Titel lügen nicht?!

tz, vom 26.11.2021

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Was uns der Titelblattindikator aktuell verrät

Größe und Erfolg

Aktien erweisen sich auf lange Sicht immer wieder als eine der besten Geldanlagen überhaupt. Dabei lassen sich im Wesentlichen zwei starke Triebkräfte hinter der Aufwertungstendenz identifizieren. Zum einen ist das der wirtschaftliche Erfolg der betreffenden Unternehmen selbst. Je mehr erfolgreiche Unternehmen in einem Aktienindex vertreten sind, desto mehr Rückenwind erhält dieser. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die meisten Aktienindizes als „Erfolgsgemeinschaften“ konstruiert sind. Regelmäßig sind es Größenkriterien, die darüber entscheiden, welches Unternehmen in einen Index aufgenommen wird, und welches Unternehmen gegebenenfalls in ein niedrigeres Index-Segment wechseln muss bzw. wieder ganz aus einer Indexfamilie herausfällt. Die Größe eines Unternehmens ist dabei stark mit dessen wirtschaftlichem Erfolg korreliert, obwohl sich gerade bei alten Großkonzernen, die den Anschluss an die Zeit verloren haben, immer wieder auch Ausnahmen dieses Zusammenhangs finden lassen. Noch genauer muss man bei den Indizes der zweiten Reihe hinsehen: Handelt es sich um hochinteressante Unternehmen auf dem Weg nach oben, oder solche, die gerade nach unten durchgereicht werden, weil sie schon wieder auf dem absteigenden Ast sind?

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Mechanisch auf Gewinner gepolt

Weil Indizes über das Größenkriterium, und damit implizit erfolgsorientiert auf mechanische Weise konstruiert werden, eignen sie sich nicht nur als hervorragendes Marketinginstrument für die Aktienanlage, sondern sind auch schwer zu schlagen. Selbst die meisten professionellen Anleger schaffen ihre wesentliche Outperformance nur in Abwärtsphasen, in denen sie den Fall durch eine erhöhte Cash-Position abfedern können, während der Index zwangsläufig weiter „voll investiert“ in die Tiefe rauscht. Für den Erfolg der Unternehmen spielen aber auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des jeweiligen Landes bzw. der jeweiligen Branche eine entscheidende Rolle. Hier hat sich das Bild vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der jeweils ergriffenen Corona-Maßnahmen teils deutlich ausdifferenziert. In Abb. 1 sehen wir den OMX Stockholm 30 (schwarz) und den deutschen DAX30 (rot) im direkten, währungsbereinigten Vergleich. Auffällig ist der grundsätzliche Gleichklang zwischen den Indizes. Bis zum Corona-Crash 2020 – und auch noch während dieses Einbruchs – verlaufen beide fast deckungsgleich. Besonders in den ersten drei Quartalen herrschte allgemein große Unsicherheit über den richtigen Weg aus der Pandemie.

Schweden mit Relativer Stärke

Schweden hat sich bekanntlich für einen anderen Weg entschieden, der im Wesentlichen auf Vernunft und Eigenverantwortung der Bürger setzt. Zwischenzeitlich konnte man dort die Früchte dieser Politik in Form von deutlich niedrigeren Inzidenzzahlen und eines weitgehend intakten öffentlichen Lebens ernten. Auch die Wirtschaft scheint nicht annähernd so zu leiden, wie die deutsche, denn seit dem vierten Quartal 2020 differenzieren sich die beiden Aktienindizes deutlich aus. Allerdings sind auch dies nur Momentaufnahmen, denn die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass einzelne Länder, besonders solche, die von Regierungswechseln betroffen sind, oft zu drastischen Kurskorrekturen neigen. Schweden setzt beispielsweise seit heute auf den Impfpass für Großveranstaltungen, und man darf gespannt sein, welche Effekte dies auf die dortigen Infektionszahlen, aber auch auf die dortige Wirtschaft haben wird. Unabhängig davon sollte man mit monokausalen Erklärungsversuchen aber auch immer zurückhaltend sein, ist die jeweilige Gesamtsituation doch durch viele Variablen bestimmt. Der Blick über den Tellerrand kann dennoch lohnend sein, gerade dann, wenn man mit gänzlich neuen Herausforderungen konfrontiert ist.

Triebkraft Nr. 2

Auch sind beide Märkte nach dem Corona-Crash deutlich angestiegen. Dahinter dürfte die Liquidität als zweite wesentliche Triebkraft gesteckt haben. Denn Liquidität wurde in dieser Phase als flankierende Maßnahme in einem solchen Übermaß geschaffen, dass sie nicht nur die Preise der Vermögenswerte trieb, sondern inzwischen auch die Verbraucherpreise. Wir haben uns mit dem Thema Inflation nicht nur im letzten Smart Investor Weekly, sondern auch in der brandaktuellen Ausgabe 12/2021 des Smart Investor Magazins ausführlich beschäftigt. Allerdings ist schon die „normale“ Geldentwertung, die beispielsweise von der EZB mit einer Rate von 2% p.a. inzwischen sogar offiziell angestrebt wird, ein wesentlicher Faktor hinter der langfristigen Tendenz zur Aufwertung der Preise in allen Bereichen.

Kontinuierlich oder erratisch?

