„Bei Corona gibt es heute nur Merkel oder Aluhut“

ARTIKEL TEILEN

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on email
Email

Smart Investor im Gespräch mit dem Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Homburg über die Corona-Krise, den Lockdown und die deutsche Politik.

Smart Investor: Herr Prof. Dr. Homburg, Sie haben sich in der Corona-Krise öffentlich stark engagiert. Warum haben Sie das Thema nicht einfach Fachexperten wie Prof. Drosten oder den Spezialisten vom Robert-Koch-Institut (RKI) über- lassen?

Homburg: [lacht] Herr Drosten und Herr Wieler vom RKI haben das Publikum wiederholt und so offensichtlich irregeführt, dass man sie nicht mehr ernst nehmen kann. Ich erinnere nur an die erratischen Positionswechsel zu Masken, unsaubere Stu- dien oder die eklatante Fehlprognose von über 1 Mio. Toten. Was viele nicht wissen: Epidemiologie ist angewandte Statistik, die mit denselben Methoden und Softwarepaketen arbeitet wie die Ökonomen, nämlich „R“ oder MATLAB. Man läuft bei der Datenanalyse nicht im weißen Kit- tel herum, sondern arbeitet am Computer. Auf diese Weise steuere ich auch Fachartikel bei, die natürlich eine geringere öffentliche Resonanz finden als Fernseh- interviews.

Smart Investor: Liegen inzwischen eigentlich gesicherte Erkenntnisse hinsichtlich der Wirkungen der staatlichen Lock- down-Maßnahmen auf den Verlauf der Pandemie und die allgemeine Gesundheitslage der Bevölkerung vor? Homburg: Ein internationaler Vergleich legt nahe, dass die Sterberaten pro Kopf nichts mit den Lockdown-Maßnah- men zu tun haben – die überall zu spät kamen –, sondern vor allem mit der Qualität des Gesundheitswesens und der Staatsqualität. Viele Sterbefälle beruhen auf politischen Fehlern; deshalb stehen schlecht geführte Staaten wie Italien oder Spanien mit ihren populistischen Regierungen weit vorn. Schließung der ambulanten Medizin mit der Folge überfüllter Krankenhäuser oder das unnötige Frei- halten von Krankenhausbetten haben unzählige Menschenleben gekostet. In Italien und Spanien kommt es übrigens bei Grippewellen regelmäßig zu Situationen wie in diesem Jahr – darüber wurde nur nicht groß berichtet. In New York werden Obdachlose seit jeher verscharrt, aber im Fernsehen sah man das jetzt zum ersten Mal.

Smart Investor: Würden Sie das Handeln der Politik aufgrund der jeweils vorhandenen Datenlage als insgesamt sachgerecht und verantwortungsvoll beschreiben?

Homburg: In Schweden, Taiwan oder Südkorea hat die Politik professionell agiert, während fast alle anderen Regierungen ver- sagt haben wie in den letzten 75 Jahren nicht. Allerdings sehe ich noch eklatantere Verfehlungen aufseiten der Wissenschaft und der Medien. Wenn man sich derzeit Artikel in Topzeitschriften wie „Science“ oder „Nature“ anschaut, wird einem übel. Die Medien halten die öffentliche Meinung gezielt im Panikmodus, indem sie etwa kumulierte statt Tageszahlen zeigen und nicht zwischen absoluten und Pro- Kopf-Größen unterscheiden. Wer offizielle Zahlen analysiert, wie ich, wird von Massenmedien mit Rufmorden belegt, wenn das Ergebnis ihren vorgefassten Meinungen widerspricht.

Smart Investor: Kann wenigstens der seuchentechnische Aspekt von COVID-19 inzwischen als überwunden angesehen werden, oder sehen auch Sie die Gefahr einer „zweiten Welle“?

Homburg: Eine zweite Welle ist wahrscheinlich, weil sich so ein Virus kaum ausrotten lässt. Wegen zunehmender Immunität wird die zweite Welle, wenn sie kommt, harm- loser sein.

Smart Investor: Schon jetzt sind gigantische Kollateralschäden für Gesellschaft und Wirtschaft eingetreten. Was erwarten Sie auf diesen Feldern für die nächsten Monate? Kommt die schnelle Erholung? Homburg: Das kann man derzeit nicht sagen. Solange die Politik Investoren durch Drohungen mit weiteren Lockdowns verschreckt oder ankündigt, über das Ende der sogenannten Pandemie werde nicht medizinisch ent- schieden, sondern politisch, sehe ich schwarz. Wie soll ein potenzieller Unternehmensgründer in einem Klima der Willkür und Irrationalität Zutrauen gewinnen?

Das Festhalten an harten Beschränkungen bei zuletzt mini- malen Sterbe- fällen ist einfach unbegreiflich.

