„Sell in May and go away“

© Thomas Reimer – stock.adobe.com

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… oder vielleicht doch lieber „Stay“?!

Kein Wonnemonat

„Sell in May and go away“ gehört wohl zu den bekanntesten Börsenweisheiten. Und tatsächlich gaben die Kurse zum Auftakt des Wonnemonats, der an den Börsen mitunter gar nicht so wonnevoll ist, kräftig nach (dazu unten mehr). Das Phänomen haben wir in unterschiedlichen Zusammenhängen schon öfter im Smart Investor behandelt bzw. gestreift, etwa im Beitrag „Markettiming“ aus dem Januar 2019. Auf der Smart-Investor-Webseite können sich angemeldete Nutzer mittels der GENIOS-Archivsuche einen schnellen Überblick über die entsprechenden Beiträge verschaffen. Im Grundsatz wird mit dem Bonmot eine Aussage über die jährliche Saisonfigur getroffen, was noch deutlicher wird, wenn man sich den häufig weggelassenen zweiten Teil in Erinnerung ruft: „But remember, to come back in …“. Spätestens an dieser Stelle wird dann auch klar, dass es sich hier eher um eine grobe Leitschnur und keinen präzisen Hinweis zum Timing handelt, denn für die Rückkehr an den Markt werden in den unterschiedlichen Fassungen ganze drei Monate angeboten: „September“, „November“ und „December“. Dass es der Oktober nicht in diesen Kreis geschafft hat, dürfte dabei weniger an einigen berühmten Börsencrashs gelegen haben als an dem Umstand, dass sich „October“ einfach nicht so gut auf „remember“ reimt.

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Sprüche und Reime

Bei dem Versuch, uns selbst einen Reim auf diesen Börsenspruch zu machen, erscheinen uns folgende Aspekte von Bedeutung: Nicht nur, dass die Empfehlung für eine Rückkehr an die Märkte relativ vage ist, auch das Monatsraster an sich ist bereits grob. In schnellen Märkten können zwischen den Kursen vom Monatsanfang, vom Monatsende oder irgendeinem x-beliebigen Kurs während des Monats Welten liegen. Trotz dieser Unschärfe beschreibt der Satz ein oft zu beobachtendes Phänomen: Die Performance des Winterhalbjahrs ist regelmäßig besser als die des Sommerhalbjahrs. Allerdings ist dies nur eine Tendenzaussage, die eben nicht in jedem einzelnen Jahr zutrifft. So hätte es sich im vergangenen, zugegebenermaßen außergewöhnlichen Jahr nicht bezahlt gemacht, dem Markt erst im Mai den Rücken zu kehren, um ihm dann bis zum Herbst fernzubleiben. Man sollte sich diese Saisonfigur daher vielleicht eher als eine Art untergründige Strömung vorstellen, die von konkreten aktuellen Entwicklungen und Ereignissen überlagert werden kann.

Die Sache mit dem Ausgang

Auch die oft zu hörende Aussage, wonach sich solche Phänomene alleine deshalb immer wieder zeigen, weil sie eine Art „Selbsterfüllende Prophezeiung“ seien, muss hinterfragt werden. Die Argumentation besteht darin, dass ein solches Muster so tief im kollektiven Bewusstsein der Marktteilnehmer verankert sei, dass diese es durch ihr darauf ausgerichtetes Handeln überhaupt erst selbst erzeugen. Ähnliche Einschätzungen lassen sich auch zu anderen Mustern, etwa in der Technischen Analyse finden. Allerdings scheint uns diese Argumentation bei derartigen Mustern einen Haken zu haben: Das Wesen der Börse besteht in der Antizipation der Zukunft, zumindest aber im Versuch diese Zukunft zu antizipieren. Wenn nun alle Marktteilnehmer wissen, dass man tunlichst im Mai verkaufen sollte, werden sie vielleicht versuchen, das schon im April zu erledigen, wo sie sich nicht mit den anderen durch die dann viel zu enge Ausgangstür zu zwängen bräuchten.

