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Wenn Medien Spannendes meiden

Zerrbild der Wirklichkeit

Wer die Welt nur aus den Medien kennt, wird in aller Regel nicht mehr als ein Zerrbild der Wirklichkeit haben. Zum einen ist da das relativ neue Phänomen des Haltungsjournalismus, bei dem die Vermittlung von Fakten hinter deren „zutreffende“ Einordnung zurückzutreten hat. Die Trennung zwischen Nachricht und deren Bewertung ist längst überwunden. Lediglich dort, wo buchstäblich die Gäule mit einem Autor durchgegangen sind, wird dies noch als Kommentar kenntlich gemacht. Wie verhält sich der mündige Medienkonsument, der in fast allen politischen und gesellschaftlichen Großthemen unter der Dauerberieselung einer vorherrschenden Haltung steht? Er kann sich beispielsweise dadurch emanzipieren, dass er Primärquellen studiert. Ob beispielsweise eine Rede von Donald Trump „irre“ ist, könnte er direkt am Original beurteilen – ganz ohne Denkbetreuung. Denn die Nachricht ist in diesem Fall, dass der Mann bestimmte Auffassungen zu Gehör gebracht hat. Alles andere ist bereits subjektive Bewertung.

Wegen 86 Cent?!

Nun ist es für Normalbürger allerdings nicht zu leisten, sich aus Primärquellen über das Weltgeschehen auf dem Laufenden zu halten – zeitliche Restriktionen, begrenzte Aufnahmekapazitäten, Sprachbarrieren, etc. Nun dafür bezahlen wir mit mehr als 8 Mrd. EUR jährlich den teuersten öffentlichen Rundfunk der Welt. Dass die Deutschen deshalb auch zu den bestinformierten Erdenbürgern gehören, darf bezweifelt werden. Eine Erhöhung der Rundfunkgebühren um weitere rund 400 Mio. EUR jährlich – im Framing des öffentlichen Rundfunks auf „86 Cent“ (pro Haushalt und Monat!) heruntergerechnet – scheiterte nun am Widerstand der sachsen-anhaltinischen CDU. Das veranlasste die Öffentlichen unmittelbar, nicht ohne beleidigten Unterton, Qualitätsverluste des Programms anzukündigen, was angesichts des aktuellen Qualitätsniveaus lustiger klingt, als es wohl gemeint war. Auch werden die Öffentlichen nach Karlsruhe ziehen, um doch noch auf dem Gerichtsweg – und wiederum auf Beitragszahlerkosten – an die Mehreinnahmen zu gelangen – um es in ihren Worten zu sagen: Wegen 86 Cent?!

Die zweite Meinung

Wenn Primärquellen aus arbeitsökonomischen Gründen ausscheiden und insbesondere der Öffentliche Rundfunk ein Teil des Problems ist, dann lässt sich das Meinungsbild nur noch über Quellen abrunden, die sich entweder um höchste Neutralität bemühen oder solche, die bewusst auf die Löcher in den Narrativen des Medienhauptstroms hinweisen. Früher nannte man das Westfernsehen, noch früher Feindsender. Und auch solche Einstufungen sind erschreckend aktuell, denn was Fake News sind, bestimmen in immer mehr Ländern praktischerweise jene Medien, die den Regierungen besonders nahestehen – außer man befindet sich in den USA, wo die Verhältnisse bis zum 20. Januar 2021 bekanntlich noch auf dem Kopf stehen.

Jenseits des Alltags

Aufmerksamen Lesern ist nicht entgangen, dass wir Ihnen aus dem ersten Absatz (zweiter Satz) noch ein „Zum anderen“ schulden, warum das von Medien vermittelte Weltbild regelmäßig ein Zerrbild ist: Alles was langweilig und gewöhnlich ist, also all das, was unseren Alltag prägt, ist in Medien nur unterproportional repräsentiert. Es geht um die Sensation. Früher hieß es, Hund beißt Mann sei keine Nachricht, umgekehrt aber schon. Das Beispiel ist so abgegriffen, dass auch letzteres niemanden mehr interessieren würde. Heute müsste das arme Tier schon durch Leinenzwang oder stereotypes Stöckchenwerfen diskriminiert worden sein, um einen Medienaufschrei auszulösen.

Story ist, was nützlich ist?

Umso bemerkenswerter ist es – und da kommen wir wieder zu den Löchern des Medienhauptstroms –, wenn Sensationen direkt vor die Füße fallen, sich aber niemand danach bücken will. So sind die Unregelmäßigkeiten der 2020er US-Präsidentschaftswahl – ganz im Gegensatz zu den haltlosen Russland-Vorwürfen der 2016er Wahl – den Medien nur eine widerwillige Berichterstattung wert – falls überhaupt. Die Klage gegen die umkämpften US-Bundesstaaten Georgia, Michigan, Pennsylvania and Wisconsin, die in der Nacht zum 8. Dezember von Texas beim US-Supreme Court eingereicht wurde, ist eine echte Sensation, auf die sich niemand stürzen mag. Der 8.12. war übrigens jener „Safe Harbor“-Tag („Sicherer Hafen“), an dem die Wahl hätte eigentlich in trockenen Tüchern sein sollen. Der nächste wichtige Termin wäre dann der 14.12., an dem das Wahlmänner-Kollegium zusammentrifft bzw. zusammentreffen soll.

