Wahl der Widersprüche

© Bildagentur PantherMedia / Arne Trautmann

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US-Präsidentschaftswahl bleibt beherrschendes Thema

„Same procedure as …“?

Vieles an der anstehenden US-Präsidentschaftswahl mutet wie eine Wiederauflage des Jahres 2016 an. Wir erinnern uns: Damals waren die Umfragen, Medien und selbst die Wahlwetten ziemlich eindeutig davon ausgegangen, dass Hillary Clinton ins Weiße Haus einziehen werde. Bis zum Wahltag ergab sich daraus ein geschlossenes Bild gegenseitiger Bestätigung. Lediglich in der freien Wildbahn konnte man spüren, dass es im Lande einen deutlich stärkeren Zug zu Trump gab, als man dies Medien, Umfragen oder Wahlbörsen hatte entnehmen können. Dafür mussten eher unorthodoxe Beobachtungen herhalten – etwa die Pro-Trump-Sticker auf Fahrzeugen, oder der Verkauf von Trump-Devotionalen, die im Gegensatz zum Clinton-Merchandise reißenden Absatz fanden. Solche Beobachtungen waren allerdings nicht nur unorthodox, sondern auch höchst subjektiv. Nicht nur, weil dabei oft genug genau das herauskam, was man selbst schon vorher zu wissen glaubte – man suchte also lediglich nach einer Bestätigung für die eigene Ansicht –, sondern auch, weil manche Beobachtung erst nach der Wahl in ihrer Tragweite richtig eingeordnet wurde. An der Börse kennt man beide Phänomene, sowohl die Suche nach Bestätigung als auch die Erklärung der Welt durch einen Blick in den Rückspiegel (Hindsight-Bias). Müßig zu sagen, dass man mit beiden Herangehensweisen allenfalls zufällig, nach dem Blindes-Huhn-findet-Korn-Prinzip, Geld verdienen kann.

 

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Traue keiner Umfrage

Blicken wir also nach vorne. Auch weniger als einen Monat vor der 2020er US-Präsidentschaftswahl sind die Umfragen klar gegen Trump. Sein Rückstand auf Biden hatte sich nach der ersten großen Fernsehdebatte mit seinem Herausforderer noch einmal vergrößert, was übrigens auch mit unserer Wahrnehmung der Debatte kompatibel war. Das Pro-Trump-Lager argumentiert nun – analog zu 2016 – mit Fehlern bzw. politisch verfälschten Umfragewerten. Das wäre zwar denkbar, allerdings steht nach dem Debakel von 2016 die Reputation der Demoskopie insgesamt auf dem Spiel. Egal ob fehlerhaft oder bewusst in Richtung eines Kandidaten geschönt, ein weiteres Umfragedesaster wäre ein kaum verkraftbarer Vertrauensverlust für das Gewerbe. Auch wenn es starke Sympathien für einen der Kandidaten geben sollte, sind die Demoskopen daher gut beraten, ihr Handwerk so professionell wie nur irgend möglich zu versehen, um nicht den gleichen Bedeutungsverlust zu erleiden, der sich bei „Haltungsjournalisten“ schon seit Jahren zeigt. Denn über die Masse der meinungsbildenden Medien muss man im Zusammenhang mit der Person Trump weder dies- noch jenseits des Atlantiks noch viele Worte verlieren. Sie waren und sind stabil im Anti-Trump-Lager und haben damit kräftig an der Erosion des ihnen entgegengebrachten Vertrauenskapitals mitgearbeitet. Als glaubwürdig werden Quellen, die vor allem Haltung statt Information vermitteln, jedenfalls kaum noch wahrgenommen.

 

All in! Aber wo?

