„Über wie viel‘ Brücken musst Du gehen?“

Titelbild: © Skórzewiak – stock.adobe.com

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Politik erzeugt neue Lockdown-Mutanten

„Nur noch der Wald“

Für CDU-Chef Armin Laschet ist es nicht leicht, sich als Corona-Krisenmanager in Szene zu setzen. Das Feld wurde frühzeitig von CSU-Chef Markus Söder besetzt, der sich in der Sache praktisch von Anfang an als „harter Hund“ gab. In Abwandlung eines alten CSU-Mottos darf es demnach weder rechts noch links von Söder eine demokratisch legitimierte Corona-Politik geben. Oder, um es mit dem früheren CSU-Chef Franz Josef Strauß zu sagen, rund um Söder kommt nur noch der Wald – und in dem hat sich „Brücken-Lockdown“-Laschet auf der Suche nach dem Kanzleramt erneut ordentlich verlaufen. Schon sein erster Versuch, sich durch eine „Corona-Politik mit menschlichem Antlitz“ abzuheben, war gescheitert. Söder nun durch noch stärkeres Bremsen überholen zu wollen, scheitert nicht nur als Sprachbild, sondern auch in der Realität. Dagegen weiß der bayerische Ministerpräsident trotz seiner demonstrativ zur Schau getragenen Selbstgefälligkeit, dass er die Kanzlerin keinesfalls verärgern darf, will er nicht genauso im Regen stehen gelassen werden, wie Laschet mit seinen Initiativen, die in Berlin offenbar als unbotmäßige Eigenmächtigkeiten empfunden werden. Solange die CDU hinter Merkel steht, besteht der sicherste Weg zur Kanzlerkandidatur der Union darin, das, was die Kanzlerin ohnehin denkt, mit eigenen Worten wiederzugeben, oder ihr jene Bälle zuzuspielen, die sie dann – das ist die neueste Mutante – in ihren eigenen „Ruck-Zuck-Lockdown“ verwandeln kann.

Unbeeindruckt

Die Märkte zeigen sich von dem ganzen Hickhack jedenfalls erstaunlich unbeeindruckt. Dass die deutsche Wirtschaft möglicherweise – ruck zuck – vor einer weiteren Verschärfung der Lockdown-Maßnahmen stehen könnte, lässt sich an der jüngsten Kursentwicklung des DAX jedenfalls nicht ablesen. Im Gegenteil, der Markt ging nach dem Überwinden der 15.000 Marke regelrecht steil und erzielte weitere Allzeithochs. Selbst der MDAX (vgl. Abb.) der gegenüber dem DAX zuletzt schwächelte und die Unternehmen der zweiten Reihe repräsentiert, konnte sich in der letzten Woche überzeugend aus seiner mehrwöchigen Konsolidierung lösen – erreichte bislang allerdings noch keine neuen Allzeithochs. Diese relative Sorglosigkeit der Marktteilnehmer wäre in normalen Zeiten kein gutes Vorzeichen für die Zukunft. Bekanntlich bewegen wir uns aber nicht in normalen Zeiten, sondern in einer Welt, die sich von vielen wirtschaftlichen Realitäten mehr oder weniger entkoppelt hat, solange nur die Geldversorgung intakt bleibt. In dieser Hinsicht könnte der politische Überbietungswettbewerb hinsichtlich Härte und Geschwindigkeit eines weiteren Lockdowns sogar positiv wirken, bedeutet eine solche Maßnahme nach aller Erfahrung doch auch, dass sie von der Geldpolitik großzügig begleitet werden dürfte. Obwohl zur Wirksamkeit solcher Lockdowns kaum wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse vorliegen, könnte an den Märkten doch zusätzlich die Hoffnung gespielt werden, dass ein kurzer harter Lockdown den Alptraum schneller beendet – eine Hoffnung, die sich allerdings auch als trügerisch erweisen könnte.

