Spiel mit dem Feuer

Titelbild: © Sergey Nivens – stock.adobe.com

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Wie aus den ultimativen Raubtieren eine schützenwerte Art wurde

Spiel mit dem Feuer

Auch nach unserem letzten Smart Investor Weekly schlug die GameStop-Story weiter hohe Wellen. Was fundamental von der Aktie zu halten ist, lesen Sie übrigens im neuen Smart Investor 2/2021, der zum Wochenende erschienen ist. Nun aber zum reddit-Forum „wallstreetbets“ , das seit unserem letzten Weekly von 2,3 Mio. Nutzern auf satte 8,4 Mio. „Degenerierte“ – so nennen sich die Teilnehmer selbst – angeschwollen ist. Vielen Teilnehmern scheint es um mehr zu gehen als um schnelle Gewinne, die sich tatsächlich auch schnell wieder in Luft aufgelöst haben (vgl. Abb. 1). Ein weiteres Ziel ist, das Wall-Street-Establishment, namentlich die großen Hedgefonds „bluten“ zu sehen, oder diese zumindest gehörig zu ärgern. Interessanterweise ist das Gewinnziel für die Teilnehmer insgesamt wesentlich schwerer zu erreichen – falls es überhaupt erreichbar ist. Denn wie wir schon in der letzten Woche beschrieben haben, leidet die Idee unter den typischen Begrenzungen eines Kartells.

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Brüchiges Kartell

Die Stärke solcher Zusammenschlüsse ergibt sich aus dem gemeinsamen Handeln und hat sich auch hier in der Frühphase des GameStop-Anstiegs eindrucksvoll gezeigt. In dieser Phase ist die Zusammenarbeit selbstbelohnend. Die Probleme aber wachsen mit dem Erfolg. Aus der anfänglichen Gemeinsamkeit kann und wird fast zwangsläufig ein bitterer Konkurrenzkampf zwischen den Teilnehmern entstehen. Bei einem rein virtuellen Zusammenschluss, wie ihn ein solches Online-Forum darstellt, dürften die Skrupel, die eigenen Kartellbrüder und -schwestern übers Ohr zu hauen, sogar noch geringer ausgeprägt sein als in einem klassischen Kartell. Entsprechend martialisch sind die Durchhalteparolen, die auf „wallstreetbets“ verbreitet werden. Darunter sind auch ziemlich lustige Memes oder bekannte Filmszenen, die entsprechend neu untertitelt wurden. Unterhaltsam ist das allemal.

Momentum weg, alles weg

Die Motivation zum Dabeibleiben entsteht allerdings nicht durch mehr oder weniger lustige Filmschnipsel. Wie wir schon in der letzten Ausgabe angerissen haben, ist bzw. war die Kursbewegung selbst der entscheidende Faktor. Denn in der steilen Anstiegsphase konnte derjenige, der verkauft hatte, den Kursen nur noch hinterherblicken, war also „gut beraten“ seiner Gier freien Lauf zu lassen und dabeizubleiben. Dies aber eben nur bis zu jenem unvermeidlichen Moment, an dem der Short Squeeze – so oder so – enden musste. Aus welchen irrationalen Höhen ein, schon zuvor irrationaler Kurs dann sein wird, lässt sich dabei nicht vorhersagen, seriös schon gar nicht. Sobald aber das Momentum eine solche Aktie verlassen hat, entfällt erst einmal der Hauptgrund, sie weiter zu halten. Das ist die Entwicklung, die wir in den letzten beiden Tagen gesehen haben. Ob es dem Schwarm gelingt, das Feuer im selben Papier erneut anzufachen, erscheint fraglich.

