GameStop – bis einer weint

Titelbild: © Stocksnapper – stock.adobe.com

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Drama in drei Akten

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Zum dritten Mal in Folge – und damit voraussichtlich zum letzten Mal – berichten wir heute prominent über den Fortgang der Mini-GameStop-Revolution an der Wall Street – ein Thema, das nicht nur uns in den letzten Wochen intensiv beschäftigt hat. Es ist auch ein Lehrstück über Börsenpsychologie und darüber, wie schnell die Stimmung von „himmelhoch jauchzend“ auf „zu Tode betrübt“ umschlagen kann. Obwohl hier alles im Zeitraffer und in einer geradezu absurden Überzeichnung bzw. Übersteigerung geschah, stecken dahinter doch die gleichen Phänomene, die sich praktisch an allen Märkten immer wieder aufs Neue beobachten lassen. Gier, Euphorie, Gruppendenken, Panik, Durchhalteparolen, Katzenjammer.

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Erster Akt

Da ist zum einen die Euphorie während der raketenhaften Aufwärtsbewegung, verstärkt durch eine Gruppendynamik unter den Anhängern, die jedes normale Aktienforum weit in den Schatten stellt. Noch immer sind im reddit-Forum „wallstreetbets“ 8,8 Mio. Mitglieder angemeldet, das sind sogar noch einmal 400.000 mehr als in der Vorwoche. Das Besondere an dieser Konstellation, die – das wird möglicherweise noch juristisch zu klären sein – hart an der Grenze zur Marktmanipulation verläuft, besteht darin, dass sich hier eine enorme Kaufkraft zusammenfindet, bei der das Risiko für die einzelnen Teilnehmer dennoch überschaubar bleibt – zumindest solange sie der Versuchung widerstehen, hier in großem Stil mitzumischen. Allerdings ist es der Konstruktion dieses Forums geschuldet, dass diese Versuchung ziemlich groß war. Denn für bestimmte Posts muss der Schreiber reale Gewinne bzw. Verluste von mehr als 2.500 USD nachweisen können. Da versteht es sich fast von selbst, dass mit solchen Regeln ein regelrechter Wettbewerb angefacht wurde, wer in der Gruppe wohl der Coolste ist und entsprechend die größten Gewinne – bzw. nun die größten Verluste – vorzuweisen hat.

Zweiter Akt

Auch trug der erste, spektakuläre Erfolg schon den Keim des Niedergangs in sich, denn in einem Rausch vermeintlicher Unbesiegbarkeit und tatsächlicher Selbstüberschätzung stürzte sich der Schwarm auf immer neue Titel, zuletzt sogar auf den Silbermarkt, was zu einer entsprechenden Verwässerung der vorhandenen Kaufkraft führte. Dazu kam die, in solchen Gruppen ohnehin vorhandene Tendenz, sich als Teil einer verschworenen Gemeinschaft der Wissenden zu empfinden, die als einzige den wahren Wert einer Aktie oder in diesem Fall einer Spekulation erkennen können. Im Ergebnis entstand hier eine besonders ausgeprägte „Wir gegen die“-Mentalität, verbunden mit einer fast vollkommenen Risikoblindheit. Unterlegt mit martialischen Memes inszenierte man sich als Rebellen und Kämpfer für das Gute – und wollte ganz nebenbei auch noch das eigene Bankkonto füllen. Was hier im Einzelfall – vor allem bei den führenden Köpfen – Haupt- und was Nebenmotiv war, wissen wohl nur die Betroffenen selbst.

Dritter Akt

Dass das atemberaubende Momentum der Anfangsphase irgendwann enden würde, musste eigentlich jedem klar sein. Unsicher war nur, bei welchem Niveau das Unvermeidbare eintreten würde. Als die Aktie schließlich unter extremen Schwankungen den Rückwärtsgang einlegte, wurde das zunächst nur mit ungläubigem Staunen kommentiert. Mit jedem weiteren Tag, an dem dieser „Ausrutscher“ nicht geheilt wurde, sondern sich der Kursrückgang im Gegenteil weiter verschärfte, geriet das Erstaunen langsam zur Panik: Was, wenn der Schwarm die Kontrolle über die Aktie verloren hätte? Während die einen unbeirrt Durchhalteperioden posteten – wohl auch in der Hoffnung, einen aufnahmefähigen Markt für die selbst gehaltenen Aktien aufrechtzuerhalten, mischte sich zunehmend Sarkasmus derjenigen in die Posts, die inzwischen auf hohen Verlusten saßen. Diese Späteinsteiger haben im Vertrauen auf die virtuelle Gemeinschaft des Schwarms zunächst irrwitzige Preise für die GameStop-Aktie bezahlt und bezahlen nun den Preis für ihre Naivität. Eigentlich fehlt nur noch die finale Aufgabestimmung in Form von allgemeiner Hoffnungslosigkeit und/oder rückläufigen Forumsteilnehmerzahlen.

