Haltet den Dieb!

Titelbild: © vchalup – stock.adobe.com

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Über vermeintliche Preistreiber und solche, die es nicht sein wollen

Fordern und Fördern

Aus mehr oder weniger berufenem Munde konnten wir diese Tage hören, wer an den hohen Energiepreisen schuld sei. Kein geringerer als US-Präsident Biden verortete die Preistreiber in der guten alten OPEC bzw. direkt in Moskau, die zusammen auch als OPEC+ bezeichnet werden. Dabei hatte Biden offenbar eine klare Arbeitsteilung im Kopf, wie das Problem gelöst werden könnte: Die USA fordert und die OPEC+ fördert. Nun ist Biden bislang zwar nicht durch wirtschaftlichen Sachverstand aufgefallen, aber natürlich wird ein Staatschef in all jenen Fragen, von denen er angesichts der Fülle seines Aufgabenspektrums nur wenig verstehen kann, intensiv beraten. Was diese Berater allerdings geritten haben mag, ausgerechnet auf einer Klimakonferenz Maßnahmen für niedrigere Ölpreise im allgemeinen und höherer Fördermengen im Konkreten zu fordern, ist kaum nachvollziehbar. Für viele der in Glasgow Anwesenden ist Erdöl bekanntlich das reinste Teufelszeug und allenfalls als Kerosin in den Tanks der eigenen Privatjets tolerierbar.

Falsche Adresse

Auch in anderer Hinsicht ging Bidens Forderung an die falsche Adresse. Es war schließlich nicht so, dass die OPEC+ die Preise durch eine künstliche Verknappung in die Höhe getrieben hätte. Vielmehr wollte Biden erreichen, dass die Förderländer flexibel auf die hohe Nachfrage reagieren, um den Preisauftrieb zu bremsen. Das kann allenfalls vor dem Hintergrund langfristig auskömmlicher Beziehungen zwischen Anbietern und Verbrauchern im Interesse der Förderländer sein. Kurzfristig ist dagegen die Versuchung der Anbieter groß, solche Windfall Profits erst einmal einzustreichen und sich nur sehr langsam in Richtung Kapazitätsausweitung zu bewegen.

Scheinheilige Debatte

Im Prinzip zeigt sich hier die ganze Scheinheiligkeit der öffentlichen Debatte: Weite Teile des politischen Spektrums in den westlichen Verbraucherländern haben sich nämlich selbst und explizit für eine Verteuerung fossiler Brennstoffe ausgesprochen, rufen nun aber beherzt „Haltet den Dieb!“ in Richtung OPEC+. Das Ganze erinnert entfernt an die Diskussion um die Tabaksteuer: Hier besteht sogar noch mehr Einigkeit hinsichtlich der Schädlichkeit des Tabaks als bei fossilen Brennstoffen. Dennoch wurde die Tabaksteuer, die offiziell gerne als ein Instrument der Gesundheitspolitik verkauft wird – so wie diverse Energiesteuern und -abgaben als Instrumente der Klimapolitik –, in der Vergangenheit stets nur behutsam erhöht, damit nicht allzu viele Raucher bei den jeweiligen Erhöhungen abspringen. Entgegen der vorgetragenen Sorge um die Menschen oder das Klima, ist das fiskalische Motiv überwältigend.

Unsere Preise, Eure Preise

Übertragen wir das auf die Ölpreise, so zeigen sich hier zwei Aspekte: Erstens der schon bei den Tabakpreisen beschriebene Einbruch des Verbrauchs bei allzu heftigen Preiserhöhungen. Allerdings ist die Energienachfrage nicht annähernd so preiselastisch wie die Tabaknachfrage. Da Energie in den meisten lebensnotwendigen Waren und Dienstleistungen steckt, kann man sich nicht einfach entschließen, ab morgen auf den Konsum von Energie zu verzichten. Dennoch greifen bei vielen Verbrauchern schlicht Budgetrestriktionen und sie müssen sich zwangsläufig einschränken, weil der bisherige Lebensstil angesichts rasant steigender Preise nicht länger finanzierbar ist. In dieser Problematik steckt das Thema der „sozialen Energiewende“, bei der neue Umverteilungserfordernisse mit eben jenen Preissteigerungen begründet werden, die die Politik selbst, und nicht etwa die OPEC+ verantwortet. Das Grundprinzip ist das Gleiche wie bei jeder Umverteilungspolitik: Der Staat verteuert das Leben durch höhere Steuern und spielt sich als Retter für jene auf, denen er ein wenig davon zurückgibt.

Schwindelerregende Abgaben

Bei den Energiepreisen gibt es allerdings noch einen anderen Aspekt: Während der Verbraucher vor allem unter den hohen Endpreisen ächzt, ist für die Politik vor allem die Zusammensetzung der Preise von höchstem Interesse: Betrachtet man dem Preis für Kraftstoffe, so entfallen rund 60% auf diverse Steuern und Abgaben. Von unten gerechnet wird ein Liter Diesel sogar mit mehr als 130% an Steuern und Abgaben beaufschlagt. Versuchen Sie gar nicht erst auszurechnen, wie hoch die Steuerbelastung ist, wenn sie diesen Liter auch noch – wovon wir ausgehen – aus versteuertem Einkommen erwerben. Ihnen würde so schwindlig werden, dass sie erst einmal fahruntüchtig wären. Gerne wird auf die Multis, die OPEC und auch auf Russland geschimpft, und zwar just von jener Politik, die beim Kraftstoff die Hand am weitesten aufhält, ohne dafür auch nur annähernd eine adäquate Gegenleistung zu erbringen.

