Stunde der Wahrheit

Titelbild: © justasc – stock.adobe.com

ARTIKEL TEILEN

Facebook
Twitter
LinkedIn
Email

… warum die Fed liefern wird und es dennoch kein Non-Event ist

Giftpille mit Ansage

Das Datum des Tages ist die heutige Fed-Sitzung. Allgemein erwartet wird ein weiterer Zinsschritt um 75 Basispunkte nach oben. Zwar sind Zinserhöhungen und Liquiditätsentzug grundsätzlich Gift für die Märkte, allerdings dürfte die Reaktion auf diesen Zinsschritt eher gering ausfallen – zumindest dann, falls er so eintrifft wie erwartet. Das liegt in der Natur der Börse, die schon im Vorfeld bekannter Ereignisse die unterschiedlichen Erwartungen über einen konsensfähigen Preis auszugleichen versucht. Zudem halten wir es für unwahrscheinlich, dass die Fed von genau jenen Markterwartungen abweichen wird, die deren Vertreter durch diverse Statements so sorgsam miterschaffen hatten. Warum der heutige Abend für die Märkte dennoch kein Non-Event werden könnte, liegt an der anschließenden Pressekonferenz mit Fed-Chairman Jerome Powell. Denn hier wird buchstäblich jedes Wort auf die Goldwaage gelegt – das Gesagte, das Gemeinte oder auch nur das zwischen die Zeilen Hineininterpretierte könnten eine tragende Rolle spielen. Die Volatilität eines solchen Abends kommt also weniger aus dem Zinsschritt selbst als aus der Anpassung der Erwartungen aufgrund der Pressekonferenz.

Anzeige



Quadratur des Kreises

Natürlich wird sich Powell bemühen, auch weiter glaubhaft das Unmögliche zu verkörpern – hart gegen die Inflation und rücksichtsvoll gegen die Märkte. Das aber ist die klassische Quadratur des Kreises und der Pfad zwischen Inflation und Rezession wird zunehmend schmaler. Ein psychologischer Trick, den Powell dabei anwendet, ist der Versuch sich selbst als eine Art Reinkarnation des legendären Fed-Chefs Paul A. Volcker zu stilisieren. Der brach zu Beginn der 1980er Jahre die Inflation, indem er die Leitzinsen auf bis zu 20% erhöhte und (!) dabei auch eine schwere Rezession in Kauf nahm. Ein solch harter Anti-Inflationskurs ist Powell angesichts der aktuellen, exorbitant hohen Schuldenstände allerdings verwehrt. Schon beim jetzigen Zinsniveau, das – im Gegensatz zu den aktuellen Inflationsraten – historisch keineswegs außergewöhnlich hoch ist, ächzen die Unternehmen. Das gilt besonders für jene zahlreichen „Zombies“ die ohnehin nur aufgrund der Null- und Niedrigzinsphase durchgeschleppt wurden. Für Powell bleibt also die wesentliche Aufgabe des Abends, ein bisschen wie Volcker auszusehen, ohne dabei Volcker sein zu müssen und die Märkte schon gar nicht mit einem verspäteten „Süßes oder Saures“ zu verschrecken.

Eine Frage der Bewertung

Verschreckt haben die Marktteilnehmer in der zurückliegenden Berichtssaison dagegen die BigTechs. Galten die sogenannten FAANG-Aktien über viele Jahre als nahezu sakrosankt, bekam das strahlende Image zuletzt einige Flecken. Eine Einflussgröße, die hinter dieser Entwicklung nicht unterschätzt werden darf, ist die Zinsentwicklung. Dies nicht etwa, weil Unternehmen wie Alphabet, Meta (Platforms) oder Amazon auf externes Geld angewiesen wären, sondern weil ihre wesentliche Eigenschaft die eines Wachstumsunternehmens ist. Bei diesen fallen die größten Erträge erst in der Zukunft ab und werden mit dem herrschenden Zinssatz auf das Gegenwartsniveau abgezinst. Die Geschäfte müssen also noch nicht einmal schlechter laufen, um bereits von dieser Seite Druck auf die teils noch immer ambitionierten Bewertungen auszuüben. Kommen dazu noch hausgemachte Probleme wie bei Facebook-Mutter Meta, dann verlieren die Anleger schnell die Geduld. Dieses Schicksal ereilte letzte Woche auch Amazon.com, worüber wir im heutigen Musterdepotteil berichten. Aus dem elitären Club der Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als einer Bio. USD musste sich Amazon jedenfalls erst einmal verabschieden.

