Schwarzer Dienstag

Titelbild: © Ambasada Studio – stock.adobe.com

ARTIKEL TEILEN

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on email
Email

… für den Rechtsstaat

Die Nominierung des Kanzlerkandidaten der Union und der Kanzlerkandidatin der Grünen geriet zum Spektakel – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. In der Union wollten sich zwei Kandidaten – scheinbar um jeden Preis – die Kandidatur sichern. Erst als der Streit drohte, nicht nur die beiden Parteien, sondern auch die Kandidaten selbst irreparabel zu beschädigen, signalisierte der CSU-Vorsitzende Söder seinen Rückzug. Ob damit wirklich der Klügere nachgegeben hat, wird sich wohl erst in den nächsten Monaten zeigen. Für CDU-Chef Laschet war es dagegen nur ein Sieg zweiter Klasse. Nur mit massiven Drohungen und einer beschämend langen Nachtsitzung konnte er einen Achtungserfolg innerhalb des CDU-Präsidiums erzielen, die Basis wollte ihn ohnehin nicht. Dagegen wurde die erste Kanzlerkandidatenkür bei den Grünen zum reinen Schaulaufen, nachdem Co-Vorsitzender Habeck seiner Mitbewerberin Baerbock scheinbar galant das Feld überließ. Zwar ließ er nun durchblicken, dass ihm die Entscheidung doch nicht ganz so leicht fiel, letztlich beugte er sich aber dem politischen Kalkül im Zeichen einer immer dominanteren – und irrwitzigen – Identitätspolitik: „Dass Annalena eine Frau ist in einem ansonsten männlichen Wahlkampf, war ein zentrales Kriterium“, ließ der etwas bitter gewordene Habeck die Menschen im Lande heute wissen. Nach diesem „zentralen Kriterium“ wäre also etwa die Hälfte der Deutschen für das Kanzleramt ganz besonders qualifiziert, die andere Hälfte dagegen nicht. Das Schaulaufen für Baerbock setzte sich am gestrigen Abend in einer lockeren Plauderrunde bei ProSieben fort, in der sie sich zum Abschluss auch noch beklatschen ließ. Die Liebedienerei mancher „Journalisten“ gegenüber der Politik ist – zumindest das hat dieser Abend gezeigt – inzwischen mehr als beklemmend.

Anzeige



Tiefpunkt des Parlamentarismus

Noch beklemmender als das Kandidatenkarussell der Parteien und die Parteinahme meinungsbildender Medien ist das, was heute im Bundestag stattfand. Die Bildzeitung galt lange als Kanzlerblatt. Nirgends konnte man dem Volk so direkt aufs Maul schauen wie dort, und selten konnte ein Kanzler einfach ignorieren, was das führende Boulevardblatt so schrieb. Für die reichlich dickfellige Amtsinhaberin ist all das inzwischen aber ohne Bedeutung. Zur Wahl tritt sie ohnehin nicht mehr an. Dennoch lässt aufhorchen, wie eindeutig negativ BILD heute ihren Versuch bewertet, das Land praktisch im Alleingang an die Kette zu legen:

Jetzt peitscht der Bundestag Merkels „Notbremse“ durch (bild.de, 21.4.2021)

Vier Experten über die wahre Auslastung unserer Intensivbetten: „Der Alarmismus der Intensiv-Mediziner ist unverantwortlich“ (bild.de, 21.4.2021)

Breite Ablehnung

Dabei stellt die Online-Ausgabe der Bildzeitung keine Einzelmeinung dar. Juristen und Kommentatoren laufen Sturm gegen weitere tiefe Einschnitte in die Grundrechte und bürgerlichen Freiheiten, gegen das Schleifen der föderalen Strukturen der Republik und die nur noch dreist zu nennende Selbstermächtigung der Kanzlerin. Eigentlich wäre dies auch die Stunde derjenigen (gewesen), die sie einmal beerben wollen, um Flagge zu zeigen. Zumindest von den Grünen wissen wir schon, was das konkret heißt: Sie forderten eine noch „schärfere Corona-Notbremse“. Während in vielen Ländern Richtung Frühling/Frühsommer erwartungsgemäß Lockerungen erfolgen bzw. angekündigt werden, soll Deutschland nach dem Willen der Kanzlerin die Maske noch enger schnallen. Das ist gelinde gesagt nicht sachgerecht. Denn schon die Inzidenzzahlen, die als wesentliche Zeugen für die „Dritte Welle“ herhalten müssen, sind statistisch so unsauber ermittelt, dass praktisch jeder gewünschte Wert herbeigetestet werden kann. Die Ratio der Corona-Politik scheint darin zu bestehen, auf der Basis einer lächerlichen Zahl und willkürlicher Grenzwerte Angst zu erzeugen, um anschließend durchregieren zu können. Keine Autofahrten nach 22 Uhr bei einer Inzidenz über 100?! Nach der wissenschaftlichen Begründung für die Wirksamkeit solcher Willkürmaßnahmen braucht man gar nicht erst zu fragen. Es gibt sie nicht. Dennoch soll mit dem sogenannten „Vierten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ nun noch weiter und tiefer in die Grund- und Freiheitsrechte eingegriffen werden. Der 21. April 2021 ist ein schwarzer Tag für Freiheit, Demokratie und Wohlstand im Lande. Einziger Hoffnungsschimmer gegen den heraufziehenden Willkürstaat: Die Freien Demokraten und die Freien Wähler haben heute unmittelbar Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz angekündigt.