Die Macht der Fokussierung

Noch etwas ist sehr schnell so eingetreten, wie wir es vermutet hatten. Das „Erfolgsrezept“ wird auf andere Aktien übertragen. Entsprechend gingen weitere Titel mit hohen Short-Quoten steil. So legten die Anteilsscheine der Kinokette AMC Entertainment Holdings Inc. in nur einer Sitzung rund 300% zu. Auch dieser Erfolg trug den Keim des Misserfolgs bereits in sich. Nicht nur, dass sich die Kurse seitdem mehr als halbiert haben, je mehr solcher Titel der Schwarm identifiziert, umso stärker zersplittert sich dessen Kaufkraft. Es mag noch funktionieren, dass einige Millionen Trader mit jeweils geringstem Kapitaleinsatz die Branchengrößen in Bedrängnis bringen, sofern sie sich auf einen Titel konzentrieren. Versuchen sie dies aber bei immer mehr Titeln simultan, werden die Erfolgsaussichten kleiner. Bliebe es allerdings bei der Konzentration auf nur eine Aktie, ist der vom Wall-Street-Establishment erhobene Vorwurf der Marktmanipulation nicht ganz unberechtigt. Dann ginge es nämlich nicht mehr primär darum, eine schon vorhandene Situation auszunutzen, sondern diese durch künstliche Konzentration der Nachfrage überhaupt erst herbeizuführen. Die Grenzen sind hier fließend.

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Zu großer Brocken

Vorläufig verschluckt hat sich der Schwarm beim Silber – aus verschiedenen Gründen: Zwar ist der Silbermarkt als ausgesprochen enger Markt bekannt, im Vergleich zu den bevorzugt aufs Korn genommenen Aktien, aber doch ein vergleichsweise sehr großer Brocken. An dem hatten sich in den ausgehenden 1970er Jahren auch schon die legendären Gebrüder Hunt verhoben, die seinerzeit versuchten, diesen Markt zu beherrschen – und spektakulär scheiterten. Dazu kommt heute, dass es über einen der mutmaßlich größten Silberbesitzer, die Volksrepublik China, keine brauchbaren Statistiken gibt. Die chinesischen Silberbestände bleiben damit die offene Flanke jeder Silberspekulation.

„Offensichtlich volatil“

Dennoch sind die grundsätzlichen Überlegungen, die innerhalb des Schwarms diskutiert werden, nicht von der Hand zu weisen: Silber befindet sich im Angebotsdefizit, die Nachfrage bleibt aufgrund der Elektrifizierung der Wirtschaft weiter hoch und auch als Inflationsschutz in Zeiten einer wildgewordenen Geldpolitik taugt das weiße Metall. Der Verkauf von physischem Material wurde von großen US-Händlern sogar kurzfristig eingeschränkt/eingestellt. Last but not least: Auch im Silber gibt es eine gewaltige Short-Position, namentlich von der US-Bank JPMorgan. Obwohl der Preis nach dem Anstieg vom Montag unmittelbar wieder eingebrochen ist, könnte sich die weltweite Aufmerksamkeit letztlich doch als Initialzündung für diesen lange vernachlässigten Markt erweisen. Beachten Sie in diesem Zusammenhang auch das Interview „What just happened to the silver price?!“ (Englisch), das Chris Marcus auf dem Youtube-Kanal Arcadia Economics gestern mit Dr. Marc Faber geführt hat: Trotz des längerfristig positiven Ausblicks warnte Faber eindringlich davor, in eine allgemeine Kaufpanik hinein zu kaufen – „Markets are obviously volatile.“

„mimimi“

Obwohl es Gegenkräfte gibt, die bei allzu absurden Kursspitzen natürlicherweise einsetzen, wurde sowohl im Fall Gamestop als auch beim Silber kräftig nachgeholfen, um die Spekulation künstlich zu brechen. So konnten einige der besonders nachgefragten Schwarm-Lieblinge bei Neobrokern wie Robinhood phasenweise nicht mehr gekauft, wohl aber verkauft werden. Da sich der Schwarm stark auf solche Broker stützt, hatte dies einen unmittelbaren und negativen Effekt auf das Momentum. Einzelne Silberaktien wurden vorgestern mit absurden Spreads von einigen zig Prozent angeboten, was die Spekulation in diesen Papieren völlig unattraktiv machte. Dass ausgerechnet jene Hedgefonds, die sich gerne als die ultimativen Raubfische im Karpfenteich inszenieren nun – „mimimi“ – das unfaire Verhalten des Schwarms beklagten und sämtliche Verbindungen spielen ließen, um die Amateure auch unterhalb der Gürtellinie aus dem Rennen zu kicken, offenbar nicht nur eine gewisse Wehleidigkeit, die so gar nicht zum harten Image der sonst so Angriffslustigen passen will. Es zeigt auch, wer über die entscheidenden Verbindungen bis tief in die Politik hinein verfügt. Interessante Nebenbeobachtung: Während man den Schwarm bei Gamestop vergleichsweise lange gewähren ließ, zog man bei Silber durch Margin-Erhöhungen schon unmittelbar nach dem Durchbrechen einer wichtigen Widerstandlinie (vgl. Abb. 2, rote Linie) den Stecker. Das könnte man auch als Indiz dafür ansehen, wo Preisbewegungen den großen Spielern wirklich wehtun. Übrigens endete auch die Silber-Spekulation der Hunt-Brüder Anfang 1980 nicht, weil sich die Brüder verkalkuliert hätten, sondern weil man während des Spiels die Regeln massiv zu ihrem Nachteil veränderte. Die Terminbörse COMEX erhöhte damals nicht nur die Margin-Anforderungen für die gehaltenen Long-Kontrakte, sie erließ auch ein Verbot für die Eröffnung neuer Long-Kontrakte.

