Titelstorys – die Botschaft der ersten Seite

Titelbild: © JackF – stock.adobe.com

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Wenn es die Börse auf das Cover schafft

„Wunder des Kurses“

Wer behauptet, er wisse ganz genau, in welche Richtung sich die Börse entwickeln werde, könnte ebenso gut sagen, dass er von der Materie wenig Ahnung hat. Denn sicher ist an den Märkten nichts, und das ist geradezu deren Wesen. Denn auf „wundersame“ Weise stehen sich zu jedem Zeitpunkt zwei etwa gleich starke Lager gegenüber. Die Preisveränderungen gegenüber dem jeweils letzten Preis sind entsprechend gering, besonders dort, wo ein liquider Handel stattfindet. Wer zu einem aufgerufenen Kurs handeln will, hält ihn für attraktiv – egal, ob er auf der Käufer- oder der Verkäuferseite steht. Erst mit wachsendem Abstand schält sich regelmäßig heraus, dass der Kurs für eine Seite doch nicht ganz so günstig war. Was etwas paradox klingt, liegt am „Wunder des Kurses“ selbst, der sich so bildet, dass er das, was die Marktteilnehmer in jedem Moment zu wissen glauben, zum Ausgleich bringt. Dieses Einpreisen gelingt freilich nicht immer, mal überschießt der Kurs und ein anderes Mal erfolgt die Anpassung nur zäh. Und natürlich können sich das aktuelle Wissen, die vorherrschenden Meinungen oder die massenpsychologische Grundlagerung, die allesamt in die Kauf- und Verkaufsentscheidungen einfließen, auch als falsch erweisen bzw. ändern, etwa durch neue Fakten, neue Meinungen oder externe Ereignisse. Das Ergebnis: Der Ausgleich zwischen beiden Seiten findet einfach auf einem anderen Kursniveau statt.

Wenn Prominenz schadet

Lange Rede, kurzer Sinn: Im Prinzip laufen alle Formen der Wertpapieranalyse auf die Frage hinaus, wer wohl – aus dem Blickwinkel künftiger Kurse – die bessere Entscheidung getroffen hat, auch wenn im Moment des Handels noch beide Seiten gleichermaßen hoffnungsvoll waren, das Richtige zu tun. Ein interessanter Indikator in dieser Hinsicht ist der Titelblattindikator, der den Sentiment- oder Stimmungsindikatoren zuzurechnen ist. Die Idee dahinter ist folgende: Wenn ein bestimmtes Börsenthema auf der Titelseite einer Zeitung oder Zeitschrift erscheint, ist das Ende dieses Trends häufig schon nahe. Das gilt umso mehr, wenn die Zeitung bzw. Zeitschrift überhaupt keine Börsenzeitschrift ist – etwa eine Tageszeitung, eine Fernsehzeitschrift oder ein Lifestyle-Magazin. Diesem Phänomen wird deshalb besondere Aussagekraft zugemessen, weil das Thema schon eine ganze Weile am Markt sein muss, bevor eine fachfremde Redaktion darauf nicht nur aufmerksam wird, sondern das Thema dann auch noch prominent auf den Titel hebt.

Den Letzten beißen die Hunde

Bei Publikationen, die (auch) am Kiosk verkauft werden, setzt eine Titelstory immer ein gewisses Vorwissen des Publikums voraus, das zum Kauf angereizt werden soll. Ist das Thema völlig unbekannt, wird es in aller Regel nicht zur Titelstory. So ist es schwer vorstellbar, dass eine Fernsehzeitung im Jahr 2009 zum Einstieg in den Bitcoin getrommelt hätte, auch wenn es das Beste gewesen wäre, was dort je gestanden hätte. Wenn ein Thema aber andererseits bereits das allgemeine Publikum elektrisiert, dann ist es in Börsenkreisen oft schon weitgehend „durch“. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass neue Interessenten zu einem weiteren Nachfrageschub führen. Regelmäßig sind die so gewonnenen Käufer aber eher die letzten, die sich noch für ein Thema begeistern lassen – und auf die warten bekanntlich schon die Hunde. Denn selbst wenn die Aussichten rosarot wären, das „Wunder des Kurses“ wird schon längst dafür gesorgt haben, dass eben diese rosarote Zukunft auch bereits bestens bezahlt wird.

Omi auf Kursrakete

Nun also DER SPIEGEL mit einem bemerkenswerten Cover, in dem Bitcoins, Aktien und Derivate mit dem eingänglichen Bild einer in den Himmel zielenden Rakete verknüpft werden: „Im Rausch der Börse“. Auf dieser Kursrakete reiten, allen voran ein typischer Hipster – oder wie man sich den beim SPIEGEL vorstellt – und eine Omi im zugeknöpften Rüschenkleid, wie es sie so in freier Wildbahn kaum noch geben dürfte. Beide schauen gebannt auf ihre Handys, was als Hinweis auf den Neobroker-Boom verstanden werden soll. Tatsächlich ist der Inhalt des Artikels denn auch ziemlich kritisch. Gerade weil DER SPIEGEL nicht zu den Börsenfachzeitschriften gehört, und noch nicht einmal im Verdacht einer besonderen Börsenaffinität steht, werten wir dieses Cover im Sinne des Titelblattindikators negativ. Dabei tut es übrigens nichts zur Sache, dass der Artikel selbst – wie erwähnt – einigermaßen kritisch gegenüber dem „Börsenrausch“ ist. Nebenbei: Wann gab es je im SPIEGEL einen positiven Artikel über spekulative Börsengeschäfte?! Nein, in diesem Zusammenhang geht es darum, dass sich ein Börsenthema nach (!) einem langen Aufschwung auf dem Titelblatt wiederfindet. Falls auch Sie aktuelle Beispiele entdecken sollten, in denen es Börsenthemen auf die Titelseite von Nicht-Börsenpublikationen geschafft haben, würden wir uns sehr über einen Hinweis an info@smartinvestor.de freuen.

