Reif für die Insel

Titelbild: © Nabokov Alex – stock.adobe.com

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Neue Regierung, alte Probleme

Der Zauber des neuen Anfangs

Mit dem heutigen Tag nimmt die rot-grün-gelbe Koalition die „Ampelgeschäfte“ auf. Vorsichtig gesagt, kann nicht jede Personalie überzeugen, allerdings wollen wir nicht mäkeln, bevor aus auch Grund dazu gibt. Wenn allerdings Ämter primäre nach Parteien- und neuerdings Geschlechterproporz vergeben werden, stehen Persönlichkeit und fachliche Eignung zwangsläufig nicht mehr an erster Stelle. Allerdings wird nicht erst seit dieser Regierung darüber gescherzt, mit welcher Geschwindigkeit Politiker in neue Ressortverantwortlichkeiten rotieren – und manchmal auch wieder heraus. Eine gewisse Stabilität erzeugen in dieser Situation die Ministerien selbst, die sich – im Guten wie im Schlechten – wie Tankschiffe auch durch schwere See wühlen. Schließlich bleibt noch die Hoffnung, dass, wie ein altes Sprichwort wissen will, der liebe Gott jenen, denen er ein Amt gibt, auch Verstand geben würde. Spötter verweisen in diesem Zusammenhang allerdings darauf, dass Ämter schon lange nicht mehr von Gott selbst vergeben würden und auch die Lebenserfahrung schon oft genug gegen diese Hoffnung gesprochen habe. Ob sich also in dieser Konstellation der Zauber des neuen Anfangs entfalten wird, oder ob das Ganze ein vergleichsweise fauler Zauber ist, bleibt erst einmal abzuwarten.

Geduldiges Papier

Eine weitere Lebenserfahrung besteht darin, dass Papier geduldig ist. Das gilt in besonderem Maß für Wahlprogramme und -plakate, weshalb letztere nach erfolgter Wahl auch eiligst wieder abgehängt werden, zumindest von jenen, die nach Regierungsverantwortung greifen. Während beispielsweise die FDP noch auf dem Ticket der Freiheit in den Bundestag und nun auch in die Regierung reiste, will Parteichef Lindner von einer freien Impfentscheidung aktuell nicht mehr viel wissen. Lediglich die Gewissensentscheidung der Abgeordneten in Sachen Impfpflicht sei frei, wohl wissend, dass sich dafür inzwischen auch ohne FDP eine Mehrheit im neuen Bundestag findet. So kann man zwar das Gesicht wahren, aber mancher FDP-Wähler hätte womöglich eine klare Position in der Sache bevorzugt, auch wenn dies eine Abstimmungsniederlage bedeutet hätte. Aber auch jene Parteien, die sich der Freiheit nicht ganz so verpflichtet fühlen, wiegten die Wähler noch vor dem Urnengang in der falschen Sicherheit, dass das Gerede von einer allgemeinen Impfpflicht nur eine böswillige Verschwörungstheorie sei. Nun wissen wir es besser. Politisch und medial wird die 180-Grad-Wende in bester Orwell-Manier unter dem Motto „Impfpflicht ist Freiheit“ verkauft. Der Vollständigkeit halber muss man allerdings auch erwähnen, dass sich der bisherige Gesundheitsminister Jens Spahn weiter an sein gegebenes Wort gebunden fühlt und gegen eine Impfpflicht stimmen wird. Allerdings dürfte ihm dies auch deshalb leichtfallen, weil seine Stimme dann nicht mehr die des Gesundheitsministers sein wird.

Mehr Fortschritt?!

Wie geduldig das Papier des Koalitionsvertrags sein wird, ist derzeit noch unklar. Zwar finden sich im Titel – „Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“ – die Lieblingsschlagworte aller drei Parteien, inhaltlich ist allerdings deutlich zu spüren, dass Rot/Grün das bessere Ende für sich hat. Gelb wird nur als kurzes Zwischenspiel sichtbar – was auch dem Schaltphasen einer echten Ampel entspricht. Spätestens bei dem selbstgewählten Motto „Mehr Fortschritt wagen“ sollten dann aber doch die Alarmglocken schrillen. Echter Fortschritt kam in den seltensten Fällen aus der Politik, sondern oft genug von findigen Unternehmern, die dem Markt ein tolles neues Angebot machen konnten. Denn Fortschritt ist keine eindeutig bestimmte Richtungsangabe, sondern mehr ein Vortasten in eine ungewisse Zukunft. Ein Wirt wird unter diesem Fortschritt etwas vollkommen anderes verstehen als eine Klimaaktivistin oder ein Angestellter in der Autoindustrie. Die Formel vom Fortschritt zeigt vielmehr den Willen zur Gestaltung bzw. Umgestaltung des Landes durch die Politik.

