Die ungleichen Schwestern

Titelbild: © lado2016 – stock.adobe.com

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Freud‘ und Leid bei Deutsche Telekom und Deutsche Post

Kein reinigendes Gewitter

In der letzten Ausgabe hatten wir uns intensiver mit der Situation im deutschen Blue-Chip-Index DAX auseinandergesetzt. Unser Fazit war, dass aus verschiedenen Gründen – mangelnde Aufwärtsdynamik, negatives Umsatzverhalten, niedrige Volatilität, Saisonfigur, etc. – das Aufwärtspotenzial begrenzt sei. Wir hielten und halten nach den quälenden Börsen-„Hundstagen“ selbst ein reinigendes Sommergewitter für möglich. Tatsächlich kam es sogar zu mehreren solcher Sommergewitter – so sichtbar, dass es Hashtags wie #Dauerregen und #Starkregen sogar in die deutschen Twitter-Trends geschafft haben. Nur an der Börse blieb das reinigende Gewitter bislang aus. Im Gegenteil: Der DAX kletterte erneut auf ein Allzeithoch und strafte die Vorsichtigen damit einmal mehr Lügen.

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Der Hammer der Notenbanken

Natürlich gibt es auch Gründe, die für ein weiteres Ansteigen des deutschen Leitindex sprechen. Vor allem ist da die ultralockere Geldpolitik zu nennen, die den Anlagenotstand zum Dauerzustand macht und auch teure Aktien oder Immobilien doch irgendwie attraktiv aussehen lässt. Denn die wesentliche Anlagealternative zu solchen realen Werten ist das immer rascher entwertende Geld. Selbst die angespannte wirtschaftliche Situation, die sich irgendwo zwischen inflationären Preissteigerungen, Lieferengpässen und einem absehbaren Auslaufen der Post-Lockdown-Sonderkonjunktur abspielt, konnte den Märkten bislang nichts anhaben. Das ist auch gar nicht so paradox, wie es auf den ersten Blick aussieht: Denn das einzige Werkzeug, das die Notenbanken für wirtschaftliche Schieflagen noch zu kennen scheinen, ist der Hammer in Form von noch mehr billigem Geld – und für den ist jedes Problem ein Nagel, selbst solche, die durch eine lockere Geldpolitik gar nicht zu lösen sind. Mehr Krise heißt also mehr billiges Geld und damit auch steigende Preise bzw. Kurse. Die Austrians nennen diese Phase Crack-up-Boom.

Es fehlt an Ware, nicht an Geld

Wenn also Produktionsabläufe und Lieferketten unter den Nachwehen der Lockdowns leiden, so sind das sehr reale Wirtschaftsthemen, die mit mehr Geld kaum zu lösen sind. Es ist nicht Geld, das fehlt, sondern Ware. Begibt sich nun mehr Geld auf die Jagd nach diesen fehlenden Waren, dann mag in den Zweit- und Drittrundeneffekten zwar durchaus auch die Kreativität der Unternehmer zur Erhöhung des Warenangebots angereizt werden, der zunächst sichtbarste Effekt aber sind Preis- und Kostensteigerungen. Auch ist längst nicht jedes Problem der realen Welt durch unternehmerische Kreativität zu lösen: Da kann beispielsweise ein Hotelier noch so kreativ und rührig sein, wenn er sein Hotel nicht oder nur unter erheblichen Auflagen öffnen darf, ist er nicht einmal dann in der Lage mehr Zimmer anzubieten, wenn er eigentlich über diese verfügt.

Halten die Schätzungen?

Interessanterweise ist der DAX mit seinem Allzeithoch vom Montag bewertungstechnisch auch gar nicht einmal so weit enteilt, wenn man die Kursentwicklung vor dem Hintergrund der Gewinnschätzungen für das laufende Jahr sieht. Darauf machte zuletzt das Handelsblatt aufmerksam, das die Gewinne für alle DAX-Unternehmen im laufenden Jahr auf 98,1 Mrd. EUR veranschlagt. Im Corona-Jahr 2020 waren es demnach nur 43,3 Mrd. EUR, aber auch im Jahr 2019 lag der Wert nur bei 80,4 Mrd. EUR. Wie realistisch diese Zahlen letztlich sind, wird sich erst noch zeigen müssen, denn auch das laufende Jahr ist von erheblichen Corona-Effekten geprägt – und es ist noch lange nicht zu Ende. Besonders vor dem Hintergrund der am Horizont heraufziehenden nächsten Erkältungssaison sind die Ergebnisse also alles andere als in trockenen Tüchern. Auch gegenüber dem Auftaktquartal werden die Unternehmen in der nun anlaufenden Berichterstattung zum zweiten Quartal wohl eher noch eine Schippe drauflegen müssen, um die hochgesteckten Prognosen doch noch zu erfüllen.