Smart Investor: Wie erklären Sie sich vor diesem Hintergrund eigentlich, dass die Lockdown-Maßnahmen nur schlep- pend und, wie es scheint, willkürlich – Stichwort: Großdemonstrationen – angepasst bzw. zurückgenommen werden? Was treibt die Politik da eigentlich an? Homburg: Für mich ist das alles so rätselhaft und unerwartet gekommen wie wohl für die meisten. Die Einführung der Maskenpflicht nach Rückzug des Virus und das Festhalten an harten Beschränkungen bei zuletzt minimalen Sterbefällen ist einfach unbegreiflich. Viele Berufsgruppen, ich denke etwa an Messebauer oder darstellende Künstler, haben keine Perspektive. Politisch erwünschte Großdemonstrationen dürfen hingegen ohne Rücksicht auf Abstandsgebote stattfinden.

Smart Investor: Einmal ketzerisch gefragt – erkennen Sie Tendenzen, unter dem Vorwand der Corona-Krise schleichend in ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem mit noch einmal verschärfter politischer Steuerung hinüberzugleiten, wie wir das schon beim Klimathema sehen? Bereits eine Rückkehr zum „alten Normal“ gilt in der veröffentlichten Diskussion ja als abwegig.

Homburg: Man sieht jedenfalls, dass die Corona-Krise einhergeht mit Grundrechtsbeschränkungen, die ich nie für möglich gehalten hätte, und dass wir uns in Richtung eines autoritären Staatsmodells nach chinesischem Vorbild bewegen. Hierbei sind mir die massive und medizinisch absolut nicht gebotene Beschränkung der Demonstrationsfreiheit wichtig, die Löschungen und die Zensur in den sozialen Medien, die ihre Ventilfunktion immer schlechter erfüllen können, und die von der EU geplanten gravierenden Einschnitte in die Meinungsfreiheit.

Smart Investor: Eine fragwürdige Rolle spielt wieder einmal der Medienmain- stream, der sich oberflächlich seriös gibt, aber mit oberlehrerhaft erhobenem Zeige- finger und sogenannten Faktencheckern alles als „Verschwörungstheorie“ und „Spinnerei“ wegbeißt, was nicht dem jeweils herrschenden Regierungsnarrativ entspricht. Wie kommen wir, gerade auch bei emotional aufgeladenen Themen, endlich wieder zu einer echten Diskussionskultur im Lande?

Homburg: Man müsste Tendenzunter- nehmen wie „CORRECTIV“, die eine ganz klare politische Agenda haben, die Gemeinnützigkeit auf Grundlage des Attac-Urteils entziehen. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz muss aufgehoben werden, denn Beleidigung und Verleumdung sind ohnehin Straftatbestände, und es kann nicht sein, dass Beiträge in den sozialen Netzen allein deshalb gelöscht werden, weil sie die Regierung kritisieren. Schlimm sind auch Giganten wie Amazon, das unlängst erklärt, es würde zu Corona keine Bücher von Wissenschaftlern mehr verlegen, sondern nur noch Regierungspropaganda. Amazon, Google und Facebook gehören allesamt zerschlagen.

Smart Investor: Sie sind mit Ihren You- Tube-Interviews und Ihrem Auftritt auf der Stuttgarter Corona-Demo zu einer Art Held der Anti-Lockdown-Bewegung geworden – mit entsprechenden Konsequenzen für Ihre Reputation im Mainstream? Haben Sie Ihr Engagement eigentlich schon bereut? Homburg: Ich bin seit 30 Jahren, wenn Sie so wollen, Teil des Systems und habe vor meinem Engagement die Folgen durchaus bedacht. Medizinische Koryphäen teilen mir mit, sie stünden hinter meinen Positionen, seien aber erst Mitte 40 und könnten daher wegen Sorge um Vertragsverlängerung, Drittmittel oder ihr soziales Anse- hen nicht öffentlich Position beziehen. Ähnliches schrieb mir ein Physikordinarius, der sich ein einziges Mal zum Thema Energiepolitik geäußert hatte und danach, wie heute üblich, durch Wikipedia und die Massenmedien niedergemacht wurde. Gerade bei Corona gibt es heute nur Merkel oder Aluhut und nichts dazwischen. Da ich in den letzten Wochen 2.000 Unterstützer-E-Mails beantwortet und ein Vielfaches erhalten habe, überwiegend von Medizinern und Juristen, sehe ich, dass unter der Oberfläche eine profunde Opposition heranwächst. Insgesamt dürfte es mir in der Corona-Affäre nicht anders ergehen als den meisten Menschen: Man verliert Freunde und gewinnt andere hinzu. Solange ich das Gefühl habe, mit wissenschaftlichen Arbeiten, Rundfunk- und Fernsehinterviews, Videos, Podcasts und Tweets zur Aufklärung beizutragen und unsere Gesellschaft ein wenig vom Pfad der Irrationalität wegzuschieben, bleibe ich jedenfalls am Ball – denn wie Prof. Bhakdi, Prof. Püschel oder Dr. Wodarg bin ich im richtigen Alter. Alle Rebellen befinden sich im Ruhestand oder stehen kurz davor.

UNSERE EMPFEHLUNGEN