Dynamik in Aktion

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Nach dem Durchbruch

Weiter beherrschen die Großthemen Corona und US-Wahl die Berichterstattung. Bei beiden ist der Ausgang ungewiss, worauf wir weiter unten noch eingehen werden. Beginnen wollen wir aber mit den Bewegungen der Aktienmärkte, besonders beim DAX. In der letzten Woche haben wir an dieser Stelle auf die bedrohliche Keilformation im deutschen Leitindex und auf die doppelte Schulter-Kopf-Schulter-Formation innerhalb dieses Keils aufmerksam gemacht. Muss der Markt aufgrund einer solchen Konstellation zwangsläufig schwächer werden? Nein, muss er nicht. Aber eine solche Konstellation hat ein erhebliches Negativpotenzial. Allerdings sollten zwei wesentliche Eigenschaften, die gerne durcheinandergeworfen werden, strikt getrennt werden.

 

Fährtensuche in der Vergangenheit

Das ist zunächst und trivialer Weise die Abbildung des Handelsgeschehens – also der Vergangenheit –, in dem sich jedoch bestimmte Tendenzen und Spuren ablesen lassen. Im konkreten Fall kann man das so zusammenfassen, dass potenzielle Käufer zunehmend weniger Handlungsdruck verspürt haben als potenzielle Verkäufer. Die vergleichsweise enge Kursspanne zeigte zudem, dass keine von beiden Seiten aggressive, kurstreibende Wetten platzierte bzw. diese von den jeweiligen Gegenspielern ebenso aggressiv pariert wurden. Die Gefahr bei einer solchen Fährtensuche besteht allerdings darin, dass die eigene Meinung dabei eine zu große Rolle spielt und entsprechend nur jene Spuren wahrgenommen werden, die ins jeweils aktuelle eigene Weltbild passen.

Implikationen für die Zukunft

Noch ausgeprägter – und noch gefährlicher – ist diese Tendenz, wenn es um die Ableitung des künftigen Handelsgeschehens geht. Ein überzeugter Bär wird immer viele gute Gründe für fallende Kurse finden, ebenso wie ein Dauerbulle nicht verlegen sein wird, die aus seiner Sicht einzig logische Kursrichtung zu begründen. Es erscheint uns daher die richtige Vorgehensweise jede Hypothese an Meilensteinen zu überprüfen, die erreicht werden müssen, um diese aufrechterhalten zu können.

Ein solcher Meilenstein war die untere Begrenzung der Keilformation, die zugleich auch die Nackenlinie beider Schulter-Kopf-Schulter-Formationen war (vgl. Abb., blaue untere Linie). Sollte diese Linie nicht verteidigt werden, so hätten die Bullen ein großes charttechnisches Problem. Die einzige Möglichkeit, einen solchen Durchbruch zu heilen, wäre dann die unmittelbare Rückeroberung gewesen, die aus dem negativen Ausbruch ein positiv zu interpretierendes Fehlsignal hätte werden lassen.

 

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Überwältigende Abwärtsdynamik

Genau diese hauchdünne Chance wurde allerdings vertan. Alles was der DAX erreichen konnte, war eine zweitägige Pullback-Bewegung an das Ausbruchsniveau. Dann krachte der Index dank eines miserablen Ausblicks von Index-Schwergewicht SAP erneut in die Tiefe. Der Ausbruch aus allen drei Formationen darf damit seit Montag als bestätigt gelten und die Bären haben dementsprechend ihren ersten Meilenstein erreicht. Wie aber geht es nun weiter?

Im Moment sehen wir eine überwältigende Abwärtsdynamik der Kurse, die von einem entsprechenden Anstieg der Volatilität begleitet ist. Ein einzelner positiver Tag kann in einer solchen Situation zwar jederzeit entstehen, sollte aber auch nicht überbewertet werden. Immer wenn es die Kurse nach unten besonders weit übertrieben haben, dürften nämlich sogenannte Short-Covering-Rallys einsetzen, die aber eben keine Trendumkehr darstellen, sondern in aller Regel trendbestätigend sind.

