Die Quadratur des Dreiecks

Bildnachweis: © Bildagentur PantherMedia / Iñigo Quintanilla.

Warum die aktuelle Situation einfacher erscheint als sie ist.

Steigende Kurse, heile Welt?

Wenn man sich die Kursentwicklung seit Ende März ansieht, dann scheinen Aktien wahrlich alternativlos zu sein. Zumindest die großen Indizes stürmten seither Monat für Monat weiter nach oben. Kurze Korrekturen wurden umgehend als Kaufgelegenheiten identifiziert – und wer es versäumte die Rücksetzer zu nutzen, hatte schnell das Nachsehen. Zuletzt ging es zwar etwas gemächlicher voran, aus markttechnischer Sicht wäre allerdings selbst das positiv zu bewerten (s.u.). Auch das verbreitete Misstrauen gegenüber dieser Kursrally ist unter dem Blickwinkel des Sentiments ein Pluspunkt. Ist also alles in Ordnung in der Börsenwelt? Möglicherweise nicht ganz.

Zum einen ist allen Marktteilnehmern nur zu gut in Erinnerung wie es zu dem jüngsten, tatsächlich fulminanten Aufschwung gekommen ist. Genau genommen dürfte ihnen die Erinnerung an den vorangegangenen Jahrhundert-Crash noch tief in den Knochen stecken. Erst nachdem der Markt gegen Mitte/Ende März seinen Boden gefunden hatte, wurde die erste Stufe des anhaltenden Aufschwungs in Form einer klassischen Short-Covering-Rally gezündet. Daran anschließend trug die Liquiditätsschwemme der Notenbanken die Indizes fast nahtlos weiter empor. Dieses Momentum wich zuletzt allerdings einer Seitwärtsbewegung, mit deren technischer Charakteristik wir uns gleich noch eingehender beschäftigen wollen.

Falsche Fährte?

Lässt man die wesentlichen Elemente dieser Hausse Revue passieren, kann man leicht auf eine möglicherweise falsche Fährte geraten:

Zum einen war der Beginn dieses Aufschwungs rein technischer Natur. Short-Covering-Rallys sind nicht nur berüchtigt für ihren fast ansatzlosen Start und ihre Heftigkeit, sondern auch dafür, dass sie relativ zügig verpuffen. Sobald nämlich die Short-Positionen eingedeckt sind, fällt die Nachfrage von dieser Seite zusammen und die im Rahmen einer solchen Rally erreichten Kurshöhen können sogar erneute Verkaufsbereitschaft auslösen. Entsprechend gilt eine solche schnelle, sich rasch erschöpfende Abfolge von Aufwärtstagen innerhalb eines Abwärtstrends als trendbestätigend.

Zum anderen lassen sich die weit geöffneten Geldschleusen der Notenbanken nicht nur als Liquidität für die Märkte interpretieren, was grundsätzlich positiv zu bewerten ist. Vielmehr sind sie auch ein guter Krisenindikator: Schließlich würden die Profis von der Berufsfeuerwehr nicht mit dem großen Löschzug ausrücken, wenn da nicht irgendwo ein ziemlich eindrucksvolles Feuer wäre. Die überbordende Liquidität gilt entsprechend als Indiz für die Notwendigkeit der Maßnahme – und das ist negativ.

Unbekannte Schadenmuster und -verläufe

Die Markteilnehmer bewegen sich also zwischen einem kurzfristigen Markteffekt (Short-Covering-Rally), einer künstlichen Stimulation der Märkte durch die Notenbanken und einer Großschadenslage, die sich bisher nur schemenhaft zeigt. Da ist Zurückhaltung verständlich, zumal angesichts des schon wieder erreichten Kursniveaus. Allerdings erwies sich eine fast gleichlautende Argumentation in der Finanzkrise des Jahres 2008 letztlich als falsch. Als die Kurse im Frühjahr 2009 ihren Panikboden fanden, wurden allenfalls kurze Entlastungsrallys erwartet, nicht aber der Beginn einer mehr als zehnjährige Hausse. Auch damals waren die Probleme gigantisch – und blieben im Wesentlichen ungelöst. Möglicherweise steckt also in dem 2009er-Tief eine wichtige Botschaft für das Jahr 2020.

„Fachfremd infiziert“

Der vielleicht wesentlichste Unterschied zur aktuellen Situation ist, dass das Crash-auslösende Thema diesmal nicht aus den Bereichen Wirtschaft und Finanzen selbst stammte, sondern die Märkte von außen, quasi „fachfremd infiziert“ wurden. Anders als bei größeren Verwerfungen des Finanzsystems oder auch nur konjunkturellen Zyklen, bei denen die Börsen den Silberstreif am Horizont regelmäßig schon zu einer Zeit erahnen, wenn die eigentlichen Wirtschaftszahlen noch düster sind, gibt es für die aktuelle Situation keine Erfahrungswerte. Das hat nicht nur etwas mit der Corona-Lage im engeren Sinne zu tun, sondern vor allem auch mit den Maßnahmen der Politik. Wann und für welche Region wieder umfangreichere Beschränkungen verhängt werden, ist schlicht nicht kalkulierbar. Das Äquivalent wäre eine Konjunktur, die nach dem Durchschreiten der Talsohle erneut abrupt einbricht oder eine überwunden geglaubte Finanzkrise, die aus heiterem Himmel wieder auflodert. Politik und Medien bereiten die Öffentlichkeit jedenfalls schon jetzt auf eine sogenannte „Zweite Welle“ vor, was entsprechend auch eine zweite Welle von Zwangsmaßnahmen mit sich bringt.