Auch die aktuellen Wahlwetten schlagen klar für Biden aus, wiederum völlig vergleichbar mit 2016. Der wesentliche Unterschied ist, dass Trump damals bei den Buchmachern ein noch krasserer Außenseiter war. Der Wett-Community kann man nun nicht vorwerfen, politische oder ideologische Interessen zu verfolgen. Wer wettet will damit in aller Regel kein Statement abgeben, sondern Geld verdienen – und das gelingt natürlich nur, falls auf das richtige, pardon, Pferd gesetzt wird. Während Journalisten ihren Vorlieben noch am ehesten freien Lauf lassen und fröhlich vor sich hin schwadronieren können, sind Demoskopen schon eher an gewisse Standards ihrer Zunft gebunden, auch wenn je nach Auftraggeber durchaus ein Zungenschlag in die Umfrage gelangen kann. Die Reinform eines möglichst objektiven Prognoseversuchs ist dagegen bei den Politikwetten zu finden, die allenfalls darunter leiden, dass sich hier auch viele blutige Laien versuchen, was aber bei einer genügend großen Anzahl von Teilnehmern zumindest teilweise geheilt werden dürfte. Entsprechend halten wird die Quoten der Wettbörsen für die besten Wahlprognosen. Allerdings, auch das zeigte das Jahr 2016, die Wetten bewegen sich nicht im luftleeren Raum, sind durch Umfragen und Medien beeinflusst, und können letztlich auch daneben liegen. Mitunter gewinnt eben doch der Außenseiter.

 

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Großveranstaltungen vs. „Kaffeekränzchen“

Was das Wahlkampfgeschehen vor Ort betrifft, sind die Großveranstaltungen von Trump natürlich wesentlich eindrucksvoller als die überschaubaren Biden-Auftritte. Trump absolviert nicht nur deutlich mehr solcher Kundgebungen, sondern zieht auch das größere Publikum an. Ob die Zurückhaltung bei Biden nur einem höheren Verantwortungsbewusstsein geschuldet ist, wie aus dem Biden-Lager zu hören ist, oder ob der vergleichsweise spröde Kandidat einfach nur nicht so viele Leute mobilisieren kann, sei einmal dahingestellt. Allerdings ist auch die Interpretation aus dem Pro-Trump-Lager fragwürdig. Dort wird der Kontrast zwischen Trumps schlechtem Abschneiden in Umfragen und Medien auf der einen Seite und der überschwänglichen Begeisterung vor Ort auf der anderen gerne so interpretiert, dass das Volk eben hinter Trump stehe, während „das System“ gegen ihn sei. Das mag schon so sein, ist aber lange nicht die einzig denkbare Erklärung: So könnte es eben auch sein, dass Trump seine Anhänger nur besser motivieren kann und viele das Phänomen Trump auch einfach nur einmal live und aus der Nähe erleben wollen. Die Mobilisierung der eigenen Anhänger sagt genau genommen nur wenig über die viel entscheidendere Frage aus, welche Wirkung diese Veranstaltungen auf jene Wähler haben, die noch unentschlossen sind.

Mann gegen Virus

Auch Trumps Corona-Infektion hat ihm nicht aus dem Umfragetief geholfen. Der Effekt, dass sich die Menschen in der Stunde der persönlichen Not hinter dem Präsidenten sammeln – vergleichbar beispielsweise mit dem Reagan-Attentat – blieb aus. Das wiederum dürfte damit zu tun haben, dass Trumps Corona-Politik im internationalen Vergleich als eher lax gilt, weshalb seine Erkrankung als selbstverschuldet wahrgenommen wird. An Häme aus dem Lager des politischen Gegners fehlte es entsprechend nicht. Die Reaktionen waren allerdings zum Teil so überzogen, es gab sogar Todeswünsche, dass dies auf unentschlossene Wähler eher abstoßend gewirkt haben dürfte. Zumindest Biden war gut beraten, es in der Sache im Wesentlichen bei Genesungswünschen zu belassen, was schlicht und einfach auch einem normalen menschlichen Umgang entspricht.