Epilog

Letztlich war der informelle Zusammenschluss in Form eines Schwarms noch nicht einmal ein Schönwetterkartell. Von Anfang an fehlte eine plausible Exit-Strategie, die in einer solchen Konstellation dann fast zwangsläufig in einer Stampede Richtung Ausgang besteht – Rette sich, wer kann! (vgl. Weekly vom 3. Februar 2021 „Spiel mit dem Feuer“). Lediglich die Gläubigen werden sich schwertun, das Scheitern ihrer Wall-Street-Rebellion einzugestehen oder es auch nur zu erkennen. Das ist bei dogmatischen Anhängern von Ideen oder Personen häufiger so, weshalb sie sich auf dem glatten und wetterwendischen Börsenparkett mit ihrer Halsstarrigkeit auch allzu leicht eine blutige Nase holen.

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„Das Ding“

Selten wurde diese Lektion Marktteilnehmern in dieser Klarheit erteilt und es dürfte sich lohnen, sich an diese und ähnliche Episoden zu erinnern, wenn man es wieder einmal mit hohem Momentum zu tun hat. Das Phänomen trägt oft sehr viel weiter und/oder sehr viel höher als man es sich im Vorfeld vorstellen kann – das ist die Achillesferse der Shorties –, wenn das Momentum aber bricht, stürzen die Kurse oft sehr viel vehementer und tiefer als es die Long-Investoren für möglich gehalten haben – das ist dann deren Achillesferse. Einer, über dessen Mangel an Momentum seine Investoren, Trader, Zocker und sonstigen Mitspieler aktuell ebenfalls nicht klagen können, ist der Bitcoin. Wir haben uns dem Phänomen in der Titelgeschichte des aktuellen Smart Investor in einem ausführlichen Update gewidmet – damals noch bei Kursen von deutlich gut 30.000 USD. Und wir haben versucht das Ganze differenziert zu betrachten. Das interessiert angesichts der aktuellen Kurssprünge naturgemäß nur wenige. Dennoch sind dort einige Informationen für den Hinterkopf enthalten, die schnell an Relevanz gewinnen könnten. Abgerundet wird das Thema mit dem Interview „Der Glaube, das Ding sei etwas wert“ – und das gab uns kein Geringerer als Alexander Müller, seines Zeichens Mitglied des Verwaltungsrats der Bitcoin Group SE.

Zu den Märkten

Mehr oder weniger Erfreuliches gibt es aktuell auch vom DAX zu berichten, denn auch dieses „Ding“ läuft. Der Index repräsentiert bekanntlich die 30 bedeutendsten börsennotierten Unternehmen des Landes und seine Marktkapitalisierung liegt noch immer oberhalb der des Bitcoins. Nun kann man trefflich darüber spekulieren, wie lange das noch der Fall sein wird, denn die Steiggeschwindigkeit des DAX kann derzeit nicht annähernd mit dem Bitcoin mithalten. Immerhin schaffte aber auch der deutsche Blue-Chip-Index am Montag ein gemächliches Allzeithoch (vgl. Abb., grüne Markierung), nur um dieses noch am selben Tag schon wieder zu korrigieren. Echte Stärke sieht dann doch ein bisschen anders aus. Die Musik in Form von Momentum spielt ohnehin erkennbar anderswo.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Das Thema GameStop entwickelte sich – ziemlich vorhersehbar – zu einem Drama in drei Akten. Dass der Schwarm nach den erlittenen Verlusten rasch zur Stärke seiner Anfangstage zurückfinden wird, halten wir für unwahrscheinlich. Kurszuckungen in dessen bevorzugten Anlagevehikeln kann es dennoch jederzeit geben.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Smart Investor 2/2021:

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