wollen. Die etwas beschönigend als „Rundfunkbeitrag“ titulierte Zwangsabgabe für den staatsnahen Rundfunk soll ab Januar 2021 von 17,50 EUR/Monat auf 18,36 EUR/Monat erhöht werden. Offensichtlich eine Maßnahme für die in sozialer Corona-Isolation ausharrenden Menschen im Lande, denen dann wohl jenes hochklassige und ausgewogene Informations- bzw. Unterhaltungsprogramm geliefert werden soll, für das sie beim teuersten Rundfunksystem der Welt schon seit vielen Jahren bezahlen – oder auch nicht.