 

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Stakkato von Ereignissen

Mit zunehmender Annäherung an den Wahltermin wird es eine immer schnellere Abfolge von Ereignissen und Skandalen geben. Zumindest das ist sicher. Das Motto ist hier, wie in jedem Wahlkampf: „Das Beste kommt zum Schluss.“ Jede Seite wird also noch ein paar Pfeile im Köcher haben, die erst kurz vor dem Wahltermin abgefeuert werden. Schon aktuell sind die Kristallisationspunkte zahlreich – die Besetzung des frei gewordenen Supreme-Court-Sitzes, das Verfahren der Mail-In-Ballots, also die unaufgefordert verschickten Briefwahlunterlagen, die Steuererklärungen von Trump, die Skandale von Bidens Sohn Hunter, Fragen nach der geistigen Gesundheit beider Kandidaten, die erwähnte Corona-Erkrankung von Trump, die Fernsehdebatten, die Entwicklung von Konjunktur und Börsen, etc. Weitere Themen werden nun in schneller Abfolge dazukommen, so dass an dieser Stelle eine ernsthafte Prognose für das Verhalten der Unentschlossenen und vor allem der Swing States unmöglich erscheint. Nach den Besonderheiten des US-Mehrheitswahlrechts würde es einem nicht einmal helfen, wenn man die Anzahl der Gesamtstimmen richtig prognostizieren könnte, nicht aber deren Verteilung auf die einzelnen Bundesstaaten. Bekanntlich holte Clinton im Jahr 2016 auch die Stimmenmehrheit, unterlag aber der taktischen Raffinesse Trumps, der sich auf die entscheidenden Swing States konzentrierte. Aber: Überraschungscoups lassen sich nicht wiederholen.

 

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Zu den Märkten

Kann man bei den Aktienmärkten durchaus noch argumentieren, dass Trump aufgrund eines freundlichen Wirtschafts- und Steuerkurses den Kursen eher nutzt als Biden, ist die Sache beim US-Dollar vergleichsweise offen. Die Zeiten, als US-Präsidenten den „Superdollar“ als eine Art Statussymbol angesehen haben, sind definitiv vorbei. Dagegen ist die Versuchung groß, sich über eine Abwertung der eigenen Währung Wettbewerbsvorteile zu sichern. Insofern war es schon eine Leistung der US-Politik trotz einer bis zum Ausbruch der Corona-Krise boomenden Wirtschaft etwaige Aufwertungstendenzen des US-Dollar im Zaum zu halten. Unser Chart zeigt eine mehrjährige Verengung der Handelsspanne in der Relation USD/EUR (vgl. blaue Begrenzungslinien), wobei der USD-Kurs zuletzt wieder auf der unteren Begrenzung aufsetzte. Diese seit rund zwölf Jahren gültige Aufwärtstrendlinie war zuvor schon durch vier Auflagepunkte bestätigt und dürfte von daher im Markt Beachtung finden. Die Arbeitshypothese wäre also, dass sich der US-Dollar auch künftig über dieser Linie bewegen wird, unabhängig davon, wer die Wahl gewinnen wird. Allerdings wäre auch ein Negativszenario denkbar, das letztlich zum Abverkauf und Bruch dieser Linie führen würde: Die Wahl bringt weder am 3. November noch in den Tagen und Wochen danach ein eindeutiges Ergebnis. Beide Seiten reklamieren den Sieg für sich, und während die Höchstgerichte der Bundesstaaten und des Bundes sich durch die Klagen wühlen, machen beide Seiten Druck über die Straße. Erneut kommt es landesweit zu gewalttätigen Ausschreitungen und Unruhen in US-Städten. Das ist zugegeben ein Horrorszenario, aber angesichts des bisherigen Jahresverlaufs auch keines, das vollkommen abwegig erscheint.

 

Musterdepots

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über den Stand bei unserem DAX-Short sowie über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

Smart Investor 10/2020

Titelstory: Immobilien und Immobilienaktien – Gefahr am Horizont?

Value Investing: Perlen zu historischen Schnäppchenpreisen

Great Reset: Gedanken zum World Economic Forum 2021

Markus Krall: Ein Klardenker spricht Quertext

 

Fazit

Die Schatten der US-Präsidentschaftswahl 2020 werden länger. Die Börsen befinden sich derweil in angespannter Wartestellung, sind aus dieser heraus allerdings jederzeit für Überraschungen gut.

 


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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

 

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