“Unnatürlich, verrückt und gefährlich”

Titelbild: © mahirkart – stock.adobe.com

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Über Kurskapriolen und die Gamifizierung der Märkte

Game oder Stop?

Eine der Aktien, die derzeit die Gemüter erhitzt, ist Gamestop (WKN: A0HGDX, akt. Kurs: 116 EUR, mehr oder weniger). In den letzten Handelstagen kam es immer wieder zu extremen Aufwärtsschüben des Papiers. Der unbedarfte Beobachter mag vermuten, dass das Unternehmen vielleicht vor einem Durchbruch in der Corona-Forschung steht, ein preisgünstiges Elektroauto auf den Markt bringt, oder gleich das Perpetuum Mobile erfunden hat? Nichts von alledem ist passiert. Bei Gamestop handelt es sich schlicht um einen Einzelhändler, der Computerspiele verkauft – und zwar offline, also in guten alten Ladengeschäften. Damit zählt das Unternehmen nicht einmal zu den Gewinnern des Online-Gaming-Booms, der sich in der Lockdown-Wirtschaft herausgebildet hatte. Tatsächlich hat das Unternehmen keine große Zukunft und wurde zwischenzeitlich auch schon als Pleitekandidat gehandelt. Lange musste man suchen, um dem Titel etwas Positives abzugewinnen. Die Aussichten waren und sind (!) sogar so eindeutig negativ, dass die Aktie über Jahre hinweg massiv geshortet wurde. Von Höchstkursen bei rund 55 USD per November 2013 sackte das Papier bis auf unter 3 USD im April letzten Jahres ab – gegen einen stark steigenden Gesamtmarkt. Irgendwann auf diesem Weg nach unten regte sich dann doch Interesse, weil das Unternehmen aufgrund seiner Cash-Reserven als Value-Play entdeckt wurde. Aber selbst der Einstieg des prominenten Hedgefondsmanagers Michael Burry („The Big Short“) im Jahr 2019 konnte nur ein kurzes Strohfeuer entfachen. Heute, bei einem Kurs, der gestern um 92% an einem Tag auf knapp 150 USD gestiegen ist, bezeichnet er die laufenden Rally jedoch als „unnatürlich, verrückt und gefährlich“.

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Druck auf die Shortys

Das fundamentale Urteil der Experten ist also eindeutig. Auch im neuen Smart Investor 2/2021 ist die Aktie unser „Goodbye“ des Monats, also ein glatte Verkaufsempfehlung – und das war sie schon, bevor sie gestern um knapp 100% anstieg. Und ja, die Aktie kann ohne fundamentale Unterlegung auch noch viel weiter steigen. Dahinter stecken im konkreten Fall zwei Phänomene: Das eine ist der Short Squeeze, der potenziell umso größer ausfallen kann, je größer der Anteil der leerverkauften Aktien an den insgesamt verfügbaren Aktien ist. Denn jede leerverkaufte Aktie muss irgendwann eingedeckt, also zurückgekauft werden. Da kann es schnell zu hochdynamischen Aufwärtsbewegungen kommen. Das bekannteste Opfer eines solchen Short Squeezes in Deutschland war wohl der Pharmaunternehmer Adolf Merckle (Ratiopharm), der sich nach einer Fehlspekulation in VW-Aktien das Leben nahm.

Gamifizierung dominiert

Das zweite Phänomen ist dagegen neu. Es hat mit der Gamifizierung des Marktes zu tun, der zuletzt häufiger mit dem Phänomen des „Neo-Brokers“ Robinhood in Verbindung gebracht wird. Das Unternehmen bietet einen spielerischen Zugang zu den Märkten, der insbesondere für Börsenneulinge attraktiv ist. Überhaupt gehören Broker und Brokeraktien zu den großen Profiteuren der neu entdeckten Spekulationslust. Im neuen Smart Investor 2/2021 stellen wir Ihnen nicht nur die interessantesten Aktien aus diesem Bereich vor, in der Titelgeschichte geben wir zudem ein Update zum Bitcoin und der Kryptowelt, wo sich die Spekulation in den letzten Monaten ganz besonders ausgetobt hat. Inzwischen wurde sogar das Phänomen Robinhood getoppt: Denn hinter dem Anstieg der Gamestop-Aktie scheint im Wesentlichen eine Gruppe zu stehen – die Teilnehmer des Reddit-Forums r/wallstreetbets. Diese Gruppe muss man sich als Jugendliche bzw. junge Erwachsene vorstellen, die sich über die Plattform koordinieren, um einerseits Geld zu verdienen und andererseits dem Wallstreet-Establishment eine Nase zu drehen. Bis jetzt scheint das den „Degenerierten“, wie sich die Teilnehmer nicht ohne Selbstironie nennen, ziemlich gut zu gelingen. Selbst einige der großen der Short-Seller-Szene mussten im Rahmen des Gamestop-Short-Squeezes bereits ordentlich Federn lassen.

