Statistiken, Lügen und Wahlumfragen

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Demoskopie und Massenmedien lagen auch bei der US-Wahl 2020 daneben.

Zitterpartie statt Durchmarsch

Einen Durchmarsch für Joe Biden bei der gestrigen US-Präsidentschaftswahl hatten nicht nur die deutschen Medien angekündigt. Dabei beriefen sie sich auf Umfragen, die dem Herausforderer einen komfortablen Vorsprung attestierten. Dieser Vorsprung löste sich an den Wahlurnen jedoch vorübergehend völlig in Luft auf. Einzelne Swing States wie Florida und Texas konnte Trump sogar mit großem Vorsprung für sich entscheiden. Entsprechend widerwillig war die Berichterstattung darüber in nahezu allen deutschen Leitmedien. Obwohl sich dort ein Trump-Sieg vergleichsweise früh abzeichnete, wurden diese Staaten noch lange als unentschieden geführt, wodurch Biden optisch schon früh in Führung ging. Dagegen wurde der ebenfalls nicht komplett ausgezählte Bundesstaat Kalifornien von Anfang an mit sicheren 55 Biden-Wahlmännern (m/w/d) abgerechnet. Am Stand der Auszählung kann die Kommunikation der Ergebnisse also nicht gelegen haben.


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Experten unter sich

Eher schon war das Pro-Biden-Framing etlichen Medienschaffenden so sehr zur zweiten Natur geworden, dass sie sich gar nichts anderes vorstellen mochten als dessen Sieg. Das ist einerseits bemerkenswert, denn „Sleepy Joe“ verfügt weder über das populistische Talent Trumps, noch ist er der Saubermann, als der er sich gerne präsentiert. Andererseits ist es überhaupt nicht bemerkenswert, denn Biden ist einfach der europäische Wohlfühlkandidat schlechthin – mehr Steuern, mehr Lenkung, mehr Staat, also all das, wofür auch der hiesige Mainstream steht. Aber nicht nur das politische Feuilleton der Republik hat sich im Vorfeld der Wahl wesentlich eindeutiger festgelegt als die Amerikaner selbst, auch in der Politik selbst ging man fest von einem Machtwechsel aus. So bekannte Norbert Röttgen (CDU) auf die Frage nach einer zweiten Amtszeit Trumps freimütig: „Darauf sind wir nicht eingestellt.“ Das ist für den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag durchaus ein Armutszeugnis, zumal der Mann mit Ambitionen auf den CDU-Vorsitz die Außenpolitik explizit zu seinem Politikschwerpunkt erklärt hat.

Herzschlagfinale zu High Noon

Warum Trump – entgegen allen Umfragen – phasenweise doch noch Chancen auf eine zweite Amtszeit hat(te), ist gar nicht so leicht zu erklären. Wir gingen davon aus, dass die Demoskopen nach dem 2016er Desaster nun alles daran setzen würden, diese Scharte auszuwetzen. Obwohl die Bilder der Trump-Rallys klar auf dessen Popularität im eigenen Lande hindeuteten, interpretierten wir das nicht als den entscheidenden Indikator. Denn es geht nicht primär darum, wie sehr man die eigenen Anhänger motivieren kann, sondern darum, ob man Unterstützer bei den Unentschlossenen bzw. bisherigen Gegnern findet. Beide Aspekte – Umfragen und Trump-Rallys – sind so gesehen also durchaus kompatibel. Erklärungsbedürftig ist aber, warum sich der große Prognosevorsprung Bidens phasenweise in ein Herzschlagfinale verwandelte. Heute Mittag wurde auf der Wahlbörse predictit.org nur noch der minimalst mögliche Vorsprung von 270 zu 268 Wahlmännerstimmen für Biden gesehen – unter großen, praktisch stündlichen Schwankungen, die am Vormittag auch Trump vorne sahen. Letztlich scheint sich aber Biden in der Mehrheit oder gar in allen der verbliebenen Swing States durchzusetzen – auch und besonders durch die zwischen den Lagern umstrittene Briefwahl.


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Quelle Screenshot: www.predictit.org, 12:00 MEZ


Das Schweigen der Trump-Wähler

Eine Erklärung für den Wahlkrimi dürfte auch die Zurückhaltung potenzieller Trump-Wähler bei Umfragen gewesen sein. Die soziale und vor allem mediale Akzeptanz für ihren Wunschkandidaten war so gering, dass sie es wohl oft vorgezogen haben dürften, zu schweigen. Hierzulande war der Pro-Biden-Bias, der eigentlich ein Anti-Trump-Bias ist, sogar noch stärker. Es konnte praktisch in jeder Umgebung und aus jeder Situation heraus passieren, dass ein bis dahin unauffälliger Tischnachbar eine beifallsheischende Tirade gegen Trump vom Stapel ließ – mitunter sogar noch vor dem Dessert. Nun ja, niemand kennt die Verhältnisse im Weißen Haus bekanntlich besser als ARD-Zuschauer und Spiegel-Leser. Allen Unkenrufen zum Trotz hat sich Quereinsteiger Trump aber im Minenfeld des Washingtoner Establishments und unter ständigem, starkem Gegenwind alles in allem sehr achtbar geschlagen. Wenn man bedenkt, dass ihm am Anfang kaum jemand zutraute, auch nur die erste Amtszeit zu überstehen und er nun sogar beinahe wiedergewählt worden wäre, könnte er die politische Bühne erhobenen Hauptes verlassen.