Selbsterfüllend ist nicht selbstverstärkend

Durch diese vorgezogenen Verkäufe werden die Kurse dann möglicherweise auch schon im April gedrückt, wogegen der Verkaufsdruck im Mai abnimmt. Besonders Schlaue mögen dann sogar auf die Idee kommen, schon im März zu verkaufen, während sich andere bereits im Juni für den Herbst positionieren. In der Tendenz wird das allgemeine Wissen um einen solchen Effekt also eher nicht zu dessen Verstärkung, sondern eher zu seiner Abschwächung führen. Das freilich gilt aber immer dann nicht, wenn faktische Gründe dagegensprechen. So kann man Zinsen, die man erst zum Jahreswechsel erhält, nicht schon im Oktober anlegen, und wer eine Dividende vereinnahmen will, darf halt nicht vor der Ausschüttung verkaufen.

Treibsatz Liquidität

Allerdings gibt es durchaus gute Gründe, warum es an den Börsen in nächster Zeit tatsächlich etwas holpriger werden könnte. Denn bislang war Liquidität der wesentliche Treibsatz für eine Kursentwicklung, die man angesichts des wirtschaftlichen Umfelds schon als bemerkenswert bezeichnen muss. Wer hätte etwa ernsthaft zu prognostizieren gewagt, dass beispielsweise der gute alte DAX inmitten eines nie dagewesenen Lockdowns ein Allzeithoch nach dem anderen erklimmt?! Natürlich gibt es Profiteure der Lockdown-Politik, und einige davon sind sogar im DAX vertreten. Aber selbst diese Profiteure wurden durch die Liquiditätsschwemme in Bewertungsregionen getrieben, die mit dem allenthalben zu hörenden Ruf nach „nachhaltigen Investments“ nichts mehr zu tun haben, zumindest, wenn man darunter Investments verstehen will, die den Anlegern nachhaltig Freude machen. Dass ein Unternehmen wie Delivery Hero, also im Wesentlichen ein Essensausfahrer, einmal zu den deutschen Blue Chips gehören und mit mehr als 32 Mrd. EUR bewertet sein würde, obwohl es – trotz hoher Margen – auch in den nächsten Jahren keinen Gewinn ausweisen wird, ist bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass es auch auf diesem Niveau noch Kaufempfehlungen hagelt. So kann sich JP Morgan Chase gar ein Kursziel von 185 EUR vorstellen, was einem Aufschlag von weiteren 50% bzw. einer Marktkapitalisierung von dann knapp 50 Mrd. EUR entspräche. Die Alteigentümer des südkoreanischen Lieferdienstes Woowa, den Delivery Hero erst kürzlich übernommen hatte, scheinen sich für solche Prognosen jedenfalls weniger zu interessieren – sie machten jetzt Kasse und reduzierten ihren Anteil von rund 10% auf 6%.

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Höhere Zinsen voraus?!

Dass in einigen der Lieblingsaktien der vergangenen Monate auch ordentlich Luft steckt, demonstrierte ganz nebenbei US-Finanzministerin Janet Yellen, die aus Ihrer Zeit als Notenbankchefin eigentlich noch ein ziemlich gutes Gespür für Marktreaktionen haben sollte. Als sie jetzt darüber sinnierte, dass es wohl sein könnte, dass die Zinsen etwas anzögen, damit die US-Wirtschaft nicht überhitze, reagierten die Wachstumsaktien prompt mit Kursabschlägen. Die nachgeschobene Relativierung, dass dies weder eine Empfehlung noch eine Prognose sei, half den besonders Tech-Aktien – immerhin die Hauptprofiteure niedriger Zinsen – kaum. Und die Episode hat gezeigt, dass der Markt nicht ganz so stark ist, wie es die Kursverläufe nahelegen. Die Bereitschaft, auch bei kleineren Anlässen Material abzugeben, ist jedenfalls da.

