„Auf Keils Schneide“

Titelbild: © wb77 – stock.adobe.com

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Der September scheint seinem schlechten Ruf gerecht werden zu wollen

Allzeithochs ohne Schubkraft

Zuletzt hatten wir mehrfach auf die mangelnde Dynamik der Aufwärtsbewegung im DAX hingewiesen. Auch die immer wieder erreichten neuen Allzeithochs waren nicht wirklich überzeugend. Statt neue Käufer auf den Plan zu rufen, wurden die günstigen, also hohen Kurse vermehrt genutzt, um Kasse zu machen. Im Chart zeigte sich dieses Verhalten nicht nur auf der Mikroebene in Form negativer Kursverläufe nach erreichten Allzeithochs – im April, Juni und besonders im Juli kam es sogar zu kleineren Abverkäufen (vgl. Abb. 1, rote Markierungen). So gesehen war der Kursverlauf nach dem letzten Allzeithoch am 13.8. (blaue Markierung) sogar vergleichsweise positiv. Zwar erfolgten auch hier keine Anschlusskäufe, aber es ging immerhin nicht gleich wieder bergab. Heute allerdings öffnete der Markt erst einmal mit einem kräftigen Gap nach unten …

Bedrohlicher Aufwärtskeil

Wenn wir etwas aus dem Bild herauszoomen, dann zeigte sich die mangelnde Aufwärtsdynamik des deutschen Leitindex auch in Form der hier schon mehrfach erwähnten Keilformation (vgl. Abb. 1, rote Begrenzungslinien). Obwohl wir in einem solchen bearishen Keil insgesamt noch einen Kursanstieg sehen, schaffen es die Kurse immer weniger, sich von der unteren Aufwärtslinie zu lösen. In einem gesunden Aufwärtstrend sollten die prozentualen Aufwärtsschübe in etwa gleich groß sein, so dass sich ein Trendkanal ergeben würde, was hier durch eine gestrichelte obere Kanalbegrenzung angedeutet wird. Von einem solchen Aufwärtskanal ist der DAX allerdings meilenweit entfernt. Wenn wir eingangs davon sprachen, dass die Reaktion nach dem Allzeithoch vom 13.8. insgesamt positiver ausfiel als bei den zuvor erreichten Allzeithochs, dann blendet dies allerdings einen wichtigen Negativpunkt aus: Dieses Hoch erreichte nämlich nicht einmal mehr die obere Keilbegrenzung, was für einen weiteren Verlust an Aufwärtsdynamik spricht (blaue Markierung). Vergleichen Sie dies einmal mit der kraftvollen Abwärtsbewegung des heutigen Tages, die sogar mit dem eingangs beschriebenen Abwärts-Gap einherging.

Stopp-Loss-Lawine

Das sieht für uns so aus, dass etliche Aktien auf den erreichten Kurshöhen nur mit einem engen Stopp-Loss gehalten werden. Für die Chance auf weitere Kursgewinne ist man also nur noch bereit einen geringen Preis zu bezahlen.  Der ist in der Praxis dann allerdings meistens doch etwas höher. Denn wenn viele so denken, kann der Markt von einer regelrechten Stopp-Loss-Lawine getroffen werden. Entsprechend viel Material wird dann in kurzer Zeit unlimitiert angeboten, während die Aufnahmebereitschaft erst wieder bei deutlich niedrigeren Kursen vorhanden ist. Ein markanter technischer Punkt ist die untere Begrenzung der Keilformation, die heute auch gleich zielsicher angesteuert wurde. Der Index bewegt sich heute buchstäblich „auf Keils Schneide“. Diese Begrenzungslinie liegt inzwischen auf mehr als den nötigen zwei Punkten auf, um eine solche Linie überhaupt konstruieren zu können. Dabei kann insbesondere des Kursgeschehen vom 19./20. Juli als erfolgreiche Bestätigung gewertet werden. Sollte die Linie also jetzt durchbrochen werden, wäre dies ein Signal, das insbesondere technisch orientierte Trader zu weiteren Verkäufen motivieren könnte. Noch ist es allerdings nicht so weit und auch eine erneute Bestätigung ist im Bereich des Möglichen.

Hinter der Technik

Hinter der ganzen Technik stecken natürlich andere Überlegungen. Zum einen ist da die Saisonalität, die wir letzte Woche an dieser Stelle unter dem Titel „Remember September“ angesprochen hatten. Es ist immer wieder erstaunlich, wie im September plötzlich eine gewisse Nervosität und Verkaufsbereitschaft um sich greift, besonders dann, wenn die Märkte im Vorfeld zunächst angestiegen und über den Sommer relativ unentschlossen waren. Allerdings könnte es diesmal mit der heraufziehenden Bundestagswahl auch ganz handfeste Ursachen für Vorsicht an den Börsen geben. Denn mit dem Umfrageabsturz von CDU und CSU konkretisiert sich die Möglichkeit eines von links dominierten Regierungsbündnisses im Bund. Insbesondere Kapitalanleger haben aus einer solchen Konstellation noch weniger Positives zu erwarten als unter der ausgehenden Großen Koalition. Angesichts der – trotz Rekordsteuerbelastung der Bürger – gähnend leeren Kassen wird in der neuen Legislatur wohl jede Regierung dort zugreifen, wo noch etwas zu holen ist. Da viele Vermögenswerte durch Finanzielle Repression und Inflationspolitik künstlich aufgebläht sind, werden der Besteuerung von Scheingewinnen dann Tür und Tor geöffnet sein – ganz egal, ob es sich um vorhandenes, frisch erworbenes oder ererbtes Vermögen handelt.