Weniger Nebel, mehr Volatilität

Das einzige, was als relativ sicher gelten kann, ist, dass ein nochmaliger flächendeckender Lockdown die bereits vorgeschädigten Betriebe noch härter treffen würde. Vergleichsweise glimpflich dürften erneut Großunternehmen mit kurzem Draht zur Politik davonkommen, während etlichen Einzel-, Klein- und Mittelunternehmen schon in der ersten Welle nur die Aufgabe des Geschäftsbetriebs blieb. Für das Teilsegment der börsennotierten Unternehmen werden sich mit der nun angelaufenen Berichtssaison die Nebelschwaden etwas lichten. Nachdem – mit Ausnahme der wenigen Profiteure – bereits im Vorfeld mit deprimierenden Zahlenwerken gerechnet wurde, könnte uns sogar die eine oder andere positive Überraschung ins Haus stehen. Mit einer wieder erhöhten Volatilität sollte in den nächsten Tagen und Wochen daher auf jeden Fall gerechnet werden.

 

 

Zu den Märkten

Die Volatilität war in den letzten Wochen ohnehin zurückgegangen, was in den Charts einiger führender Indizes Kursdreiecke hat entstehen lassen. Diese Dreiecke sind einigermaßen verzwickte technische Formationen, da in ihnen im Prinzip gegenläufige Tendenzen angelegt sind. Schon der Umstand, dass die untere Begrenzung steigt, während die obere Begrenzung fällt, veranschaulicht dies. Spezialfälle sind das positiver zu interpretierende ansteigende Dreieck mit einer waagrechten oberen Begrenzung, wie es derzeit im S&P 500 zu sehen ist, oder das negativere abfallende Dreieck mit einer waagrechten unteren Begrenzung. Unabhängig davon, wie ein solches Dreieck im Chart liegt, muss es der Kurs spätestens an der Spitze wieder verlassen. In der Regel tut er dies aber bereits bevor er die Spitze erreicht hat. Je früher es dazu kommt, desto aussagekräftiger ist das – bildlich gesprochen hat der Kurs dann genügend Kraft, um sich schon vorzeitig aus den immer enger werdenden Bahnen zu befreien. Da Dreiecke, insbesondere kurze, Wimpel-artige Dreiecke zu den Trendfortsetzungsformationen gezählt werden, wäre bei den genannten Aktienindizes also ein Ausbruch nach oben zu erwarten – idealerweise mit ansteigenden Umsätzen. Im DAX erfolgte dieser Ausbruch heute tatsächlich, so dass aus technischer Sicht wieder grünes Licht gegeben werden könnte.

Allerdings gibt es auch ein paar Wermutstropfen: Der Ausbruch erfolgte relativ spät innerhalb des Dreiecks und die Umsatzzahlen konnten per Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht überzeugen. Gut möglich also, dass wir es letztlich sogar mit einem Fehlausbruch zu tun haben. Es ist gar nicht so selten, dass solche späten Ausbrüche aus Dreiecksformationen zunächst testweise in die falsche Richtung weisen, um dann in die Gegenrichtung zu beschleunigen. Was zudem auffällt, ist der nun schon einige Wochen anhaltende Mangel an Aufwärtsdynamik, der überhaupt erst zur Ausbildung der oberen Begrenzungslinie des Dreiecks geführt hat und sich nun auch in dem relativ zaghaften Ausbruch zeigt. Möglicherweise ist der DAX nach der Rally der Vormonate auch noch ein wenig erschöpft und wird vor der sehr massiven Widerstandszone im Bereich über 13.000 Punkten noch einmal ordentlich durchschnaufen.

 

 

 

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Smart Investor 7/2020

Value – vor der Wiederentdeckung?!

Japan: Fernost lockt mit Wachstumswerten

Uran: Aus dem Kern kommt die Kraft

Compounder: Gewinnen mit dem Zinseszinseffekt

 

 

Fazit

Der Kursaufschwung der letzten Monate dürfte viele Marktteilnehmer überrascht haben, besonders vor dem Hintergrund noch immer anhaltender Anti-Corona-Maßnahmen. Inzwischen drängt sich die Parallele zu der inmitten der Finanzkrise geborenen 2009er Hausse auf. Die Probleme wurden auch seinerzeit nicht gelöst, aber die Kurse stiegen dank billigen Geldes dennoch unaufhörlich weiter. Der heutige Ausbruch aus der Dreiecksformation im DAX könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Kursaufschwung noch nicht zu Ende ist.

Ralph Malisch

 

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