Inzwischen wurde die Texas-Klage vom Supreme Court angenommen. Weitere acht Bundestaaten haben sich angeschlossen: Lousiana, Arkansas, Alabama, Florida, Kentucky, Mississippi, South Carolina, und South Dakota. Das so sorgsam gepflegte Narrativ, wonach sich ein glasklarer Wahlverlierer aufgrund seiner Halsstarrigkeit weigere, das Weiße Haus zu räumen, beginnt zu bröckeln. Als wir an dieser Erzählung schon vor Wochen Zweifel anmeldeten, hagelte es böse Post.

Krimi ohne Zuschauer

Damit ist ausdrücklich nicht gesagt, dass das Rennen nun zwangsläufig zu Gunsten Trumps kippen wird, obwohl ihn die Mehrheitsverhältnisse am Supreme Court grundsätzlich begünstigen. Wir schauen in dieser Angelegenheit immer wieder gerne auf die Wahlbörse predictit.org,  wo seit vorgestern zwar die Umsätze für die Trump-Wette deutlich angestiegen sind, nicht aber deren Preis, der weiter zwischen 13 und 15 Cent für einen US-Dollar schwankt – Trump bleibt also krasser Außenseiter. Falls der Supreme Court aber kein formales Schlupfloch aus dieser Klage findet, gerät er in eine echte Zwickmühle – denn wie immer er sich entscheidet, in den USA riecht es nach Verfassungskrise. Eigentlich ein Politkrimi par excellence, an dessen Framing aber wohl noch gefeilt wird (s.o.).

Höchste Relevanz

Für die Börsen könnte dieser Krimi nun doch noch höchste Relevanz entwickeln. Das liegt weniger an den unterschiedlichen Politikansätzen der Kandidaten, die sich grob als „Mehr Staat“ (Biden) bzw. „Mehr Unternehmertum“ (Trump) einordnen lassen. Denn eine anhaltende Verfassungskrise dürfte weder dem US-Dollar noch den amerikanischen Aktien gut bekommen. Eine entscheidende Größe wird auch das künftige Verhältnis zu China spielen. Trump hatte hier stets relativ klare Kante gezeigt, während Biden immer wieder ein zu (?) enges Verhältnis zu den chinesischen Machthabern nachgesagt wird. Diese Vorwürfe erhielten nun zusätzliche Brisanz durch ein dubioses Video, das einen chinesischen Professor zeigt, der darüber monologisierte, dass der chinesische Einfluss bis in die höchsten politischen Kreise der USA reiche. Auch darüber findet man in hiesigen Medien praktisch nichts.

Zu den Märkten

Betrachten wir den Wechselkurs zwischen US-Dollar und Euro, so zeigt sich seit der US-Wahl (vgl. Abb., grüner Pfeil) eine interessante Entwicklung: Die amerikanische Leitwährung durchbrach eine immerhin seit mehr als zwölf Jahren gültige, aufwärts gerichtete Unterstützungslinie (vgl. Abb., untere blaue Linie). Vordergründig könnte man das so interpretieren, dass nun Trumps Macho-Rhetorik über eine vor Kraft strotzende US-Wirtschaft erst einmal wegfällt. Allerdings hielt diese Linie auch schon während der beiden vorangegangenen Obama-Amtszeiten. Auch sollte man sich von Trumps Rhetorik nicht täuschen lassen, denn schon nach seinem Amtsantritt im Jahr 2017 ging der Dollar kräftig auf Talfahrt (vgl. Abb., rotes Dreieck) – und das ist durchaus auch im Interesse der USA. Denn ein fallender US-Dollar schädigt den globalen Gegenspieler China auf vielfältige Weise. Für den Moment denken wir allerdings nicht, dass die aktuelle US-Dollar-Schwäche bereits den Auftakt einer zweiten Trump-Amtszeit signalisiert, sondern eher als Zeichen der Unsicherheit hinsichtlich der künftigen US-Politik zu bewerten ist. Verständlich, dass die Marktteilnehmer da erst einmal in andere Währungen wechseln, bis sich die Situation geklärt hat. Insbesondere das Thema China könnte in einer zweiten Trump-Amtszeit verstärkt angegangen werden, während von Biden da klar Zurückhaltung zu erwarten ist. Das könnte dann zu der intuitiv schwer nachvollziehbaren Situation führen, dass der US-Dollar unter einem demokratischen Präsidenten vergleichsweise stark, unter einem Republikaner jedoch erneut schwach würde. Auch hier bleibt es also spannend.

Neues vom „Doppelten Momentum“

In der Rubrik „Phänomene des Marktes“ des aktuellen Smart Investor 12/2020 findet sich ein vielbeachteter Beitrag unserer regelmäßigen Gastautoren Werner Krieger und Dr. Werner Koch. Unter dem Titel „Trendstarke Aktien mit eingebautem Crashschutz“ geht es dort um eine Strategie des doppelten Momentums, die auf mechanische Art hohe Performance mit einer Absicherung gegen Extremereignisse verbindet. Die beiden Autoren haben uns nun ein sehr lesenswertes Update ihrer Ausarbeitung  zukommen lassen, das wir Ihnen nicht vorenthalten wollen. Im Anschluss an den Artikel?

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Smart Investor 12/2020:

Titelstory: Small Caps in Zeiten von Corona

Aktienselektion: Erfolg mit doppelter Momentumstrategie

Malta: Nicht unbedingt günstig, aber dafür lebenswert

Corona: Wenn die Freiheit auf der Strecke bleibt.

Fazit

Die US-Präsidentschaftswahl ist mit dem nun am Supreme Court anhängigen Verfahren von insgesamt neun US-Bundesstaaten spannender als man uns im Medienmeanstream glauben machen will. Ob wir für 86 Cent mehr eine objektivere Berichterstattung der Öffentlichen erhalten hätten, wagen wir allerdings zu bezweifeln.


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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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