Unterstützungszonen und Meilensteine

Nach unten haben wir zwei wesentliche Unterstützungszonen eingezeichnet, die sich aus den Gaps des Kurzsturzes vom Frühjahr ergeben. Der erste Unterstützungsbereich liegt zwischen 11.000 und 11.500 Punkten und könnte unmittelbar getestet werden. Alleine die morgigen US-Quartalszahlen, wenn mit Apple, Amazon.com, Alphabet und Facebook die Crème de la Crème der FAANG-Aktien gleichzeitig berichten werden, haben das Potenzial die ohnehin erhebliche Volatilität weiter zu steigern.

Interessant ist aber auch die zweite grüne Unterstützungszone im Bereich von ca. 10.000 bis 10.500 Punkten. Sieht man genau hin, dann gibt es dort noch immer ein offenes Gap (= Kurslücke) im Bereich zwischen 10.137,62 und 10.160,89 Punkten (vgl. Abb., rote Linie). Es ist durchaus möglich, dass auch dieses Gap noch während einer Panikreaktion geschlossen wird. Allerdings müssen auf dem Weg dahin noch etliche Meilensteine abgehakt werden, etwa der vollständige Durchbruch durch die erste grüne Unterstützungszone.

 

Technisch oder fundamental?

Dennoch lässt sich die Kursentwicklung wohl nicht alleine aus der Charttechnik heraus interpretieren. In der alten Streitfrage zwischen Markttechnikern und Fundamentalanalysten „Machen die Nachrichten die Kurse oder die Kurse die Nachrichten?“ muss man sich nicht vollständig auf eine der beiden Seiten schlagen. Ein schönes Beispiel, wie Nachrichten Kurse machen, lieferte diesen Montag das erwähnte DAX-Schwergewicht SAP. Im Wesentlichen war es der schlechte Ausblick beim Walldorfer Softwarehaus, der für das Gros der DAX-Kursverluste zum Wochenauftakt verantwortlich war. Der Rest war dann technisch induzierte Kursdynamik.

Corona-Crash, die Zweite

Entsprechend üben natürlich auch die aktuellen Großthemen Corona und US-Wahl ihren Einfluss auf die Märkte aus, insbesondere, wenn und falls sich dort etwas ändert. In Deutschland scheint der Handel heute unter der Devise zu stehen, dass Länder mit einer in Aussicht gestellten massiven Verschärfung der Corona-Regeln einfach abverkauft werden. Diese zweite Welle wirkt damit immer mehr wie ein Déjà-vu der ersten (vgl. Smart Investor 10/2020, S. 40ff.).

Ab 2. November sollen erneut rigide Kontaktbeschränkungen in der Republik greifen, die das öffentliche Leben und die Wirtschaft erneut schwer schädigen werden. Auch wenn die hauptbetroffenen Branchen wie Gastronomie und Eventveranstalter überwiegend nicht börsennotiert sind, erzeugen die angedrohten Eingriffe, der SPD-Politiker Lauterbach brachte sogar Kontrollen in Privatwohnungen ins Gespräch, für starke Verunsicherung. Wir gehen davon aus, dass internationale Investoren um diejenigen Länder erst einmal einen großen Bogen machen, in denen mit hohen Rechtsgütern derart leichtfertig umgegangen wird. Vertrauen ist eben sehr viel schneller verspielt als es wieder aufgebaut ist. Entsprechend halten wir den DAX im internationalen Vergleich bis auf weiteres für einen hochvolatilen Underperformer – und das ist die unattraktivste Kombination überhaupt.

Bidens Chancen schwinden

Auf der anderen Seite des Atlantiks rückt dagegen der Wahltermin unaufhaltsam näher. In weniger als einer Woche, am 3. November, ist es soweit. Wenn wir uns an unseren kleinen Jinkosolar-Indikator aus der Vorwoche erinnern, dann haben sich die Wahlchancen von Joe Biden seither massiv verschlechtert. Die Aktie fiel gegenüber der Vorwoche rund 30% und – was in diesem Zusammenhang wichtiger ist – auch gegenüber dem S&P 500 ist ein Rückgang von rund 30% in nur einer Handelswoche zu verzeichnen. Allerdings muss man dies auch vor dem Hintergrund sehen, dass das Papier hochvolatil ist und sich zuvor in kurzer Zeit etwa verdreifacht hatte, weshalb eine technische Reaktion absolut in Ordnung geht. Dass diese allerdings schon vor der Wahl derart heftig einsetzt, ist dennoch bemerkenswert.