Die Schönen und die Biester

Spannend ist ein Blick in die stärksten und schwächsten Aktien des DAX, der momentan noch 30 Titel umfasst, ab 20.9. aber auf 40 Titel erweitert wird. Auf Halbjahresbasis haben im aktuellen DAX 30 (vgl. Abb., schwarze Linie) Merck (blaue Linie), Delivery Hero, Deutsche Post (grüne Linie), Deutsche Wohnen und Infineon die Nase vorn. Alle fünf Unternehmen sind mit den beherrschenden politischen Themen, Corona und Wohnungsnot, verbunden, wobei diese Verbindung mitunter nur mittelbar ist wie etwa beim Chiphersteller Infineon. Vielleicht ist es an der Zeit, die Börsenweisheit von den kurzen Beinen politischer Börsen noch einmal zu überdenken, denn diese Aktien sind bereits seit geraumer Zeit im Spitzenfeld. Seit die Politik mit immer mehr Geld immer tiefer in die Wirtschaft hineinregiert sind „politische Börsen“ eben längst nicht mehr nur Wahlbörsen, sondern ein Ganzjahresphänomen. Zu den schwachen Werten gehören einige der früheren Highflyer wie Siemens Energy (rote Linie), aber vor allem Titel der „Old Economy“ wie der Markenartikler Henkel (orange Linie), Bayer, Allianz und die Fahrzeughersteller.

Feedback zu Corona-Rohdaten

Sehr aufschlussreich waren die Reaktionen auf die „Fleißaufgabe“ von Marcel Barz, der in seinem Video „Die Pandemie in den Rohdaten“ auszog, die Corona-Pandemie in den Daten von RKI, Destatis & Co. zu finden, dabei aber scheiterte. Das Video ist offenbar derart brisant, dass Youtube es nach mehreren 100.000 Aufrufen zunächst gelöscht hatte, es nach rechtsanwaltlicher Intervention jedoch wieder online stellte. Gleich mehrere fachkundige Leser (ein Doktor der Physik, ein Diplom-Mathematiker und Aktuar, etc.) hatten uns von ihren eigenen Untersuchungen der Rohdaten berichtet – ein kritisches Engagement, für das wir uns sehr herzlich bedanken. Die Leser sind dabei überwältigend zu ähnlichen Ergebnissen wie Barz gekommen. Das von diesem bereits angekündigte weitere Video, in dem er dem Thema Impfen auf den Grund gehen möchte, dürfte daher ebenfalls recht interessant werden. Dass in Bezug auf Corona-Fälle mit Impfung (Positivtest plus Symptome erforderlich) und Corona-Fälle ohne Impfung (positiver Test genügt) mit zweierlei Maß gemessen wird, spricht sich ja bereits herum. Das aber scheint bei weitem nicht die einzige Ungereimtheit bzw. Asymmetrie in der Aufbereitung des Datenmaterials zu sein. Wir sind also sehr gespannt, was Barz oder auch andere kritische Geister hier herausfinden werden, bleibt die Pandamie in den kommenden Monaten doch eines der bestimmenden Börsenthemen.

Herbstzeit, Tagungszeit:

Heute dürfen wir Sie noch einmal auf drei Veranstaltungen hinweisen, bei denen Smart Investor Medienpartner ist:

Am 4./5.10. veranstaltet das Kontor Stöwer den Fondskongress Trier. Das Vorabend-Event wendet sich ausschließlich an unabhängige Vermögensverwalter, der Haupttag am 5.10. an alle Investoren. Nähere Informationen, auch zum Livestream, finden Sie auf der Webseite des Fondskongress Trier und in der Anzeige auf S. 39 im Smart Investor 9/2021.

Am 23.10. findet die World of Value Investmentkonferenz im Steigenberger Airport Hotel in Frankfurt am Main in echter Starbesetzung statt: Dort können sie neben Dr. Markus Krall auch Prof. Dr. Christian Rieck und Marc Friedrich live oder im Digitalstream erleben. Nähere Informationen zu den Tickets gibt es auch hier auf der Website www.worldofvalue.de oder in Smart Investor 9/2021 auf Seite 41.

Und natürlich sollten Sie sich zwischen all den Zahlen und Analysen auch einmal an den schönen Dingen des Lebens erfreuen. Vom 29. bis 31. Oktober öffnet die Watchtime Düsseldorf wieder ihre Pforten für die Liebhaber hochwertiger Uhren. Nähere Infos zu dieser exklusiven Messe finden Sie unter der Watchtime-Website.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website https://www.smartinvestor.de einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

Bislang scheint der September einiges zu unternehmen, um jene Börsianer zu bestätigen, die ohnehin keine gute Meinung von ihm haben.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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