Neues Paradigma?

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Das vielleicht wichtigste Treffen der Welt 

Der Navigator

Das Jackson Hole Economic Symposium genießt hierzulande weniger Aufmerksamkeit als ein Instagram-Post eines bzw. einer C-Prominenten. Zu Unrecht. Denn bei diesem jährlichen Treffen im abgelegenen Wyoming kommen nicht nur die wichtigsten Notenbanker zusammen, sondern auch führende Finanzleute, Akademiker, Politiker und Medienvertreter. Streng genommen sind die Spitzen des Weltfinanzsystems vergangene Woche allerdings gar nicht zusammengekommen – zumindest nicht direkt –, denn auch dieses Treffen fand Corona-bedingt im laufenden Jahr virtuell statt. Die Idee hinter dem von der Federal Reserve Bank of Kansas City ausgerichteten Treffen ist der freie Austausch von Gedanken zu Fragen des Finanzsystems und der Geldpolitik, die über die Tagesereignisse hinausweisen. Entsprechend aufsehenerregend waren manche Vorschläge und Ankündigungen, die im Rahmen früherer Symposien gemacht wurden. In diesem Jahr stand die Veranstaltung unter dem Titel „Navigating the Decade Ahead: Implications for Monetary Policy“ (frei übersetzt: „Navigieren durch das kommende Jahrzehnt: Implikationen für die Geldpolitik“). Das klingt reichlich abstrakt, um nicht zu sagen, beliebig.

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Konkret mit Leben gefüllt, wurde das Veranstaltungsmotto dann allerdings von Fed-Chef Jerome Powell. Seine Rede „New Economic Challenges and the Fed’s Monetary Policy Review“ (“Neue wirtschaftliche Herausforderungen und die Überprüfung der Geldpolitik der Fed“) wurde als nicht weniger als die Ankündigung eines Paradigmenwechsels bewertet. Als entscheidend wird die Flexibilisierung des Inflationsziels von zwei Prozent p.a. angesehen. Das soll künftig nicht mehr für das einzelne Jahr, sondern im langfristigen Mittel angestrebt werden. Powell identifizierte zunächst vier Faktoren, die einerseits strukturell zu einem Absinken der Inflation geführt haben, etwa die Alterung der Gesellschaft, oder andererseits einer konkreten Krise wie der aktuellen geschuldet sind, und ihre Wirkung auf eine niedrigere Geldentwertung entfalten. Das „Problem“, das die Fed umtreibt, ist im Wesentlichen das Absinken der Inflationserwartungen, die wiederum Rückwirkungen auf eine dauerhaft niedrige Geldentwertung im Sinne einer deflationären Abwärtsspirale haben könnten. Auch wenn sich die Fed derzeit nicht auf konkrete mathematische Formeln festlegen lassen will, dürfte das entscheidende Signal sein, dass sich die Marktteilnehmer gerade in  Phasen einer „zu niedrigen“ Geldentwertung auf eine Politik einstellen sollten, die auf eine Nachholung der ausgefallenen Geldentwertung zielt, so dass diese über längere Zeiträume wieder bei rund zwei Prozent p.a. liegt. Immer wenn also die tatsächliche Inflation gering ist, soll die Inflationserwartung aufgrund dieser Politikwechsels hochgehalten werden, was eigentlich ziemlich geschickt ist. Die Märkte haben das auch richtig als ein Mehr an Inflation interpretiert und entsprechend sank zunächst der US-Dollar, während das Gold anstieg. Die Gefahr einer solchen Politik besteht natürlich darin, dass aus dem gewünschten Mehr an Inflation ein unerwünschtes Zuviel wird. Auch ist das mit dem langfristigen Wachstumspfad der Geldentwertung zwar eine wohlfeile Erklärung für diese Politik, aus Sicht der österreichischen Schule der Nationalökonomie wäre aber auch eine andere Erklärung denkbar: Demnach ist die Inflation nämlich eine verdeckte Steuer. Fällt sie zu niedrig aus, bedeutet das entsprechend Steuerausfälle, die dann durch eine künftig höhere „Inflationssteuer“ wieder kompensiert werden könnten. Das würde auch das verbissene Festhalten an dem ominösen Zwei-Prozent-Ziel erklären, das auch von der EZB als angebliche Geldwertstabilität postuliert wird. Echte Geldwertstabilität, so sehen wir das jedenfalls, entspricht einer Geldentwertung von null Prozent p.a.

Berlin-Nachlese

Die Berliner Großdemonstration vom vergangenen Wochenende sorgt weiter für Gesprächsbedarf. Auffällig bemüht, wird auch diesmal alles getan, um die Teilnehmerzahlen kleinzurechnen. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang zwei Schreiben der Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizistinnen und Polizisten (Hamburger Signal) e.V., die auf deren Website unter dem Datum 30.8.2020 veröffentlicht wurden. Die „Kritischen“ waren mit vier eigenen Beobachtern vor Ort und haben dort ordentlich Strecke gemacht. Nach deren Einschätzung haben sich der Berliner Innensenator und die Polizeipräsidentin vergaloppiert, was zu politisch motivierten Falschzählungen und auch zu den beobachteten Behinderungen der Demonstration geführt habe.