Vom Favoriten zum Antizykliker?

Bei einigen FAANG-Aktien zeigt sich zudem ein weiteres Phänomen: Sie haben inzwischen mehr als 50% von ihren Allzeithochs verloren. Nach klassischer Definition erfüllen die Superstars der Vorjahre damit bereits ein wesentliches Kriterium für ein mögliches antizyklisches Investment. Noch am besten schlug sich die Aktie von Apple, die lediglich 15,2% von der Spitze verlor, gefolgt von Alphabet (-40,4%) und Amazon, die trotz des Kursrutsches der letzten Tage mit einem Minus von 48,7% noch knapp unter der magischen 50-Prozent-Marke liegen. Hauptverlierer ist dagegen Meta, die seit ihrem Allzeithoch ziemlich genau drei Viertel ihres Wertes eingebüßt haben, gefolgt von Netflix, die aktuell bei -59,1% stehen, nachdem sie die Tabelle mit einem Minus von 76,8% in der Vergangenheit schon einmal angeführt hatten.

Die Erholungsbewegung bei Netflix verdeutlicht aber auch, welches kurzfristige Potenzial in solchen „gefallenen Engeln“ theoretisch stecken kann. Um aus diesem theoretischen Potenzial allerdings einen praktischen Nutzen zu ziehen, bedarf es Nerven aus Stahl, eines guten Timings und des berühmten Quäntchens Glück. Denn wer in ein solches fallendes Messer greift, handelt vor allem gegen den vorherrschenden Trend. Zudem ist dieses Aufbäumen nach extremen Kursverlusten in der Regel nicht der Startpunkt eines neuen großen Aufwärtstrends, sondern oft genug nur eine Reaktion, die nach einiger Zeit wieder verpufft. Schließlich sind die Favoriten einer vergangenen Hausse nur selten auch die Favoriten der nächsten. Wie wir mit Amazon.com weiter verfahren werden, lesen Sie in unserem aktuellen Bericht zum Musterdepot.

Twitter wird wieder lustig

Ein Techwert, der es nicht ganz in den erlesenen Kreis der FAANG-Aktien geschafft hat, ist Twitter. Dennoch steht der Kurzmitteilungsdienst seit der Übernahme durch den schillernden Ausnahmeunternehmer Elon Musk derzeit im Mittelpunkt des Interesses. Dass sich unter Musk bei Twitter einiges ändern würde, war schon vorher klar, dass es so schnell gehen würde, vielleicht nicht. In einer seiner ersten Amtshandlungen entließ Musk das komplette bisherige Board auf geradezu theatralische Weise und kürte sich selbst zum „sole director“. Dem Vernehmen nach sollen die ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder nicht einmal Abfindungen oder Gehaltsfortzahlungen erhalten. Das ließe sich nur mit gravierenden Verstößen gegen Unternehmensregeln begründen. Die nächste Schlammschlacht ist also programmiert. Auch scheint Musk der ins Kraut geschossenen, schmallippigen Zensur den Kampf angesagt zu haben. Das führte bereits zu etlichen angekündigten Rückzügen von der Plattform. Ob diese dann wirklich alle umgesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. Eine weitere Neuerung könnte die Aktionäre erfreuen. Musk ist auf die verwegene Idee gekommen, mit der Plattform künftig Geld zu verdienen. So soll der begehrte „blaue Haken“ am Profil künftig Geld kosten. Von 20 USD/Monat ist die Rede. Man darf gespannt sein, ob bei den Betroffenen letztlich die Eitelkeit oder der Geiz überwiegen wird.