Pfiffiges Geschäftsmodell …

Wenn die Gruppe als im Keller hockende Zockerkids abgetan wird, verkennt dies ihr wesentliches Verdienst: Sie haben den Schwachpunkt der Short-Seller-Szene nicht nur erkannt, sie machen sich daran, ihn gnadenlos auszubeuten. „Schwachpunkte erkennen und gnadenlos ausbeuten“ war im Prinzip das Geschäftsmodell jener, die sich für die Könige der Wallstreet hielten und vor deren Short-Angriffen die Anleger zitterten. Nun müssen sich einige der Branchengrößen von „degenerierten Gamer-Kids“ vorführen und bis auf die Unterhosen ausziehen lassen. Wer sagt, die Börse sei ein Ort ohne hintergründigen Humor? Im Prinzip agiert die Gruppe wie ein virtuelles Kapitalsammelbecken, dass sich genau dort zu gemeinsamen Angriffen koordiniert, wo potentielle Opfer aufgrund übermäßig großer Short-Positionen besonders verwundbar sind. Zusammen bringen die 2,3 Mio. Teilnehmer offenbar genügend Kaufkraft auf, um die Kurse anzutreiben, während sie sich gleichzeitig verabreden, ihren Brokern das Verleihgeschäft in den gekauften Aktien zu untersagen. Als Spielehändler dürfte Gamestop der Community vielleicht besonders nahegelegen haben, aber es spricht nichts dagegen, dieses Modell künftig auch bei anderen Aktien mit hohen Leerverkaufsquoten anzuwenden.

… mit einem Haken

Waren die Short Seller ein Korrektiv für betrügerische Vorstände, die ihre Aktienkurse substanzlos nach oben trieben, wurde das Forums r/wallstreetbets zu einem Korrektiv für allzu forsche Short Seller. Natürlich hat auch dieses Geschäftsmodell einen Haken, und zwar einen entscheidenden: Im Prinzip wissen die Teilnehmer, dass sie eine unglaublich überteuerte Aktie halten. Die Versuchung für jeden einzelnen wird also groß sein – und das ist typisch für Kartelle – die virtuellen Kartellbrüder übers Ohr zu hauen, und die gemeinsamen Regeln zu unterlaufen. Im konkreten Fall bedeutet dies, die Aktien eben doch zu verkaufen, ohne es in der Community an die große Glocke zu hängen. Noch hält die Gier die Teilnehmer in Schach. Problematisch wird es aber in jedem Fall gegen Ende: Sobald die Anführer des Schwarms zum Ausstieg blasen, ist es eigentlich schon zu spät, weil dann alle gleichzeitig aus der Aktie wieder herauswollen, während die schönen Buchgewinne rasant dahinschmelzen. Diese schlichte Tatsache motiviert die Teilnehmer, diesen Endpunkt zu antizipieren und bereits vorher auszusteigen – im Idealfall unmittelbar davor. Theoretisch sollte sich das Momentum in dieser Phase abschwächen, praktisch wird es aber wohl zu exorbitanten Schwankungen kommen, deren Signalqualität gering ist.

An der Schwelle zur Hausse

Insbesondere in den Anfangstagen galten auch Emerging Markets als hochspekulativ. Mittlerweile sind sie eines der etablierten Marktsegmente, und ohne, dass davon groß Notiz genommen wurde, knackte der entsprechende MSCI-Emerging-Markets-Index jüngst sein dreizehn Jahre lang gültiges Allzeithoch. Für uns ist dies Grund genug genauer hinzusehen, denn solche Ausbrüche läuten oft säkulare Bullenmärkte ein. Lesen Sie alles über die Bestimmungsgründe und besonders interessante Aktien im neuen Smart Investor 2/2021.

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Musterdepots & wikifolio

Obwohl wir insgesamt weiter von Rückenwind für die Aktienmärkte durch die expansive Geld- und Fiskalpolitik ausgehen, die teils exorbitanten Kurssteigerungen der letzten Wochen haben auch einen Preis: Gerade dort, wo das Thema Momentum angesagt ist, muss daher – wie heute – mit erhöhter Volatilität gerechnet werden.

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir über die durchgeführten Transaktion, geben unsere Einschätzung zu den Turbulenzen bei Solutions 30 und halten Sie auch über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“ auf dem Laufenden. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Die Märkte sind auch in dieser Woche nicht weniger verrückt gewesen als in den Wochen zuvor. Während wir noch in der Vorwoche auf den Bewertungsirrsinn bei Tesla hingewiesen haben – die ausführliche Geschichte dazu finden Sie im neuen Smart Investor 2/2021, der zum Wochenende erscheint – zeigt die Gamestop-Aktie aktuell, dass in puncto Verrücktheit jederzeit noch eine Schippe draufgelegt werden kann.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Smart Investor 1/2021:

Titelstory: Kapitalmarktausblick 2021

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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