Überhaupt scheint aus der Biden-Kampagne die Luft raus zu sein. Der Kandidat hat nach der zweiten Fernsehdebatte, die Trump klar für sich entscheiden konnte, eine erneute Auszeit genommen. Das kommt bei den Wählern nicht gut an und nährt Zweifel an Bidens Kondition. Immerhin, so sagen Spötter, erspart er sich damit den Auftritt vor fast leeren Plätzen und den Wählern die sich häufenden Versprecher und Ausfallserscheinungen.

Der Skandal, der (noch!) keiner sein darf

Ein Thema, das mit der Ausnahme der Trump-nahen FOX News im Mainstream fast vollkommen unter der Decke gehalten wird, sind die Korruptionsenthüllungen um die Biden-Familie. Nur der FOX-Reporter Tucker Carlson gab „Butter bei die Fische“ und interviewte den ehemaligen Geschäftspartner von Hunter Biden. Die reflexhaften „Russia, Russia, Russia!“-Vorwürfe des Mainstreams scheinen demnach ebenso ehrabschneidend wie haltlos zu sein. Das Thema „Russland-Verschwörung“ begleitet uns ja seit Tag 1 der Trump-Präsidentschaft, wobei die Hintermänner der angeblichen russischen Verschwörung wohl eher in Washington als in Moskau zu finden sein dürften. Auch hier gibt es weiter großen Aufklärungsbedarf.

An dieser Stelle wagen wir mal eine Prognose: Biden wird allenfalls eine kurze Zeit US-Präsident sein, falls überhaupt. Denn wir gehen davon aus, dass ihn die Korruptionsaffäre nach der Wahl mit voller Wucht einholen wird. Denn Biden ist alles andere als der Wunschkandidat einer weit nach links gerückten Demokratischen Partei – zu weiß, zu männlich, zu alt. Es wäre daher keine Überraschung, falls sich dann genau jene Medien gegen ihn wenden, die sich jetzt noch so auffallend desinteressiert an dem Fall zeigen. Fällt Biden, ließe sich die relativ unpopuläre Kamala Harris anschließend als erste US-Präsidentin ins Amt hieven. Es bleibt in jedem Fall spannend.

 

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Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio  berichten wir heute über die Marktlage sowie über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Eine sehr mehrwertige Veranstaltung für professionelle Investoren, Vermögensverwalter und Anlageberater ist der 6. Fondskongress Trier, den das Kontor Stöwer Asset Managemant am 29. Oktober 2020 veranstaltet. Unter dem diesjährigen Motto „Mir wölle bleiwe wat mir sin“ geben mehr als ein Dutzend hochkarätige Experten Einblicke in aktuelle Chancen und Risiken der Branche. Es wird auch einen Livestream geben. Nähere Informationen zum Online-Teil der Veranstaltung unter www.ks-am.de

 

Smart Investor 11/2020

Titelstory: Kapitalschutzreport 2020 – Zwischen Lockdown und Lastenausgleich

Konten und Lager: Dezentraler Schutz vor finanzieller Repression

Mises-Konferenz: Markt und Umweltschutz – wirklich ein Widerspruch?

Internetgiganten: Gipfelstürmer in COVID-19-Zeiten

 

 

Fazit

Die Markttechnik wies in der letzten Woche den Weg, aber auch aus fundamentaler Sicht lassen sich die deutlichen Kursabschläge deutscher Aktien nun erklären – SAP-Crash und Lockdown zeigen Wirkung. Der deutsche Markt bleibt – nicht nur aufgrund der hier praktizierten Politik – hochvolatil und insgesamt einer der global unattraktiven Aktienmärkte.

 


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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.


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