Jenseits des Korridors

Neben allfälligen Steuern und Steuererhöhungen ist auch die exorbitante Geldmengenausweitung der Notenbanken ein wesentlicher Preistreiber. Es muss nicht einmal mehr Kraftstoff nachgefragt werden, um die Preise anzuschieben. Die Idee, dass die OPEC+ nun so schnell fördern soll, wie die Notenbanken drucken, ist nicht nur physikalisch absurd, es gibt auch keinen einzigen sachlichen Grund, warum die Förderländer das tun sollten. Schon aus diesem Blickwinkel ist von dort nicht mehr als eine Goodwill-Aktion unter dem Druck der USA zu erwarten. Die Inflationsraten, zuletzt mit +4,5% p.a. weit oberhalb der EZB-Zielmarke von +2% p.a. – werden also hoch bleiben, solange sich nichts an den Ursachen ändert, und die liegen in der Geldsphäre und nicht auf den Ölfeldern.

Zu den Märkten

Für die Aktienmärkte bedeutet das Inflationsszenario weiter Rückenwind. Dies nicht etwa, weil es so unglaublich positiv für die Wirtschaft wäre, sondern weil die Anleger angesichts des beschleunigten Geldwertverfalls in Werthaltiges drängen. Wir haben dies an dieser Stelle schon oft beschrieben und dieses sogenannte Crack-up-Boom-Szenario entwickelt sich insofern fast lehrbuchmäßig, wenn auch nicht jede Assetklasse gleichermaßen profitiert. So zuckte Gold zwar zuletzt mehrfach über die Marke von 1.800 USD, traf dort aber regelmäßig auf etwas, das wir nur als aggressiven Widerstand bewerten können. Während steigende Aktienkurse sich in aller Regel noch als eine Form des wirtschaftlichen Erfolgs verkaufen lassen, sieht dies bei steigenden Edelmetallpreisen anders aus. Diese sind als Gegenspieler der Fiat-Währungen immer auch ein Krisenindikator für den Zustand eben dieser Währungen. Beim DAX ist mit dem Überschreiten der Marke von 15.800 Punkten (vgl. Newsletter der Vorwoche) nun ein bedeutender Widerstand genommen (Abb., roter Pfeil). Wir hatten diese Marke auch als Stopp-Loss für die Absicherung in unserem Aktien-Musterdepot eingegeben. Nähere Informationen zu dieser und weiteren Transaktionen finden Sie in unserer Rubrik Musterdepots & wikifolio.
Im DAX ist aber nicht nur dieser wichtige Widerstand gefallen, auch saisonal liegen nun die schwierigen Börsenmonate September und Oktober hinter uns. Mit dem Rückenwind der Geldpolitik ist dem Index also durchaus ein neues Allzeithoch und sogar noch einiges mehr zuzutrauen. Die Inflationsbekämpfung, auch diese Einschätzung haben wir hier schon mehrfach kundgetan, wird angesichts der Verschuldungssituation verbaler bzw. symbolischer Natur bleiben. Allenfalls schimpft man ein wenig auf die OPEC oder andere vermeintlich Schuldige, um den Zorn über steigende Preise von der eigenen (Geld-)Politik abzuleiten. Es ist gar ein Wesen der Inflationspolitik, dass willfährige Medien allenthalben neue Schuldige hervorzaubern werden, von herzlosen Vermietern über gierige Geschäftsleute wird da kaum jemand verschont bleiben, nur um die wahren Schuldigen nicht benennen zu müssen.

Veranstaltungshinweise:

Mit Riesenschritten nähern wir uns dem Eldorado für Edelmetallfans: Am 12./13. November findet die traditionelle Edelmetall- & Rohstoffmesse 2021 statt – in diesem Jahr noch einmal virtuell. Zahlreiche bekannte Experten wie Dimitri Speck, Egon von Greyerz, Eugen Weinberg, Gerald Celente, Johann Saiger, Marc Faber, Prof. Max Otte sind mit Videovorträgen dabei. Unter den virtuellen Ausstellern sind wieder zahlreiche internationale Minengesellschaften. Eine Registrierung ist nicht erforderlich und es wird sogar ein Gewinnspiel geben, bei dem Sie echte Goldmünzen gewinnen können. Nähere Informationen finden Sie auf der Website des Veranstalters.

Zeitgleich findet am 12./13. November die Deutsche Goldmesse in Form einer Mining Investment Konferenz in Frankfurt statt. Führende Köpfe der Mining-Industrie und ausgewählte Unternehmen – vom jungen Explorer bis zum etablierten Produzenten – werden teilnehmen. Mining-Unternehmen und Investoren können direkt miteinander interagieren, das heißt, Investoren haben die Möglichkeit, bei Live-Vorträgen direkt Fragen an die Vorstände zu stellen. Die kostenlose Anmeldung finden Sie auf der Website des Veranstalters.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Transaktionen in unserem Aktien-Musterdepot und über die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

In den Kraftstoffpreisen steckt nicht nur die „Habgier der OPEC“, sondern in einem viel stärkeren Ausmaß die des Fiskus. Zwar will uns die Politik einreden, dass dies zu unserem Besten sei, aber der Hauptprofiteur solcher Entwicklungen ist in der Regel der, bei dem die Kasse am lautesten klingelt, und das ist der Staat selbst.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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