Löcher in der Matrix – Bewerbungsschreiben?

In der Theorie sieht sich die Presse gerne als eine Art Aufpasser der Regierung. Das geht so weit, dass sich manch einer zum Angehörigen einer Art „Vierten Gewalt“ im Staate stilisiert, die in dieser Form im Grundgesetz allerdings gar nicht vorgesehen ist. Grundgesetz, Sie erinnern sich?! Allerdings setzt diese Rolle der Presse voraus, dass auch die Bereitschaft besteht, sie immer wieder aufs Neue auszufüllen. Und da sieht es spätestens seit dem Corona-Shutdown zappenduster aus. Offenbar liebäugeln doch einige mit der Drehtür, die schon Steffen Seibert (zuvor ZDF) zum Regierungssprecher und Martina Fietz (zuvor Focus) zur stellvertretenden Regierungssprecherin gemacht hat. Dabei scheint es nur ein marginaler Unterschied zu sein, ob jemand schon vorher beim sogenannten öffentlich-rechtlichen Rundfunk staats- und parteinah eingesetzt war, oder ob die Abhängigkeit in der sogenannten freien Wirtschaft eher auf indirekte Art zustande kam, etwa weil der Informationsfluss aus der Politik zu versiegen droht, wenn man allzu kritisch über diese berichtet.

Ein besonders krasses Beispiel der Regierungslobhudelei liefert aktuell der Stern unter dem Titel „Warum jeder von uns heilfroh sein sollte, dass Angela Merkel noch Kanzlerin ist“. „Besonnenheit, analytische Kühle, Weitblick“ wollte die Autorin in der jüngsten Regierungserklärung der Kanzlerin erkannt haben und liefert noch in der Unterüberschrift das Fazit ihres Meinungsstücks: „Bei Angela Merkel ist das Land in guten Händen.“ Die Zwischenschritte, über die sich die Autorin zu diesem Fazit quält, triefen nur so vor Ehrerbietung:

„Sie findet die richtigen Worte und den richtigen Ton“

„Merkel ist demütig und verlässlich“

„Merkel ist Wissenschaftlerin“

„Unsere Kanzlerin hat Weitblick und Augenmaß“

… und schließlich:

„Bei Angela Merkel ist das Land in guten Händen. Auch und gerade während Corona“

Mit jeder weiteren Absatzüberschrift wartet man auf die Auflösung, dass es sich hier um ein mit trockenem Humor abgeliefertes Satirestück handelt – doch man wartet bis zum Schluss vergebens. Diese Art von „Journalismus“ würde auch als Bewerbungsschreiben für jene Posten durchgehen (s.o.), auf denen Lobpreisungen der Regierung zur informellen Stellenbeschreibung gehören.

Im Prinzip unterscheidet sich der Stern-Artikel nur in Nuancen von dem Spiegel-Beitrag: „Merkels „Öffnungsdiskussionsorgien“ Mächtig wie ein Staudamm aus Stahlbeton“. Auch hier wird die Kanzlerin in höchsten Tönen gelobt: Der Autor könne demnach „linkskritische Vorbehalte“ gegen die Einschränkung unserer bürgerlichen Rechte nicht teilen. Es sei eine „Querfront der Bekloppten“, die Anstoß an Merkels Basta-Machtwort gegenüber „Öffnungsdiskussionsorgien“ nehme. Der Autor dagegen sei nun ein „beruhigter Bürger“ und ja, er lasse sich „plötzlich gerne regieren“. Der einzige Unterschied zum Stern-Meinungsartikel: Beim Spiegel-Beitrag handelt es sich explizit um eine Glosse. Und spätestens da sollte dann auch der eine oder andere Stern-Leser ins Grübeln kommen …

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