Revolutionsromantik …

Gehen wir für einen Moment davon aus, dass die Revolutionsromantik, die den reddit-Schwarm in den Medien umgibt, tatsächlich dessen Innenleben zutreffend charakterisiert. Dann wäre die eingangs beschriebene Kartell-Problematik obsolet. Denn den Mitgliedern ginge es dann gar nicht darum, einen Gewinn zu erzielen, sondern darum, der Gegenseite, also den Wall-Street-Größen, Schaden zuzufügen. Der eigene Gewinn wäre lediglich Abfallprodukt, der eigene (Total-)Verlust ein kalkuliertes Risiko. Die Kriegsrhetorik innerhalb des Forums – man vergleicht sich gerne mit Sparta – könnte ein Hinweis auf diese Haltung sein. Allerdings spricht das allfällige Gejohle eher nicht dafür, dass hier kühl und strategisch gehandelt wird. Eher sieht dies nach einer raschen Abfolge von Siegestaumel, Rausch und Kater aus – stets begleitet von den Foren-typischen Durchhalteparolen.

… oder Abzocker

Daher sollte man auch die Möglichkeit nicht außer Acht lassen, dass die vielen (gut-)gläubigen Anhänger lediglich von einer kleinen „Priesterklasse“ instrumentalisiert werden, um deren Geschäft zu besorgen. Schließlich findet die ganze Veranstaltung in einem Internet-Börsenforum statt und es wäre nicht das erste Mal, dass dort Aktien zum eigenen Vorteil gepusht werden. Insofern könnte der stete Hinweis, dass man sich in einem epischen Kampf gegen das Wall-Street-Establishment befinde, ein nicht minder episches Ablenkungsmanöver sein, um von der eigentlichen Gewinnerzielungsabsicht der Initiatoren abzulenken. Es bleibt spannend.    

Zu den Märkten

Der DAX bewegt sich erneut auf sein Allzeithoch vom 8. Januar 2021 zu. Sowohl das 2018er Hoch (ca. 13.600 Punkte) als auch das 2020er Hoch (ca. 13.800 Punkte) konnte der Markt in den letzten Handelstagen wieder überwinden (vgl. Abb. 3, blaue Linien). Damit dürfte die Korrekturbewegung der letzten Wochen zu einem Abschluss gekommen sein. Diese verlief (vgl. Abb. 3, rote Linien) flaggenähnlich mit einem kräftigen Ausschüttler am Ende, der wiederum Startschuss für die jüngste Kursrally war. Ein Test des nur noch gut 100 Punkte entfernten Allzeithochs wäre in dieser Konstellation charttechnisches Pflichtprogramm, alles was darüber hinausgeht Kür. Sollte sich der DAX an der alten Rekordmarke allerdings schwertun – oder gar daran scheitern – würde sich das Bild erneut eintrüben.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Der „Schwarm“ war auch diese Woche das beherrschende Börsenthema. Egal ob dahinter eine echte Revolte steckt, oder ob die „Revolte“ nur eine nette Story ist, in deren Windschatten sich einige die Taschen vollmachen wollten und vielleicht auch schon vollgemacht haben, das Thema könnte seinen Zenit nun schon überschritten haben.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Smart Investor 2/2021:

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