Gazprom – mal wieder

Eine wahrlich unendliche Geschichte entwickelt sich um unseren Musterdepotwert Gazprom. Die ADRs des russischen Gasgiganten sind bekanntlich zwischen die Fronten von Sanktionen und Gegensanktionen geraten und das Hin und Her in diesem Bereich ist mittlerweile abendfüllend. Unsere letzte Maßgabe war, dass wir in der Sache nichts unternehmen werden und zähneknirschend auf den Zwangsumtausch und anschließenden Verkauf der Aktien durch die ADR-Bank warten. Nun hatten uns Leser dankenswerter Weise neues Feedback zugesendet. Demnach wies comdirect darauf hin, dass die seit August ausgesetzte Umtauschmöglichkeit über diese Bank nun wieder bis 21.12.2022 möglich sei. Um einen entsprechenden Auftrag an die Bank zu geben benötigt man ein Depot bei einer Bank, die nicht von den Sanktionen betroffen ist, gleichzeitig aber bei der russischen Wertpapiersammelbank NSD angeschlossen ist. Wir hatten in diesem Zusammenhang in der Vergangenheit bereits den Weg über die kasachische Freedom Finance angedacht. Ob dieser Weg nun reibungslos funktionieren wird, ist allerdings offen, denn Clearstream teilte am 6.10.2022 mit, dass die Abwicklung bei Clearstream Banking für russische DRs mit zugrunde liegenden russischen Aktien weiterhin geschlossen bleibe, wie bereits in Mitteilung D22052 beschrieben. Die Schutzvereinigung der Kapitalanleger e.V. kommt in Ihrer Mitteilung Nr. 18 vom 21.10.2022 zu dem Schluss: „Damit geht das Chaos für Privatanleger ungehindert weiter.“ Leser, die einen erneuten Umtauschversuch starten, wollen wir auf diesem Wege bitten, uns ihre Erfahrungen an info@smartinvestor.de mitzuteilen. Für unseren Musterdepotbestand werden wir weiter so abrechnen, dass wir die ungünstigsten Konditionen berücksichtigen.

Info-Einbahnstraße

Leser, die die Musterdepotwerte Silver Lake Resources oder British American Tobacco halten, erhielten jüngst von Ihren Brokern eine Mitteilung über die Namensoffenlegung an die jeweiligen Gesellschaften. Hintergrund sind entsprechende Anforderungen der Gesellschaften an die Depotbanken, die im Rahmen des Gesetzes zur Umsetzung der zweiten Aktionärsrechterichtlinie (ARUG II) seit dem Jahr 2020 möglich sind. Im Prinzip verhält es sich bei den Inhabern solcher Aktien dann ähnlich wie bei Namensaktien, bei denen die Unternehmen ebenfalls ihre Aktionäre kennen. Die Intention der ARUG II war die Verbesserung der Kommunikation zwischen Unternehmen und Anteilseignern. Allerdings können wir das Unbehagen von Aktionären verstehen, die lediglich darüber unterrichtet wurden, dass ihre Daten, und zwar ihre Daten als Anteilseigner, nun einfach so um die halbe Welt geschickt worden sind, wobei im konkreten Fall von Silver Lake Resources offenbar auch noch eine Agentur zwischengeschaltet wurde. Vielleicht wäre es für Juristen mal eine lohnenswerte Aufgabe zu prüfen, wie ein solcher Vorgang mit den strengen deutschen Datenschutzgesetzen zusammenpasst. Für Anleger in Inhaberaktien einer börsennotierten Aktiengesellschaft, die in einigen Ländern sogar explizit mit „S.A.“ bzw. „SA“ für „Société Anonyme“ abgekürzt wird, ist diese neue, zwangsweise Offenheit nach Art einer Einbahnstraße jedenfalls gewöhnungsbedürftig.

