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Der Renditeanstieg und die Wachstumsaktien

Vergessene Achillesferse

Über viele Jahre haben sich die Marktteilnehmer an eine neue Realität angepasst, die plakativ als „das Verschwinden des Zinses“ charakterisiert wurde. Zwar gab es zwischen den einzelnen Volkswirtschaften durchaus Nuancen und im Zeitablauf Schwankungen, wesentlich aber war, dass die Notenbanken im Rahmen der anhaltenden Finanziellen Repression den Zins auf unnatürlich niedrige Niveaus heruntermanipuliert hatten. Die EZB erreichte dabei längst Niveaus von unter null, die man zuvor – und dies mit einiger Berechtigung – für unmöglich gehalten hatte. Allerdings übersieht eine solche Einschätzung, dass in Fiatgeld-Systemen der Zinssatz am kurzen Ende ohnehin nicht durch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage gefunden wird, sondern von der Notenbank mehr oder weniger willkürlich festgelegt wird. Neu war in den letzten Jahren lediglich, wie tief die dabei erreichten Niveaus waren und wie sehr mit diversen Anleihekaufprogrammen auch in den mittleren und höheren Laufzeitbereich eingegriffen wurde. Je länger dieses Spiel ging, umso mehr setzte die Gewöhnung ein. Dass Zinsen auch einmal wieder steigen könnten, wurde dabei schlicht ausgeblendet.

Zinsanstieg beschleunigt

Schon seit August letzten Jahres zogen die Renditen der 10- und 30jährigen US-Staatsanleihen zunächst langsam und zuletzt beschleunigt an (vgl. Abb.). Zwar spielt sich der Zinsanstieg noch immer auf einem historisch niedrigen Niveau ab und korrigierte bislang vor allem den Corona-bedingten Einbruch der Renditen aus dem letzten Frühjahr, das Ausmaß ist inzwischen aber dennoch groß genug, um nicht länger ignoriert werden zu können. Zumindest wurden die Märkte zwischenzeitlich nervös, auch wenn der DAX im heutigen Sitzungsverlauf noch ein weiteres Allzeithoch erreichen konnte (s.u.). Allerdings steht der DAX beim Zinsthema auch gar nicht im Fokus, denn im internationalen Geleitzug hinken die Deutschen Bluechips seit Jahren hinterher. Darauf weist auch unser Gesprächspartner Dr. Jens Ehrhardt, Gründer und Vorstand der DJE Kapital AG, hin, den wir für die Titelgeschichte „Eisberg voraus!“ des brandneuen Smart Investor 3/2021 befragten.

Wachstum, wie lange noch?!

Gefährlicher sieht es da schon bei den Wachstumsaktien, allen voran an der NASDAQ aus. Wie kein zweiter profitierte der Markt der Zukunftsunternehmen vom Nullzins. Das kommt schon in diversen Bewertungsmodellen zum Ausdruck, bei denen künftige Erträge üblicherweise abgezinst werden. Je geringer dieser Zinssatz, desto mehr sind auch jene Unternehmensgewinne wert, die erst weit in der Zukunft anfallen. Auch der durch den Nullzins ausgelöste Anlagenotstand begünstigte Anlagen, die in Zeiten „sicherer“ laufender Erträge eher links liegen gelassen worden wären. Schließlich war es auch für die Unternehmen selbst ein geradezu paradiesischer Zustand, konnte doch reichlich billiges Geld von Investoren beschafft werden, die auch noch heilfroh waren, bei irgendwas mit Zukunft dabei sein zu können – egal zu welchem Preis.

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Sorglos in die Krise

Nicht nur, dass diese Entwicklung zunehmend Kursauswüchse produzierte, auch der historische Vergleich mahnte und mahnt weiter zur Vorsicht. Dabei geht es nicht nur um Bewertungsziffern, es hat auch eine gewisse Sorglosigkeit, ja Feierlaune um sich gegriffen – inspiriert von immer neuen Börsenrekorden. Das ist ein positiver Regelkreis, der sich ein bisschen verselbständigt zu haben scheint. Aufgrund eines immer geringeren Realitätsbezugs ist eine solche Situation grundsätzlich korrekturanfällig. Was genau der Auslöser einer solchen Korrektur sein wird, lässt sich allerdings im Vorhinein kaum abschätzen. Möglicherweise ist es sogar der Zinsanstieg. Für uns war die Lage jedenfalls Grund und Anlass genug für unsere Titelgeschichte „Eisberg voraus!“. Denn das Bild vom Eisberg hat zahlreiche Konnotationen: Zum einen denkt man da natürlich an den Untergang der Titanic. Die Menschen auf dem Luxusliner fühlten sich unverwundbar und genossen die Überfahrt, nicht ahnend, welche Gefahr da auf sie lauerte. Der Eisberg selbst ist wiederum dadurch gekennzeichnet, dass davon nur rund ein Siebtel oberhalb der Wasserfläche sichtbar ist, die Gefahr also bei oberflächlicher Betrachtung selbst dann unterschätzt werden kann, wenn man den Eisberg selbst noch rechtzeitig sieht.

Kollision unausweichlich?