Macher und Denker

Da ist es von entscheidender Bedeutung, wer hier seinen Willen zur Umgestaltung ausleben wird. Sind es die Geistesgrößen des Landes, erfolgreiche Macher, tiefe Denker, die aus anderen Feldern für die Politik gewonnen werden konnten, oder finden sich unter den Gestaltern nur wieder jene Parteigewächse die außerhalb des Politikbetriebes kaum vermittelbar sind, weil ihnen eben diese Eigenschaften fehlen? Nun ist lange nicht gesagt, dass ein kluger Kopf zwangsläufig auch besser regiert. Gerade die Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie sind hinsichtlich hoheitlicher Eingriffe in selbstorganisierende Systeme zutiefst skeptisch, weil diese aufgrund eines nur angemaßten Wissens letztlich mehr Schaden anrichten als Nutzen zu stiften. Regierungen mit einem umfassenden Gestaltungswillen können aus diesem Grund für ein Gemeinwesen durchaus gefährlich sein. Dennoch muss man nicht gleich auf eine ferne Insel auswandern, auch wenn ein Plan B in bewegten Zeiten sicher kein Fehler ist. In unserer Rubrik „Lebensart und Kapital – International“ stellen wir regelmäßig Länder vor, die Interessenten in vielerlei Hinsicht ein angenehmes Klima bieten. Auch in Bezug auf Kapitalanlagen schadet ein Plan B nicht. Nachdem wir uns in der November-Ausgabe des Smart Investor Magazins noch intensiv mit dem Kapitalschutz auseinandergesetzt hatten, wagen wir in der kommenden Januar-Ausgabe mit dem Kapitalmarktausblick 2022 einen Blick auf die Entwicklung im nächsten Jahr. Dabei wird neben der neuen Regierung und deren Weichenstellungen auch das Thema Inflation eine prominente Rolle spielen. Zu Grundsatzfragen der Geldentwertung lesen Sie bitte auch die Titelgeschichte unserer aktuellen Dezember-Ausgabe.

Zu den Märkten

Apropos Insel, der DAX vollzog am gestrigen Handelstag eine massive Kehrtwende (vgl. Abb.). Schon wieder eine Sitzung mit Gap und einem anschließenden Durchmarsch der Kurse. Allerdings ging es dieses Mal in die Gegenrichtung. Im Ergebnis entstand ein sogenanntes Island-Reversal, also eine Inselumkehr, die insbesondere in Indizes eher selten vorkommt. Eine solche Formation zeichnet sich vor allem durch die beiden Gaps (vgl. Abb., rote und grüne Markierung) aus, die das Kursgeschehen dazwischen als eine unverbundene Insel zurücklassen. Zudem ist diese Formation schwer zu handeln. Denn das erste Gap und der anschließende Kursverfall sind so überwältigend negativ, dass die Verlustbegrenzung als rationale und naheliegende Reaktion erscheint. Nun könnte man mit dem besseren Wissen der weiteren Entwicklung, also in der Rückschau, zu dem Schluss kommen, dass diese Reaktion vielleicht zu naheliegend war. Da man im Moment der Entscheidung jedoch nicht über eine zuverlässige Voraussicht der Zukunft verfügt, ist es regelmäßig die richtige Wahl, erst einmal Vorsicht walten zu lassen, zumal in diesem Fall erneut die wichtige Marke von 15.800 Punkten (rote Linie) nach unten durchschnitten wurde. Bei dem Aufwärts-Gap verhält es sich im Prinzip ähnlich. Der gestrige Handelstag war derart stark, dass er, vor allem durch das entstandene Island Reversal den Schluss nahelegt, dass sich die Stimmung erneut gedreht habe. Dass würde eine erneute Reaktion der Anleger erfordern, was diese einigermaßen dumm aussehen lässt, weil sie nun teuer zurückkaufen, was sie erst letzte Woche billig auf den Markt geworfen haben. Und sie sähen sogar noch dümmer aus, wenn die Kurse nach dieser Episode erneut in Richtung Süden drehen würden.

Was also kann man tun? Für Trendfolger sind solche Schaukelbörsen ein echter Albtraum, aber auch eine, kaum zu vermeidende Begleiterscheinung ihres Ansatzes. Selbst ein längeres Zuwarten bei der Umsetzung der Signale löst das Problem nicht unbedingt. Denn egal, ob der Markt tatsächlich in einen neuen Trend übergeht oder nur einen weiteren Haken schlägt, die Wartezeit wäre in jedem Fall teuer bezahlt, weil man bis zur Umsetzung des Handelssignals auf der falschen Seite des Marktes stünde. Nur wenn der Markt vor (!) Erreichen des (mentalen) Stopps erneut dreht, wäre die Entscheidung, erst einmal die Füße still zu halten, richtig gewesen. Das aber erfordert viel Fingerspitzengefühl, besonders dann, wenn ein Markt tatsächlich aus einem Trend in eine trendlose Phase übergeht. Hilfreich können zusätzliche Filter sein. Wenn der Markt etwa unter eine wichtige Unterstützung abtaucht, wie es in der Vorwoche mit 15.800 DAX-Punkten der Fall war, dann sollte man sich mit dem Wiedereinstieg gedulden, bis diese Marke auch wieder nachhaltig überwunden werden kann. Eine weitere Stellschraube sind die Titel, die dann konkret zurückgekauft werden. Das müssen und werden oft nicht dieselben sein, die man zuvor abgestoßen hat, besonders dann, wenn innerhalb der Korrektur auch eine Titelrotation stattfindet, die neue Favoriten nach vorne bringt.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über den letzten Kauf in unserem Aktienmusterdepot und die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

Zumindest der DAX war zuletzt „reif für die Insel“, ist von dieser aber wieder frisch gestärkt zurückgekehrt. Ob die neue Regierung die Menschen ebenfalls von fernen Inseln träumen lassen wird, muss sich erst noch zeigen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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