Riesen, Scheinriesen und Zwerge

Titelbild: © anela47 – stock.adobe.com

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Wenn David Goliath schlägt und Goliath sich kleinmacht.

Unparteiische Technik

Vor fast 55 Jahren verlor Deutschland das WM-Finale von 1966 gegen England in Wembley. Die Niederlage von Wembley wurde seitdem immer wieder heiß diskutiert, zumal das entscheidende 3:2 für England bis heute als umstritten gilt. Das „Wembley-Tor“ wurde sogar zum Inbegriff für jene Tore bzw. Nicht-Tore, bei denen der Ball so haarscharf auf, oder eben über der Linie ist, dass die Entscheidung schwerfällt. Schon 1966 waren sich Schiedsrichter und Assistent in der Sache zunächst nicht einig. Seit der Einführung der Torlinientechnik im Jahre 2014 werden solche Fragen nun aber mit einer ebenso ausgefeilten wie unparteiischen Technik entschieden.

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Fluch von Wembley?

Auch dieses Mal verlor Deutschland gegen England in Wembley. Doch damit enden die Parallelen auch schon: Statt einer WM ging es um eine EM und statt im Finale scheiterte Deutschland diesmal schon drei Runden zuvor und an den beiden Siegtreffern der Engländer gab es nicht das geringste zu mäkeln. Das war so nicht unbedingt abzusehen, denn im Vorfeld wurden diverse Statistiken zitiert, wonach Deutschland – zumindest historisch gesehen – praktisch nur gewinnen konnte. Die freilich standen allesamt auf dürren Beinen, denn die deutsche (National-)Mannschaft erwies sich als Scheinriese. Auch aus dem bisherigen Verlauf des Turniers war diese Zuversicht, die gelegentlich in eine falsche Siegesgewissheit umschlug, jedenfalls nicht abzuleiten. Denn während sich die deutsche Equipe, mit Ausnahme des Spiels gegen Portugal, gerade mal so durch die Vorrunde holperte, kassierten die Engländer nicht ein Gegentor – und das blieb auch im gestrigen Spiel so. Damit ist die Ära Löw nun ausgerechnet gegen die „Three Lions“ weniger rühmlich zu Ende gegangen als von ihm erhofft. Zur Diskussion der Parallelen zwischen Dauertrainer und Dauerkanzlerin, deren Ära dieses Jahr ebenfalls zu Ende geht, fehlt uns allerdings hier heute der Platz.

David und Goliath

Wenn wir einmal den Home Bias beiseitelassen, dann gibt es ein wesentlich besseres Beispiel für Favoritensterben und Außenseitersieg bei dieser EM: Die Niederlage des amtierenden Welt- und Vize-Europa-Meisters Frankreich, der von den eidgenössischen „Fußballgnomen“ aus dem Rennen gekickt wurde. Dass schiere Größe meistens nicht der entscheidende Erfolgsfaktor ist, wissen wir seit der Geschichte von David und Goliath. Die Briten wollen diesen Beweis nicht nur mit dem Brexit antreten, sie demonstrieren auch bei jedem Fußballturnier, dass sie mehr vom Wettbewerb als von der Vereinheitlichung halten: Anstatt ihre Kräfte zu bündeln, treten sie traditionell mit mehreren Mannschaften an: So qualifizierten sich diesmal England, Wales und Schottland für die EM-Teilnahme, wobei es erstere nun immerhin bis ins Viertelfinale geschafft haben.

Facebook macht sich klein

Ein ganz Großer auf dem Social-Media-Spielfeld ist Facebook mit seinen diversen Tochtermarken von WhatsApp bis Instagram. Aber selbst dieser Gigant hat erkannt, dass Größe in bestimmten Situationen hinderlich sein kann – etwa dann, wenn man von insgesamt 40 US-Bundesstaaten und der Wettbewerbs- und Verbraucherschutzbehörde Federal Trade Commission wegen unfairer Wettbewerbspraktiken aufgrund einer marktbeherrschenden Stellung verklagt wird. Der zuständige Richter schmetterte die Klage jedoch erst einmal ab, was die Aktie mit einem kleinen Freudensprung über die winzige Marke von mehr als eintausend Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung quittierte. Nun gut, die Produkte des Unternehmens sind tatsächlich so klein, dass sie auf jedes Smartphone passen. Die Kläger haben nun einen Monat Zeit, um zu begründen, warum der Eine-Billion-Dollar-Konzern doch weit mehr als ein Scheinriese ist.

Fairness nach China-Art?