Technik noch ohne Schub

Technisch ist der Markt nur in bescheidenem Umfang vorangekommen. Eigentlich geht ein Allzeithoch mit einer Menge Vorschusslorbeeren einher. Es ist so etwas wie der Überbringer der frohen Kunde weiterer Kurssteigerungen – wenn es denn überzeugend ausfällt. Genau daran fehlt es allerdings noch immer. Als Befreiungsschlag lässt sich dieses Allzeithoch eher nicht interpretieren. Zum einen lag es nur um ganze 4,23 Punkte bzw. 0,03% über dem letzten solchen Hoch vom 14. Juni. Zum anderen ging es mit rückläufigen Umsätzen einher, während die Umsätze bei der leichten Konsolidierung am Folgetag schon wieder anstiegen. Wenn es nach der Regel „Volume goes with the Trend“ geht, dann wäre der Trend – trotz Allzeithoch – weiter eher abwärtsgerichtet, was zugegebenermaßen spitzfindig klingt. Entscheidender scheint uns zu sein, dass der Index auch bezüglich der an dieser Stelle zuletzt eingezeichneten Formationen nicht entscheidend vorangekommen ist (vgl. Abb. 1). Noch immer krebsen die Kurse an der unteren Begrenzung des Aufwärtstrends (blaue Linie) entlang, während die obere Begrenzung des eingezeichneten Keils (gestrichelte Linie) noch nicht in Angriff genommen wurde und die obere Begrenzung des Kanals (obere solide blaue Linie) nicht einmal mehr in Sichtweite ist. Schließlich verharrt auch die Volatilität (rote Linie) weiter auf einem unspektakulär niedrigen Niveau.

„Gute alte Post“

Interessanter als die Indexbetrachtung ist allerdings der Blick auf einzelne Komponenten. Die Deutsche Bundespost war eine verschlafene Behörde, die über Jahrzehnte Fernsprech-, Brief- und Paketdienstleistungen aus einer Hand anbot – zu Monopolpreisen versteht sich. In mehreren Schritten wurde die Behörde umstrukturiert, aufgespalten und privatisiert. Heute sind mit der Deutsche Telekom AG und der Deutsche Post AG sogar zwei Bruchstücke der ehemaligen Bundesbehörde im DAX notiert (vgl. Abb. 2) – und diese könnten unterschiedlicher nicht sein.

Frühstarter vs. Rohrkrepierer

Das begann schon beim Börsenstart. Die Telekom (vgl. Abb. 2, violette Linie) erwies sich zunächst als echter Highflyer, verkörperte sie doch alles, was man seinerzeit mit moderner Kommunikation verband. Vor allem an der Mobiltelefonie und in der Folge an der Tochter T-Online entzündete sich damals die Fantasie, die freilich mit dem Zusammenbruch des neuen Marktes jäh endete. Dagegen startete die Deutsche Post (gelbe Linie) zunächst als regelrechter Rohrkrepierer. Briefe, Postkarten, Päckchen und Pakete. Konnte es angesichts des Megahypes um Mobiltelefonie, Internet und Email noch etwas Langweiligeres geben?

Großer Irrtum

Aber die Börsianer irrten und sie irrten sich gewaltig. Denn die Aktie des einstigen Shootingstars Deutsche Telekom stürzte jäh ab, während sich die Dividendenpapiere der „hässlichen“ Schwester immer weiter nach oben schraubten. Paradoxerweise war es das Internet, das zur Renaissance des Paketversands führte. Mit der Marke DHL war die Deutsche Post bestens für die schöne neue Welt des Online-Handels gerüstet. Da war der Boom des Versandhandels während der Lockdowns nur noch das i-Tüpfelchen auf einem ohnehin soliden Trend. Bei der Telekom mussten die Aktionäre dagegen über 20 zähe Jahre lernen, was es bedeutet, in einer Modeaktie investiert zu sein, die gegen starke Konkurrenz ein Produkt anbietet, das inzwischen fast zu einem Commodity geworden und damit austauschbar ist.

Bodenbildung abgeschlossen?

Allerdings könnte sich bei der Deutschen Telekom nun tatsächlich ein Abschluss der langjährigen Bodenbildung andeuten; eine Bodenbildung, in der man auch eine umgedrehte, allerdings aufgrund ihrer immensen Dimensionen eher untypische Schulter-Kopf-Schulter-Formation erkennen kann (vgl. Abb. 2, violette Markierungen). Entscheidend ist die obere Begrenzungslinie, an der der Kurs inzwischen knabbert. Rein charttechnisch ist aus dieser Konstellation über die nächsten Jahre auch ein Kursverdopplung im Bereich des Möglichen (vgl. rote Markierungen). Zumindest könnte die jüngst konstruktive Kursentwicklung andeuten, dass unspektakuläre Unternehmen mit einem etablierten Geschäftsmodell wieder stärker gefragt sein werden.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

Die beiden Schwesterunternehmen Deutsche Post und Deutsche Telekom zeigen, dass einerseits ein ehedem langweiliges Geschäft plötzlich im Mittelpunkt des Anlegerinteresses stehen kann, während andererseits mit ehemaligen Modeaktien über Jahrzehnte buchstäblich kein Blumentopf zu gewinnen ist. Mit der Beurteilung, was langweilig oder modern ist, sollte man also entsprechend vorsichtig sein.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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