Chips und andere Materialien

Apropos Material: Ein Thema, das im Zusammenhang mit Corona und der Lockdown-Politik immer wieder angeschnitten wurde, war eine mögliche Beschädigung der Lieferketten. Ein Problem, das insbesondere dort schlagend werden könnte, wo die Beschaffungswege komplex und/oder lang sind. Ein Bereich, der in dieser Hinsicht nun immer deutlicher ins Blickfeld rückt, sind Computerchips, von denen ein erheblicher Teil aus Asien kommt. Was die Problematik hier zusätzlich verschärft, ist der Umstand, dass die Chips selbst zwar oft preiswert, aber zentral für die Produktion wesentlich teurerer Produkte sind. So haben inzwischen mehrerer Fahrzeughersteller die Produktion vorübergehend drosseln bzw. stilllegen müssen, weil die benötigten Chips nicht in Europa ankommen. Aber es muss nicht einmal Hightech sein. In den USA sind die Bauholzpreise derart angestiegen, dass in diversen Internet-Memes jemand vor einem Holzschuppen als „neuer Reicher“ gilt. In der Lieferkettenproblematik steckt nämlich das allgemeinere Thema des Preisauftriebs. Sowohl der Versuch begehrte Materialen zu ergattern bzw. beschleunigt zu transportieren als auch der Aufbau alternativer Produktionen, die zwar resilienter, aber fast zwangsläufig weniger wettbewerbsfähig sein werden, sorgen für zusätzliche Inflationstendenzen. Die Notenbanken könnten in diesem Szenario relativ zügig in die Zwickmühle geraten. Während man zur Dämpfung des Preisauftriebs ein Zinssignal von ihnen erwartet, dürfte daraus angesichts der weltweiten Verschuldungssituation nicht mehr als ein symbolischer Akt werden.

Zu den Märkten

Beim DAX wurde „Sell in May“ gestern tatsächlich sehr wörtlich genommen. Der deutsche Leitindex rutschte mit dem größten Tagesverlust seit letztem Oktober um knapp 2,5% ab. Die Lage ist insgesamt trotzdem noch nicht eindeutig negativ. Zwar wurde der kürzerfristige Aufwärtstrend, der mit den Tiefs von Ende Oktober 2020 begann (vgl. Abb., obere rote Linie), gestern nach unten durchbrochen, der minimal flachere Aufwärtstrend mit Startpunkt im März 2020 (untere rote Linie), wurde jedoch nur angekratzt. Auch das markante Hoch vom 18. März 2021, das wir schon in unserer Ausgabe von vor zwei Wochen markiert hatten, wirkte nun als Unterstützung (blaue Linie). Schließlich konnte die gestern noch aufgegebene Dezimalmarke von 15.000 Punkten zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe wieder zurückerobert werden. Dennoch bleiben wir hier – und das nicht nur saisonal begründet – erst einmal etwas zurückhaltend, denn das gesamte Kursgeschehen seit Mitte April ist nicht mehr konstruktiv. Auf ausgeprägte, hochvolumige schwarze Abwärtskerzen erfolgte jeweils nur eine unentschlossene, rein korrektiv wirkende Gegenwehr. Die letzte ordentliche, aufwärtsgerichtete weiße Tageskerze stammt vom 16. April (vgl. grüne Markierung).

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Steuern bei Termingeschäften

Da Ihr Interesse an der Neuregelung der steuerlichen Behandlung von Termingeschäften ungebrochen ist, dürfen wir Sie an dieser Stelle noch einmal auf den Beitrag von Salah-Eddine Bouhmidi, Head of Markets bei unserem Kooperationspartner IG, aufmerksam machen. Die Verrechenbarkeit von Gewinnen und Verlusten aus Termingeschäften ist seit dem 01.01.2021 auf 20.000 EUR pro Jahr beschränkt. Allerdings wird dabei zwischen den unterschiedlichen Arten von Termingeschäften unterschieden. Was das genau bedeutet und wie man sich diesem Dilemma entziehen kann, lesen Sie hier.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die erfolgten Transaktionen in den beiden Musterdepots und die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Der Mai gilt als Wendepunkt im Aktienjahr und tatsächlich begann er in diesem Jahr so, als wollte er das bekannte Saisonmuster bestätigen. Das allerdings sollte man in einer Zeit dominanter anderer Einflussfaktoren auch nicht überbewerten.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Smart Investor 5/2021:

Titelstory: Great Reset

Familienunternehmen: Die Eigentümerstruktur macht den Unterschied

Netzwerkeffekt: Markt- oder eher Staatsversagen?

Aktieninvestments: Auch langfristig sind die Renditen nicht sicher

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