In jedem Fall ist bemerkenswert, wie die amerikanische Justiz für den Sozial-Media-„Zwerg“ in die Bresche springt. Ausgerechnet in China, das unter kommunistischer Führung nicht gerade als Mutterland des Kapitalismus gilt, scheint die Regierung aber nun einen völlig anderen Weg zu gehen. Auch dort waren die Digitalkonzerne große Profiteure von Pandemie und Lockdowns. Auch dort nutzten einige ihre Stellung aus, um den Kunden nicht immer die beste Leistung zum günstigsten Preis anzubieten. Seit die Regierung nun angekündigt hatte, dem Treiben einiger Konzerne nicht länger tatenlos zusehen zu wollen, sind die Kurse der betroffenen Aktien auf Tauchstation. Besonders betroffen sind die E-Bildungskonzerne, die wegen unfairer Vertragsgestaltungen im Fokus stehen. Es ist schon eine verkehrte Welt, in der wir von China lernen sollen, wie man gegen unfaire Praktiken im Digitalkapitalismus vorgeht.

Siegesgewissheit und Fallhöhe

Zurück zum Fußball: Für Börsianer sind insbesondere die Themen Siegesgewissheit und Favoritensterben relevant. Im Gegensatz zum Fußball enthält die Börse hier nicht nur die im Wesentlichen psychologische Rückkopplung nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“. Da auf die Publikumslieblinge auch entsprechend intensiv gesetzt wird, können „überbesetzte Trades“ entstehen. Im Prinzip sind dann bereits so viele in einem Titel investiert, dass es schwerfällt, per Saldo weitere Unterstützung zu finden. Zum einen sind – aufgrund des dann meist erreichten hohen Kursniveaus – kaum noch neue Interessenten zu Investments zu bewegen, zum anderen werden diese Titel dann auch immer anfälliger für Gewinnmitnahmen der bereits länger Investierten. Die Favoriten sterben, obwohl die Stimmung durchaus noch positiv und manchmal sogar euphorisch ist.

Image- und andere Probleme

Unter heimischen Anlegern ist der DAX noch immer das Fieberthermometer für das Wohlbefinden ihrer Aktieninvestments. Dahinter steckt nicht nur ein ausgeprägter Home Bias, sondern auch eine gewisse Gewöhnung. Geht es dem DAX gut, dann braucht man sich um die Deutschland-AG keine Sorgen zu machen, so die stark verkürzte Wahrnehmung. Nun, die Deutschland-AG gibt es schon lange nicht mehr und der deutsche Blue-Chip-Index zeigt, trotz der Größe der dort vertretenen Unternehmen, eben doch nur einen eher untypischen Ausschnitt des Ganzen. Während sich die großen Konzerne vor allem um ein mit den jeweils vorherrschenden gesellschaftspolitischen Strömungen kompatibles Image bemühen, geht es im Mittelstand eher um die praktischen Herausforderungen des Standorts – und die sind angesichts rekordhoher und steigender Steuerlast, rekordhoher und steigender Energiepreise, einer anziehenden Teuerung und weiter vorhandenen Lieferengpässen bereits ein mehr als abendfüllendes Programm.

Zu den Märkten

Umso bemerkenswerter ist die noch immer anhaltende Stärke des DAX, der gestern erneut stark performen konnte, jedoch ausnahmsweise kein neues Allzeithoch erreichte. Das letzte Allzeithoch liegt sogar bereits mehr als zwei Wochen zurück, was fast schon als eine erste Ermüdungserscheinung angesehen werden könnte, aber auch noch als normale Konsolidierung durchgeht. Heute ging es jedenfalls erst einmal kräftig nach unten, wobei auch ein sogenanntes Bearish-Engulfing-Signal in den Candlestick-Charts phasenweise als negatives Chart-Signal in greifbarer Nähe war. Das allerdings lässt sich erst nach dem Redaktionsschluss dieser Ausgabe mit Sicherheit sagen. Die Haupttreiber hinter den Kursen bleiben aber weiter die ultralockere Geld- und Fiskalpolitik, die jede mögliche Marktschwäche einfach überrollen (sollen). Wir gehen davon aus, dass dies auch so bleiben wird, weil den Notenbanken aufgrund der Verschuldungssituation die Hände für eine ernsthafte Inflationsbekämpfung weiter gebunden sind. Das allerdings darf nicht so missverstanden werden, dass billiges Geld automatisch zu teuren Aktien führt. Es ist das alte Dilemma der Geldpolitik: Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber saufen müssen sie selber, wie der frühere Superminister Karl Schiller flapsig formulierte. Es kommt also auf die Motivation der Anleger an. Werden sie gar aus dem Markt herausgeschreckt, dann können die Kurse zwischenzeitlich durchaus auch einmal stärker fallen. Aber spätestens dann sind die Verkäufer wieder mit dem Thema Anlagenotstand konfrontiert: Cash auf der Hand und wieder etwas attraktivere Kurse sollten erneut zu Rückkäufen motivieren.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere Transaktionen der Vorwoche und die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Fazit

Wer Lehren für das Leben und die Börse entdecken will, kann sie fast überall finden – selbst bei der laufenden Fußball-Europameisterschaft.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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