Zartes Pflänzchen

Obwohl die wundersame Geldvermehrung der Notenbanken eine der bevorzugten Waffen bei der Abfederung der Folgen von Corona-Pandemie und Lockdown-Politik bleibt, konnte Gold von diesem Szenario bislang nicht profitieren. Eigentlich sollte das gelbe Metall von einer beschleunigten Geldentwertung profitieren, die durch die massiven Geldmengenausweitungen zumindest als Entwertungspotenzial bereits in der Welt ist. Immerhin steigen die Preise im Rohstoffbereich seit Monaten auf breiter Front, was uns sogar zur Titelstory des Smart Investor 4/2021 „Rohstoffsuperzyklus – Metalle im Steilflug“ inspiriert hat. Dass in diesem Umfeld ausgerechnet Gold auf Dauer billig bliebt, halten wir für sehr unwahrscheinlich. Tatsächlich deutet sich aktuell sogar eine Stabilisierung des Preises an. Nachdem der Preis seit dem Gipfel Anfang August 2020 in einer großen Flagge kontinuierlich zurückging, kam es vergangenen Donnerstag zu einer heftigen Gegenbewegung (vgl. Abb., oberer Teil). Bis dahin hatte eigentlich alles nach einem weiteren Tief innerhalb der Flagge ausgesehen. Insbesondere der Abschwung vom vergangenen Mittwoch hatte sogar Befürchtungen geweckt, dass nicht einmal die untere Begrenzung der Flagge werde halten können. Doch wie so oft, wenn die Stimmung am Boden ist, fehlt es an Anschlussverkäufen. Durch den schnellen Wechsel der vergangenen Tage hat sich im Chart nun sogar ein kleiner Doppelboden entwickelt, der durchaus das Potenzial für eine Trendwende in sich bergen könnte.

Ein zartes Pflänzchen der Hoffnung für Goldanleger keimt auch in der Relativbewegung zum S&P500 (vgl. Abb., unterer Teil). Nachdem Gold gegenüber Aktien in der ersten Corona-Welle noch klar bevorzugt war, schwächte es sich von dem bereits Ende März 2020 erreichten relativen Gipfel per Saldo immer weiter ab. Der nun in US-Dollar erreichte Doppelboden deutet sich auch im Relativchart an, allerdings in einer schwächeren Form: Das zweite Tief liegt hier nämlich noch leicht unterhalb des ersten, während es im US-Dollar-Chart umgekehrt ist. Eine genauere Beobachtung des Goldpreises sollte sich aber allemal lohnen.

Ohne Momentum ist alles nichts

Nicht ganz so genau mussten Anleger in den letzten Monaten beim Bitcoin hinsehen, wenn es um die Bestimmung des Trends ging. Von kurzen Unterbrechungen abgesehen, ging es steil nach oben. Offenbar sahen viele in dem Urvater der Kryptogelder eine attraktive Alternative zur staatlichen Fiatgeld-Verwässerung, zumindest aber ein spannendes Spekulationsobjekt. Mit der Marke von 60.000 USD scheint sich der Bitcoin nun aber doch schwer zu tun, zumal im Krypto-Universum einige ernstzunehmende Konkurrenten wie Ethereum herangewachsen sind. Auf Sicht der letzten sieben Handelstage zeigte der Bitcoin sogar die schwächste Performance unter allen Coins mit einer Marktkapitalisierung von jeweils mehr als 10 Mrd. USD. Auch im Chart ist der Verlust des zuvor atemberaubenden Momentums nicht mehr zu übersehen. Auch an medialem Gegenwind fehlt es derzeit nicht, denn sowohl der Hedgefonds-Manager Ray Dalio als auch die Bank of America äußerten sich jüngst negativ. Solche Situationen müssen nicht zwangsläufig zu einem Absturz führen. Mitunter bilden derart „eindeutige“ Chartbilder sogar das Sprungbrett für einen erneuten Aufschwung. Allerdings ist aus dieser Situation heraus – gepaart mit der relativen Schwäche – auch ein Ausschüttler möglich, denn wenn den Bitcoin sein Momentum verlassen sollte, gibt es eigentlich erst einmal kein ernsthaftes Kaufargument mehr.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Wellenbrecher-, Brücken- und Ruck-Zuck-Lockdown – gibt es eigentlich einen Wettbewerb um den lustigsten Namen für eine ziemlich unlustige Politik?!

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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