Das allerdings darf nicht so missverstanden werden, dass in diesem Umfeld alle Preise zu jeder Zeit nur eine Richtung, nämlich die nach oben, kennen würden. Insbesondere im Konsumgüterbereich waren und sind aufgrund des technischen Fortschritts auch immer wieder längere Phasen deutlich sinkender Preise in einzelnen Bereichen zu beobachten, etwa bei der Unterhaltungselektronik. Ansonsten trifft aber die Aussage der kontinuierlich steigenden Preise bei Konsumgütern und Dienstleistungen noch am ehesten zu: Egal ob Tarifverträge, Mieten oder Schokoriegel, die Preise kennen in der Regel nur den Weg nach oben. Dagegen neigen spekulative Märkte eher zu einer Abfolge von Übertreibungen und Korrekturen. Für Anleger stellt sich innerhalb eines solchen Umfelds grundsätzlich steigender Preise also immer wieder auch die Frage, ob diese möglicherweise aktuell zu weit gestiegen sein könnten.

Schlagzeilen zur Unzeit

Ein Indikator, der eine solche Preisspitze anzeigen kann, aber nur selten ausschlägt ist der sogenannte Titelblatt-Indikator. Die Idee dahinter ist, dass Börsenmagazine oft zur Unzeit eine große Hausse oder Baisse ausrufen und es Aktienthemen normalerweise gar nicht auf die Titelseite fachfremder Zeitschriften schaffen. Geschieht dies doch, will uns das etwas sagen. Nun ist es keineswegs so, dass eine solche Redaktion über besondere prognostische Fähigkeiten verfügen würde, weder über besonders gute, noch über besonders schlechte. Die Aussage liegt vielmehr darin, dass das Thema bereits so populär geworden sein muss, damit sich eine Redaktion damit befasst, für die Aktien normalerweise keine herausragende Rolle spielen. Mehr noch, sie befasst sich nicht nur damit, sie hebt die Geschichte sogar auf den Titel. Und genau das tut man eigentlich nur mit einer Geschichte, die man für sensationell gut hält. Das gilt ganz besonders für Boulevard-Blätter, die sich ganz wesentlich über die Titelgeschichte verkaufen. Ausführliche Erklärstücke zum Thema und historische Beispiele finden Abonnenten des Smart Investor Magazins in unserer GENIOS-Datenbankrecherche mit dem Suchbegriff „Titelblatt-Indikator“. Nun also titelte die tz aus München „Langfristig Geld anlegen – Die besten Aktien“. Vorsicht ist also angesagt.

Zu den Märkten

Auch, wenn der tz-Titel eher als Langfristempfehlung verstanden werden soll, ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung bemerkenswert. Denn noch am Tag der Veröffentlichung – Freitag, den 26.11. – rauschte der DAX um satte 4,15% in die Tiefe, was einen der größten Tagesverluste überhaupt darstellt. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Titelgeschichte, konnte die tz-Redaktion also noch nicht wissen, was da auf uns zukommt. Mit etwas Abstand könnte die Empfehlung dann auch gar nicht so schlecht sein, denn nach einem Abschwung, der aller Voraussicht nach nicht das Ausmaß aus dem Frühjahr 2020 erreichen wird, dürfte den Märkten erneut reichlich Liquidität zur Verfügung gestellt werden. Die Inflationsbekämpfung, das kann man aus diversen EZB-Statements erkennen, genießt in dieser Situation nicht die allerhöchste Priorität. Mit diesem Freitag wurde allerdings auch die charttechnisch wichtige Marke von 15.800 Punkten mit einem riesigen Gap nach unten durchbrochen (vgl. Abb. 2). Auch in den Folgetagen ging es per Saldo weiter abwärts. Erst die heutige Sitzung brachte zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe mit einem Plus von rund 2% eine erste echte Gegenbewegung.

Hello again!

Erneut ist das Thema Corona in aller Munde, wobei die Omikron-Variante Auslöser erheblicher Ängste und neuer, drakonischer Maßnahmen ist. Für die Unternehmen sind insbesondere die jetzt diskutierten 2G+-Regeln – und das inmitten des Weihnachtsgeschäfts – als ein weiterer herber Rückschlag zu bewerten, zumal etliche der traditionellen Geschäftsmodelle noch von den Maßnahmen des Vorjahres geschwächt sind. Profiteure könnten dagegen erneut ausgewählte Unternehmen der Online-Wirtschaft sein, wobei hier die Kurse teilweise durch die zurückliegende Rally den Verhältnissen derart weit vorausgeeilt waren, dass in einer allgemeinen Börsenkrise auch hier kurzfristiges Rückschlagpotenzial droht.

Saisonalität aus der Mode

Was in dieser Phase ebenfalls auffällig ist, wie wenig die allgemeine Saisonfigur solchen Sonderentwicklungen entgegenzusetzen hat. Unter normalen Umständen würden sich die Marktteilnehmer in dieser Phase – nach einem glücklich überstandenen Börsenherbst – langsam auf die Jahresendrally vorbereiten. Nun sehen sie sich mit erneuten tiefen Einschnitten in das gesellschaftliche Leben und damit auch in das Wirtschaftsgeschehen konfrontiert, die ab morgen wohl konkretisiert werden dürften. Die Gefahr, dass hier politisch übersteuert wird, ist vor dem Hintergrund der allgemeinen, panischen Grundstimmung jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über einen wichtigen Kauf in unserem Aktienmusterdepot und die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

Seit dem Auftreten der Omikron-Variante hat das Thema Corona die Märkte wieder fest im Griff. Dabei ist es im Moment weniger die neue Variante selbst und die erst schemenhafte Kenntnis über deren mögliche Gefährlichkeit, die die Marktteilnehmer verschreckt als die Erwartung erneuter, drakonischer Maßnahmen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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