Das Gedächtnis des Smart Investor

Wer sich mit dem Titelblattindikator etwas intensiver beschäftigen will, dem sei unser Grundlagenartikel aus dem Smart Investor 3/2007 empfohlen. Dieses fast schon historische Dokument hat nichts an Aktualität eingebüßt und kann über diesen Link als PDF heruntergeladen werden. Sollten Sie selbst einmal nach früheren Smart-Investor-Beiträgen suchen, können sie dies als eingeloggter Abonnent jederzeit über unsere GENIOS-Suche tun. Wie Sie dabei vorgehen, haben wir für Sie in dem Artikel „Das Gedächtnis des Smart Investor“ zusammengefasst. Suchen Sie doch einmal nach ihm.

Zu den Märkten

Am Aktienmarkt sehen wir allerdings derzeit keine überschäumende Euphorie oder wilde Kurssprünge und exzessive Spekulationen. Im Gegenteil: Zwar schleicht sich der DAX von Allzeithoch zu Allzeithoch (vgl. Abb., schwarzer Chart), aber er schleicht eben nur. Die Bewegung verläuft weiter keilförmig (vgl. Abb., blaue Linien), wobei ein solcher Keil immer dann entsteht, wenn der Steigungswinkel der aufeinanderfolgenden Hochs flacher ist als jener der Tiefs. Auf gut Deutsch: Es fehlt an Dynamik nach oben. Diesen Eindruck bestätigt auch ein Blick auf den VDAX, hier in der Version VDAX-New-90 (vgl. Abb., rote Linie), der nach den Turbulenzen des vergangenen Jahres schon wieder fast auf die tiefen Werte aus der Zeit davor zurückgefallen ist. Nun bildet ein solcher Volatilitätsindex zwar keinen mechanischen Zyklus ab, wohl aber ist die Volatilität ein Phänomen, bei dem sich Phasen hoher Werte mit Phasen niedriger Werte abwechseln. Vielleicht noch interessanter ist der Umstand, dass sich Volatilität und Aktienindex in der Tendenz gegenläufig entwickeln – entsprechend korrespondieren Tiefs bei den Aktien auffallend häufig mit Hochs im Volatilitätsindex. Setzt man das Puzzlespiel mit dem Titelblattindikator (s.o.) zusammen, dann ist es also durchaus möglich, dass der gemächlichen Klettertour des DAX demnächst tatsächlich ein ordentlicher Ausschüttler folgt.

Ausschüttler voraus?

Das würde nicht nur saisonal ganz gut passen, denn das Sommerhalbjahr gilt traditionell als Sauregurkenzeit für die Märkte, auch wenn das lange nicht in jedem Jahr zutrifft. Was könnte aber über die Saisonalität hinaus ein Auslöser für einen Anstieg der Volatilität bzw. sinkende Kurse sein? Im Prinzip kann man genau das natürlich nicht wissen. Solche schnellen Ausschüttler entstehen ja gerade deshalb, weil viele Marktteilnehmer durch eine Entwicklung auf dem falschen Fuß erwischt wurden und sich rasch anpassen wollen. Ein Ereignis, auf das im Moment schon einige schielen, ist die Übung „Cyber Polygon 2021“, mit der im Juli ein Internetausfall als Folge eines Cyberangriffs simuliert werden soll. Es handelt sich allerdings nicht um einen echten Internetausfall, sondern um eine Simulation. Da die Übung jedoch ähnlich hoch karätig besetzt ist – zum Teil sogar die gleichen Sponsoren dahinter stehen – wie das „Event 201“, bei dem just im Herbst 2019 ein weltweiter Virusausbruch geprobt wurde, werden naturgemäß Parallelen gezogen. Ob uns wirklich perspektivisch eine Abschaltung des Internets droht, darüber – und über einiges mehr – hat sich der Autor Ernst Wolff im Interview mit Smart Investor in der aktuellen Juni-Ausgabe Gedanken gemacht. Sie können das Gespräch hier nachlesen. Wolff befasst sich dort übrigens auch mit dem beschleunigten Niedergang des Geldsystems und dem Erstarken der Digitalwirtschaft unter dem Einfluss der Corona-Maßnahmen. Da trifft es sich gut, dass wir für die kommende Ausgabe Dr. Ulrich Horstmann, Autor des brandneuen Buchs „Die digitale Währungsreform kommt!“ für ein Interview gewinnen konnten.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Der Börsenaufschwung ist im Mainstream angekommen und wird dort ungläubig beäugt. Gut möglich, dass eine ausgedehntere Korrektur praktisch schon um die Ecke auf uns wartet.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Smart Investor 6/2021:

Titelstory: Warren und die Copycats

Lieferketten: Ohne Input kein Output

Ungarn: Bodenständig und modern

Healthcare: Biotechnologie beflügelt den Sektor

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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