Auftakt nach Maß?

Bildquelle: © Kzenon – stock.adobe.com

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Aktienmärkte zwischen Liquidität und anhaltenden Sorgen

Intakte Trends

Wenn man die Schlagzeilen der Zeitungen studiert, könnte man auf die Idee kommen, dass es wieder einmal an allen Enden und Ecken brennt. Vor allem zwei Themen dominieren auch im neuen Jahr die Berichterstattung. Da ist zum einen die Corona-Pandemie mit den wesentlichen Aspekten Impfungen und Lockdowns, sowie zum anderen die USA mit den Aspekten Machtübergang im Weißen Haus und künftige US-Politik. Dennoch ist an den Märkten von diesen spannenden Zeiten kaum etwas zu sehen. Die Trends, die bei unserer letzten Ausgabe vor Weihnachten zu beobachten waren, sind im Wesentlichen auch weiter noch intakt.

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Anhaltende Dollarschwäche

Da ist zum einen die Schwäche des US-Dollars, die sich nach dem Ausbruch unter die aufwärtsgerichtete, bis in das Jahr 2008 zurückreichende Unterstützungslinie wieder etwas beschleunigt hat (vgl. Abb. 1, blaue Linie). Der technisch orientierte Analyst erkennt darin allerdings nicht mehr als einen der Standardfälle seiner Disziplin – Trendlinienbruch mit anschließender Kursdynamik, keineswegs jedoch außergewöhnliche Zeiten. Natürlich könnte man sich fragen, warum diese Linie ausgerechnet jetzt gebrochen wurde. Wie immer die Antwort ausfällt – Entwicklung der US-Geldmenge, Handelskonflikte, die medial omnipräsenten politischen Unsicherheiten rund um die Machtübergabe, etc. –, alleine durch die Frage könnte der Eindruck entstehen, dass wir es bei der Dollarschwäche mit einer gänzlich neuen und erklärungsbedürftigen Entwicklung zu tun haben. Das aber muss gar nicht der Fall sein, wie die rote Abwärtslinie am Ende des Charts illustriert. Tatsächlich befindet sich der US-Dollar nämlich bereits seit rund drei Quartalen im Rückwärtsgang gegenüber dem Euro und hat im Zuge dieser Entwicklung nun eben auch die lange gültige Unterstützung zunächst erreicht und anschließend durchschlagen.

Wechselbäder

Allerdings führt diese Dollarschwäche zu anderen Effekten. Zumindest dürfte sie eines der wesentlichen Elemente hinter der Wiederentdeckung des Bitcoins sein. Denn wenige Tage nachdem der US-Dollar seine Unterstützung nach unten durchschlagen hatte (s.o.), konnte der Bitcoin sein bislang gültiges Allzeithoch aus dem Jahr 2017 (vgl. Abb. 2, rote Linie) kraftvoll überwinden. Danach gab es kein Halten mehr und der Urvater der Kryptogelder verdoppelte sich binnen weniger Wochen. Dass eine solche Kursentwicklung nicht einfach mit dem Lineal weitergezogen werden kann, zeigte sich diesen Montag, als der Bitcoin innerhalb nur eines Handelstages in der Spitze rund ein Drittel seines Wertes verlor. Dennoch erscheint uns die Entwicklung interessant genug, dass wir uns in der kommenden Februar-Ausgabe des Smart Investor wieder einmal intensiver mit dem Thema Krypto befassen werden.

Spekulationsfieber

Eine andere Tendenz, die sich in der Kursentwicklung des Bitcoins zeigt, ist die enorme Spekulationsbereitschaft des Publikums. Das Phänomen nahm während der ersten Corona-Welle seinen Ausgang. Es wurde unter anderem damit erklärt, dass Menschen neu zum Börsenthema gekommen seien, weil sie Lockdown-bedingt viel Zeit zuhause verbringen mussten und große Sportveranstaltungen, auf die traditionell gewettet wurde, abgesagt waren. Zudem haben neue Apps wie Robinhood vielen Neulingen einen leichten, eigentlich sogar spielerischen Zugang zu den Börsen ermöglicht. Natürlich runzeln da erfahrene Börsianer die Stirn, wenn massenhaft unbedarfte Anleger an die Märkte schwappen. Früher nannte man solche Bewegungen Dienstmädchenhaussen, was heute in Ermangelung einer ausreichenden Anzahl dienstbarer Geister, aber auch aufgrund sprachpolizeilicher Erwägungen nicht mehr zeitgemäß wäre. Das Phänomen bleibt aber das gleiche, und es lässt sich auch an der Kursentwicklung von Broker- und Wertpapierdienstleisteraktien ablesen (vgl. Abb. 3 am Beispiel der Baader Bank). Die Geschäftsentwicklung solcher Unternehmen korrespondiert regelmäßig weniger mit den Börsenkursen selbst als mit den Börsenumsätzen. Je mehr und je kurzfristiger also spekuliert wird, desto lauter klingeln bei solchen Unternehmen die Kassen. Im Chart kann man deutlich erkennen, dass der erste Lockdown mit nur leichter Verzögerung den Startschuss für diese fulminante Rally lieferte, in deren Verlauf sich die Kurse der Brokeraktien oft vervielfachten. Auch den Brokeraktien werden wir uns im Smart Investor 2/2021 ausführlich widmen.