Dystopie nimmt Gestalt an

Natürlich fragt man sich, was die Handelnden in der Sache motiviert – außer der Sorge um die Menschen im Lande, versteht sich?! Wieso werden ganze Branchen ausgehungert und vor allem viele Klein- und Mittelbetriebe in Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit gehalten, bis sie letztlich aufgeben müssen. Im neuen Smart Investor haben wir uns intensiver mit den Sorgen und Nöten, aber auch mit dem zunehmenden Unmut befasst, der sich im Mittelstand breit macht. Die Beteuerungen der Politik, aus den Fehlern des ersten Lockdowns gelernt haben zu wollen, klingen jedenfalls wie blanker Hohn. Und je tiefer man sich in das Thema hineinwühlt, desto öfter begegnet einem ein ganzes Bündel an Visionen, die unter dem Titel „The Great Reset“ zusammengefasst werden. Ein solcher Neustart setzt geradezu voraus, dass das alte Normal unwiederbringlich zerstört wird, um ganzen Gesellschaften die Dystopie eines „Neuen Normal“ schmackhaft zu machen. Nein, eine Verschwörungstheorie ist das Ganze nicht, sondern eine der Lieblingsideen des World Economic Forum, einer der einflussreichsten NGOs der Welt. Und weil das Thema gesellschaftlich und wirtschaftlich so brisant ist, haben wir ihm die Titelgeschichte im neuen Smart Investor 5/2021 gewidmet, der zum Wochenende erscheint. Dass sich die Kanzlerin regelmäßig in diesem illustren Kreis bewegt, dürfte allgemein bekannt sein, dass uns dort aber auch Jens Spahn und Annalena Baerbock begegnen, vielleicht etwas weniger. Seien Sie gespannt.

Auch in anderen Bereichen wird wenig getan, um die Menschen zu einem eigenverantwortlichen Leben zu ermuntern und zu befähigen. Im Gegenteil: Mit der Neuregelung der steuerlichen Behandlung von Termingeschäften (s.u.) ließ der Finanzminister den Anlegern weitere Steine in den Weg rollen. Zunächst sollte hier die Verrechenbarkeit von Verlusten auf 10.000 EUR pro Jahr beschränkt werden. Erst nachdem die betroffenen Verbände dagegen Sturm liefen, verdoppelte der Gesetzgeber zwar gnädiger Weise diese Begrenzung (s.u.), änderte allerdings nichts an der grundsätzlich unfairen Behandlung dieser Einkommensart. Es ist nicht erst seit gestern so, dass sich die Politik anmaßt, zwischen guten und schlechten Einkommensarten zu unterscheiden, mit dem Ziel das Verhalten der Menschen entsprechend zu steuern. In dieser Zeit, wo viele traditionelle Einkommensarten stark begrenzt sind, sollte sich der Gesetzgeber doch eigentlich über die Eigeninitiative derer freuen, die bereit sind Risiken einzugehen, um ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen. Doch diese Sichtweise scheint bei klassischen Parteifunktionären nicht wirklich ausgeprägt zu sein.

Steuern bei Termingeschäften

Über die neue Regelung bei der steuerlichen Behandlung von Termingeschäften hatten wir an dieser Stelle und auch im Heft schon des Öfteren berichtet. Die Verrechenbarkeit von Gewinnen und Verlusten aus Termingeschäften ist seit dem 01.01.2021 auf 20.000 EUR pro Jahr beschränkt. Allerdings wird dabei zwischen den unterschiedlichen Arten von Termingeschäften unterschieden. Was das genau bedeutet und wie man sich diesem Dilemma entziehen kann, das erläutert der Beitrag von Salah-Eddine Bouhmidi, Head of Markets bei unserem Kooperationspartner IG, in einem gesonderten Beitrag, den Sie hier finden.

Zu den Märkten

Die dominanten Einflussfaktoren für den Gesamtmarkt bleiben Liquidität und Psychologie. Während es auf absehbare Zeit bei den weit geöffneten Geldschleusen der Notenbanken zur Abfederung der Lockdown-Politik bleiben dürfte, ist die Psychologie ein wetterwendisches Phänomen. Zwar sind wohl nur die wenigsten Börsianer manisch-depressiv sein, aber zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“ ist es oft nur ein kurzer Weg. So schien beim DAX die Welt bis letzten Freitag noch in Ordnung zu sein. Mehr als das, die Kurse spurteten unter hohen Umsätzen aus der mehr als einwöchigen Konsolidierungsphase erneut auf ein frisches Allzeithoch. Doch über das Wochenende kamen dann wohl doch einige Anleger ins Grübeln, ob es sich da wirklich noch lohnt, hinterherspringen, oder ob das nicht schon ganz attraktive Verkaufskurse sind? Am Montag verkauften sie noch zaghaft, am Dienstag dann umso kräftiger. Inzwischen befindet sich der Index sogar wieder unter der vorangegangenen Konsolidierung. Eine Kreuzunterstützung (vgl. Abb.) liegt im Bereich von rund 14.800 Punkten – gut möglich, dass diese noch kurzfristig getestet wird.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Der 21. April 2021 wird als schwarzer Tag in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen. Lediglich die bereits angekündigten Verfassungsbeschwerden sind ein Hoffnungsschimmer.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier oder ein Derivat darauf wird zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Publikation oder der Smart Investor Printausgabe von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

Abonnements:
Unsere Smart Investor Abonnements finden Sie hier.

Das Magazin:
Das aktuelle Smart Investor Magazin finden unsere Abonnenten hier.

E-Mail-Versand:
Sollten Sie den E-Mail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine E-Mail mit dem Betreff “Abbestellen des SIW” an
weekly@smartinvestor.de.

Unsere Datenschutzerklärung finden sie hier.

Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

UNSERE EMPFEHLUNGEN