Zu den Märkten

Ein Durchbruch ist ein Durchbruch ist ein Durchbruch. Oder vielleicht doch nicht? Klar und deutlich hat der DAX den hier mehrfach beschriebenen, seit Anfang 2022 währenden Abwärtstrend nach oben durchbrochen. „Hurra!“ könnte man da rufen, deutet ein solcher Trendbruch doch charttechnisch auf bessere Zeiten. Doch sollte man mit dem Jubel vielleicht noch zuwarten, bis dieser Ausbruch auch bestätigt wurde. Das Umfeld ist bekanntlich alles andere als rosig, ganz besonders vor dem anstehenden Winter. Die hohen Energiekosten führen zur Zurückhaltung bei den Verbrauchern und die steigenden Zinsen belasten vor allem jene Unternehmen, die mit hohem Fremdkapitalhebel arbeiten. All dies sollte der Börse aber bereits bekannt und damit auch schon ganz gut eingepreist sein. Da Börsianer versuchen, künftige Kurse zu antizipieren, fragt sich, was sie da in ca. sechs Monaten eigentlich sehen. Dann werden wir uns beispielsweise bereits im Wonnemonat Mai befinden. Vielleicht ist bis dahin auch der heiße Krieg um die Ukraine in eine abgekühlte Form der Auseinandersetzung übergegangen. Möglicherweise kam es auch nicht zur Zündung einer sogenannten schmutzigen Bombe – von welcher Seite auch immer. Schließlich könnte in Erwartung einer anhaltend hohen Inflation auch jetzt schon eine Flucht aus dem Geld beginnen, wie wir sie aus anderen Hochinflationswährungen kennen.   

Angesichts der relativ kleinen Bewegung über den Abwärtstrend erscheinen uns einige dieser Möglichkeiten im Moment aber noch überzogen. Würde beispielsweise ernsthaft die anhaltende Hochinflation, ja der Übergang in die galoppierende Inflation gespielt werden, dann würden wir wohl den Beginn eines Crack-up-Booms erleben, der sich durch ganz andere Kurssteigerungen auszeichnet. Auch sollte berücksichtigt werden, dass der gestrige Ausbruch nur mit geringen Umsätzen erfolgte. Dies war zwar Allerheiligen geschuldet, das in mehreren Bundesländern Feiertag war. Andererseits sollten derart prägende Kursbewegungen im ausgedünnten Handel immer auch daraufhin abgeklopft werden, ob sie sich später im regulären Handel bestätigen. Der heutige Handelstag konnte darauf bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch keine eindeutige Antwort liefern. Das leichte Zurücklaufen des Kurses an das Ausbruchsniveau kann sich sowohl als Trendbestätigung erweisen als auch noch zu einem Fehlsignal auswachsen.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere Musterdepots und über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

Die heutige Zinsentscheidung der Fed gilt als ausgemachte Sache. Die Überraschungen lauern – wie immer – im Kleingedruckten.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Smart Investor 11/2022:

Titelstory: Kapitalschutzreport 2022

Staatsfinanzen: Es brennt an allen Ecken und Enden

Konferenzen: World of Value & Ludwig von Mises

Edelmetalle: Geduld bleibt das Gebot der Stunde

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier oder ein Derivat darauf wird zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Publikation oder der Smart Investor Printausgabe von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

Abonnements:
Unsere Smart Investor Abonnements finden Sie hier.

Das Magazin:
Das aktuelle Smart Investor Magazin finden unsere Abonnenten hier.

E-Mail-Versand:
Sollten Sie den E-Mail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine E-Mail mit dem Betreff “Abbestellen des SIW” an
weekly@smartinvestor.de.

Unsere Datenschutzerklärung finden sie hier.

Die Charts wurden erstellt mit Guidants und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

Unsere Depotempfehlung: das Depot von smartbroker.de. Bereits ab 0 € Gebühren Wertpapiere handeln.

UNSERE EMPFEHLUNGEN