Von der Katastrophe zur Katastrophenhausse

Aber auch die allgemeine Börsenentwicklung zeigt weiter nach oben. Vor dem Hintergrund der aktuell wieder praktizierten Lockdowns ist das fundamental kaum erklärbar. Denn viele Unternehmen leiden unter den verordneten Einschränkungen ihrer Geschäftstätigkeit. Natürlich gibt es auch Profiteure, insbesondere Digitalunternehmen, die gleichzeitig oft auch zu den Indexschwergewichten gehören, was natürlich unterstützend wirkt. Der wesentlichste Effekt dürfte aber die akkommodierende Geld- und Fiskalpolitik sein, die auf der einen Seite das Geld perspektivisch entwertet, während gleichzeitig die Möglichkeiten in der Realwirtschaft Geld auszugeben aufgrund der Lockdowns eingeschränkt sind. Wer also in der glücklichen Lage ist, weiter ein Einkommen zu beziehen, für den liegt der Gedanke nahe, dieses zumindest in Teilen am Aktienmarkt zu parken, oder eben in Bitcoin oder Edelmetallen, die zuletzt allerdings vernachlässigt waren. Interessanter Weise verblassen vor dem Hintergrund der Geldflut alle anderen Überlegungen. Wen interessieren an den Märkten die US-Wahl-Querelen oder die Lockdowns, solange die Notenbanken reichlich Geld zur Verfügung stellen? Richtig, niemanden. Allerdings wird diese aufklaffende Schere zwischen Konjunktur und Kursen wohl nicht nachhaltig sein. In der Österreichen Schule der Ökonomie nennt man dies, wie unsere langjährigen Leser wissen, Crack-up-Boom bzw. Katastrophenhausse – und diese ist nicht nur Ausdruck einer Katastrophe, sondern endet auch in einer solchen.

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Hauen und Stechen

Eine Sonderentwicklung mit direkter Aktienrelevanz war die Sperrung des Noch-US-Präsidenten Donald Trump auf Twitter. Trump hatte dort immerhin rund 88 Millionen Follower und war eigentlich ein großes Asset des Unternehmens – auch wenn man das dort vermutlich nicht so sehen will. Der Aktienkurs reagierte unmittelbar und zeigte sich mit einem Minus von rund 10% in wenigen Tagen deutlich schwächer als der Markt. Als das Gerücht ging, Trump sei zum Kurznachrichtendienst Parler gewechselt, ging der Dienst unter dem Ansturm der Trump-Fans zunächst in die Knie, um kurz danach von Google, Apple und Amazon aus dem Geschäft gedrängt zu werden. Die Episode zeigt vor allem, welchen politischen Einfluss die Großen der Tech-Branche inzwischen haben, und zwar ohne entsprechendes Mandat. Zwar haben die Unternehmen unter einer Biden/Harris-Regierung aus dieser Handlungsweise keine Nachteile zu erwarten, ob es auf Sicht allerdings klug war, sich politisch derart klar zu positionieren wird sich erst in den kommenden Jahren weisen.

Wer dagegen auf eine langfristige Wertentwicklung abseits politischer Wechselbäder setzt, der ist mit den Top-Beteiligungsunternehmen dieser Erde gut beraten, wie Gunter Burgbacher von der Greiff capital management AG in diesem Video-Beitrag erläutert.

Steuerwahnsinn und kein Ende

Die optimistischen Erwartungen, dass kurz vor Weihnachten im Jahressteuergesetz eine benachteiligende Regelung bei Terminmarktgeschäften noch gekippt wird, sind wie eine Seifenblase geplatzt. Klar ist nun: Die Begrenzung der jährlichen Verluste von Terminmarktgeschäften bleibt. Nur die Grenze wurde von 10.000 EUR auf 20.000 EUR angehoben. Mit der kosmetischen Änderung wird die Sache nicht besser, denn die Folgen sind absurd. Wer mit Futures, Optionen und CFDs beispielsweise in einem Jahr 60.000 EUR Gewinne sowie 60.000 EUR Verluste erzielt, muss nach der neuen Regelung 40.000 EUR Gewinn versteuern. „Die aktuelle Entscheidung soll vor allem Spekulanten treffen. Einer Studie der WHU – Otto Beisheim School of Management zufolge nutzen aber mehr als zwei Drittel der Anleger Hebelprodukte zur Portfolioabsicherung (Hedging), also zur Absicherung von anderen Wertpapieren wie Aktien oder ETFs und damit zur Minderung von Risiken“, so Simona Stoytchkova, Geschäftsführerin des Online-Brokers IG Europe. Zertifikate und Optionsscheine sind von der Regelung übrigens ausgenommen.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere letzten Transaktionen und die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

Smart Investor 1/2021:

Titelstory: Kapitalmarktausblick 2021

Plattformaktien: FAANG die Top-Gewinnmaschinen!

Empfehlungen: Die Investmenttipps unserer freien Autoren

The Great Game: Die Jagd nach der globalen Dominanz

 

Fazit

Das neue Jahr begann im Wesentlichen wie das alte aufhörte. Zwar begleiten uns weiter leidige Themen wie Corona, andererseits zogen aber auch die Aktienkurse weiter an. Das war vielleicht nicht ganz ein Auftakt nach Maß, aber eben auch kein vollkommen unerwarteter.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

 


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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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