Eindeutig genug?

Es wird nun also darauf ankommen, auf welche Seite die verbleibenden Swing States fallen. Je eindeutiger die Mehrheit ausfällt, desto geringer ist das Risiko, dass die Wahl doch noch zu einer juristischen Hängepartie wird, auch wenn Zweifel an dem extrem hohen Anteil der Briefwahlstimmen bleiben. Insofern wäre auch ein Biden-Sieg, so er nur klar genug ausfällt, etwas, womit die Märkte gut leben können. Vor allem brauchen sich die führenden US-Tech-Konzerne, die seit Jahren die Hauptkursreiber an der NASDAQ sind, nicht zu fürchten. Sie haben sich vergleichsweise klar pro Biden (Facebook, Google, etc.) positioniert und eine mögliche Zerschlagungsdiskussion ist unter einer Biden-Administration sicher vom Tisch. Die positive Entwicklung der US-Futures am frühen Nachmittag deutet jedenfalls in diese Richtung. Auch sollte an dieser Stelle nicht unterschätzt werden, dass nun generell mehr Ruhe in die US-Politik einkehren wird, weil einige jener Konflikte, die Trump aufgerissen hat, nun wieder zugedeckt werden dürften. Aber: Nicht jeder dieser Konflikte war unnötig oder bloßer Rauflust geschuldet. Manche Konflikte müssen auch ausgetragen werden.


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It’s the Fed, stupid!

Für die Aktienmärkte ist kurzfristig ohnehin relevanter, mit welchen Aktionen die US-Notenbank Fed Märkte und Wirtschaft weiter unterstützt. Hier wird es keine Änderung der ultralockeren Geldpolitik geben. Dennoch sollte man auch die längerfristigen Wirkungen der Wahl im Auge behalten. Der Kandidat mit deutlich mehr marktwirtschaftlichem Profil war Trump. Dagegen setzen Biden und auch seine Vize-Kandidatin Harris mehr auf den Staat und auf staatliche Lenkung. Das ist eine Weichenstellung, die zunächst vielleicht kaum spürbar sein wird, die aber auf mittlere und lange Sicht die Grundlagerung eines ehedem stramm kapitalistischen Landes verändern kann.

Kapitalschutz – jetzt erst recht!

Angesichts der Umwälzungen, die uns in den nächsten Jahren begleiten und/oder treffen werden, bleibt das Thema Kapitalschutz brandaktuell. In der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor 11/2020 hat sich daher unter anderem unsere Gastautorin Petra C. Göttel von der Liechtensteiner Petra C. Göttel Vermögensverwaltung AG ausführlich mit Fragen des Kapitalschutzes in bewegten Zeiten beschäftigt. Denn, wie oben bereits angedeutet, wie immer die Wahl letztlich ausgehen wird, das Gelddrucken geht weiter. Zudem werden Enteignungsdiskussionen angesichts der Billionenschäden durch Corona bzw. durch die Corona-Gegenmaßnahmen frisch angefacht und wohl auch mit zunehmender Schärfe geführt werden. Am Ende wird es nicht nur wichtig sein, sich in den richtigen Werten zu positionieren, sondern diese Werte auch noch rechtssicher an den richtigen Orten zu haben.

Zu den Märkten

Nachdem wir den DAX in der letzten Woche vor allem technisch erklärt haben, wollen wir diesen Faden heute fortspinnen. Im Prinzip hatte der Abwärtsimpuls nach dem Durchbruch des Keils und der doppelten Schulter-Kopf-Schulter-Formation im Bereich von knapp über 11.500 Punkten seinen Boden gefunden (vgl. Abb.). Damit wurde fast punktgenau der obere Rand der ersten grünen Zielzone erreicht. Dass es nicht weiter nach unten ging, kann als Zeichen der Stärke interpretiert werden. Denn unmittelbar danach schloss sich eine kräftige Aufwärtsbewegung an, die zunächst die klassischen Merkmale einer Bärenmarkt-Rally aufwies. Der heutige Handelstag war dann allerdings durch die US-Wahl geprägt. Das bedeutete insbesondere in den frühen Handelsstunden eine erhöhte Volatilität. Danach setzte sich allerdings die Auffassung durch, dass der deutsche Aktienmarkt mit dem inzwischen wahrscheinlichen Ergebnis eines US-Präsidenten Joe Biden gut werde leben können. Immerhin besteht für deutsche Unternehmen nun die Hoffnung, dass sie nicht erneut für ihre Exporterfolge ins Visier des Weißen Hauses geraten und mit Strafzöllen bedroht oder belegt werden. Insofern könnte der DAX, der in den letzten Jahren einer der schwächeren Aktienindizes war, aus dieser Richtung Unterstützung erhalten.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über umfangreiche Umschichtungen nach der US-Wahl und über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Für einen Quereinsteiger im Polit-Geschäft hat sich Trump letztlich achtbar geschlagen – aber voraussichtlich trotzdem die Wiederwahl verpasst. Die Börsenkarawane zieht weiter.


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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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