Ist also die Kollision unausweichlich? Nein, ist sie nicht. Denn gerade, wenn man weiß, dass man sich nun in einem Gewässer befindet, in dem es Eisberge gibt, kann man sich auf genau diese Situation einstellen. So wenig die Notenbanken ein Interesse daran haben dürften, Trittbrettfahrern ihrer Null- und Negativzinspolitik einen „Free Lunch“ zu bescheren, so sehr werden sie im Fall des Falles wohl erneut versuchen gegenzusteuern. Ein Totalabsturz scheint nicht im Interesse der Notenbanken und würde auch nicht dem Geiste der dort bislang verfolgten Strategie entsprechen. Für diese Strategie war das Verschwinden des Zinses nicht primär aus konjunkturellen Gründen ein Erfordernis, sondern aus Gründen der Schuldentragfähigkeit insbesondere der staatlichen Großschuldner. Auch kann man davon ausgehen, dass die Verantwortlichen mögliche Eisberge ebenfalls identifiziert haben.

Strauß von Szenarien

Dennoch sind selbst unter diesem Blickwinkel mehrere Szenarien denkbar: Zum einen könnten die Notenbanken ganz bewusst versuchen, etwas heiße Luft aus den überspekulierten Märkten entweichen zu lassen, um erst auf tieferem Niveau dagegenzuhalten. Zum anderen könnten sie von der Dynamik einer negativen Entwicklung aber auch überrascht werden und schlimmstenfalls gänzlich die Kontrolle verlieren, was dann eine weitere und möglicherweise auch die letzte Phase eines Crack-up-Booms einläuten würde.

Persönliche Rettungsboote

Während Anleger in der Makrowelt leben müssen, können sie ihre Mikroperspektive, soweit es die Rahmenbedingungen zulassen, individuell gestalten. Um im Bild zu bleiben, würden sie die Rettungsboote zu Wasser lassen, sobald für sie erkennbar ist, dass die Kollision mit einem Eisberg nicht mehr vermieden werden kann. Hier schlägt die Stunde der alternativen Anlagen, wobei das Thema „alternativ“ auch so aufgefasst werden kann, dass man dort suchen wird, wo Anlagen von den bisherigen Verhältnissen zwar eindeutig nicht begünstigt waren, sich dieser Zustand aber künftig ändern könnte.

Value-Revival?

Da könnten nach einem Abflauen möglicher Turbulenzen auch wieder jene Aktien entdeckt werden, die im Zuge der Börsenparty der letzten Jahre als langweilig vernachlässigt wurden. Zum einen ist es das Thema „Value“, dem wir uns auch immer wieder im Smart Investor widmen. Nach wie vor topaktuell sind in diesem Zusammenhang die Einschätzungen des aus Ingolstadt stammenden und seit drei Jahrzehnten in New York ansässigen Vermögensverwalters Michael Keppler, die er uns im Smart Investor 2/2021 im Rahmen des Interviews „Des Kaisers neue Kleider lassen grüßen!“ gab. Aber auch Dividendentitel, mit denen wir uns im aktuellen Smart Investor 3/2021 unter dem Titel „Geldregen für Aktionäre“ beschäftigt haben, können eine interessante Alternative zum heiß gelaufenen Hightech-Segment darstellen.

Down and out

Eine Alternative, die dagegen vollkommen aus der Mode gekommen zu sein scheint, sind die Edelmetalle. Zwar fiel im Rahmen der Reddit-Schwarmspekulation für einen kurzen Augenblick ein Schlaglicht auf den lange vernachlässigten Silbermarkt, allerdings brach diese Spekulation innerhalb weniger Stunden wieder in sich zusammen. Beim Gold, das in den letzten Wochen ebenfalls schwächer tendierte, worunter insbesondere auch die Edelmetallaktien litten, wird nun das Zinsargument ins Feld geführt: Das Halten von Gold ist aufgrund der nun wieder verstärkt vorhandenen Opportunitätskosten teurer und damit unattraktiver geworden. Interessanterweise wird dieses Argument nicht auf den ebenfalls zinslosen Bitcoin gemünzt, der aber immerhin nicht mit einem hohen und kostenintensiven Lageraufwand verbunden ist. Die Durststrecke beim Gold lässt sich nicht wegdiskutieren, aber es ist gut möglich, dass das gelbe Metall – ähnlich wie im Frühjahr 2020 – just dann wieder Stärke entwickelt, als es die meisten wieder einmal abgeschrieben hatten.

Zu den Märkten

Normalerweise sind Allzeithochs an den Märkten ein Grund zur Freude. Schließlich konnten die Kurse in Regionen vordringen, die, wie es bei Raumschiff Enterprise so schön hieß, „nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“ Das ist deshalb relevant, weil es in diesen Regionen keine echten Widerstände mehr gibt. Was es allerdings noch geben kann, sind obere Begrenzungslinien von Trendkanälen oder aufwärtsgerichteten, bearishen Keilen. Damit sind wir auch schon beim DAX, bei dem wir zuletzt auf das Keilthema aufmerksam gemacht hatten (vgl. Abb., blaue Linien). Solange sich ein Allzeithoch innerhalb eines solchen Keils zeigt, ist es aus Sicht der technisch orientierten Anleger mit dem Makel behaftet, dass es Teil einer negativ zu interpretierenden Formation ist. Noch schwerer wiegt allerdings im konkreten Fall, dass das Allzeithoch bis zum Redaktionsschluss dieser Newsletter-Ausgabe nicht gehalten werden konnte. Das lässt sich eigentlich nur so interpretieren, dass die luftigen Kurshöhen von knapp 14.200 Punkten eher als gute Verkaufs- denn als gute Kaufgelegenheit wahrgenommen wurden.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute von weiteren Vorsichtsmaßnahmen in den Musterdepots bzw. in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Der Zinsanstieg verunsichert weiter die Märkte. Insbesondere Wachstumsaktien könnten mit diesem Eisberg kollidieren. Wir bleiben gegenüber den bislang führenden Aktien daher nun vorsichtig.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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