Auffällig auch, dass das Gros der ebenso bunten wie friedlichen Demonstranten – und damit der Erfolg der Demonstration –, kaum von den Medien beachtet wurden, während die kurzzeitige Besetzung der Reichstagstreppe zum prägenden Ereignis des Tages stilisiert wird. Einmal mehr also klassisches Framing. Hier wird noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten sein, was das für Leute waren, zu welcher Demonstration sie gehörten, wer die konkrete Aktion anstiftete, und warum der Eingang zum Reichstag laut Medienberichten nur von gerade einmal drei Beamten geschützt wurde – dies, obwohl man doch gerade in Berlin um die Macht der falschen(?) Bilder weiß.

„Unredliche Statistiken“

Selbst hinsichtlich der harten Anti-Corona-Linie bröckelt derzeit die Front, was für die Märkte eindeutig eine positive Nachricht ist. Denn während die Lockdown-Hardliner im Lande noch vor Tagen drohten „die Zügel“ erneut anziehen zu wollen, ruderte Gesundheitsminister Spahn bezüglich des ersten Lockdowns bereits zurück: „Man würde mit dem Wissen heute … keine Friseure und keinen Einzelhandel mehr schließen“, wird seine „brutal ehrliche Corona-Bilanz“ bei bild.de zitiert. Aber auch die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ging gestern mit dem Meinungsstück „Kollabierte Kommunikation: Was, wenn am Ende «die Covidioten» recht haben?“ (Bezahlschranke) auf Distanz zu „unredlichen Statistiken“, die „aus der Zunahme der Neuinfektionen eine derart große Gesundheitsgefahr ableiten, wie das derzeit vonseiten der Politik und der Medien geschieht.“ Dass es aktuell keine Corona-Hotspots in Deutschland gibt, sei nur am Rande erwähnt. Selbst um das hierzulande so beliebte Schweden-Bashing der letzten Monate ist es ruhig geworden. Die Nachrichtenagentur Bloomberg schreibt in ihrem Beitrag „WHO Special Envoy Heaps Praise on Sweden’s Covid Strategy“ („WHO-Sonderbeauftragter lobt Schwedens Covid-Strategie in höchsten Tönen“) vom Montag: „Einer der sechs Sondergesandten der Weltgesundheitsorganisation zu Covid-19 hat die Reaktion Schwedens auf das Virus als ein Modell hervorgehoben, dem andere Länder langfristig nacheifern sollten.“

Zu den Märkten

Normalerweise bieten wir Ihnen an dieser Stelle etwas Abwechslung, und eigentlich wollten wir hier die Reaktion des USD auf die Jackson-Hole-Rede von Fed-Chef Jerome Powell zeigen. Doch erstens fiel diese nicht ganz so spektakulär aus und zweitens hat sich heute beim DAX ein derart interessanter Kursverlauf ergeben, dass wir Ihnen erneut den Chart des deutschen Leitindex zeigen. Zwar ist der in der Vorwoche gezeigte Aufwärtskeil nach wie vor intakt und ein tendenziell bearishes Kursmuster. Allerdings konnte der Index innerhalb dieses Keils nun eine Abwärtstrendlinie (vgl. Abb., grüne Linie) überspringen, die sich über immerhin drei große und einige kleine Auflagepunkte konstruieren lässt. Es gilt die Faustregel: Je mehr Auflagepunkte, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass eine Linie von den Markteilnehmern auch tatsächlich beachtet wird. Dies scheint hier zumindest der Fall gewesen zu sein, denn unmittelbar nach dem Durchbruch dynamisierte sich das Kursgeschehen erst einmal nach oben (hellgrüne Markierung). Aufgrund der Einbettung in ein übergeordnetes negatives Kursmuster – der erwähnte Aufwärtskeil – könnte es sich allerdings auch um einen Fehlausbruch handeln. Ansonsten wäre die Mindesterwartung ein Test der oberen Begrenzung des Keils, die aktuell im Bereich der alten Allzeithochs verläuft.

 

Musterdepot Aktien, Fonds und wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung unseres wikifolios „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Smart Investor 9/2020:

Titelstory: Die zweite Welle und die Wahl

Wasserstoff: Megatrend vs. Luftnummer?

 Nachhaltigkeit: Über Sein, Schein & Bewertungen

 Edelmetalle: Zündet eine weitere Stufe?

Veranstaltungshinweis

Ein völlig neues Messekonzept für Fonds-Interessierte stellt HANSAINVEST mit der Fondstique, der digitalen Anlegermesse der Fondsboutiquen, vor. Sie haben dort die Gelegenheit virtuell 36 Aussteller zu besuchen und bis zu 50 Vorträge in drei Panels zu folgen. Termin ist der 15. Oktober 2020 in der Zeit von 9:00 bis 18:00 Uhr. Nähere Informationen und die Möglichkeit zu einer kostenlosen Anmeldung finden Sie hier. http://fondstique.de/

Fazit

Während alle über Corona reden, schafft die Fed neue Fakten, die auf Jahre hinaus die US-Geldpolitik und damit das Weltfinanzgefüge prägen können. Die Sorge vor einem Übersteuern der schon jetzt ultralockeren Fed wächst – aber die Aktien freut’s.

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