Auf der Goldwaage

Titelbild: © BillionPhotos.com – stock.adobe.com

ARTIKEL TEILEN

Facebook
Twitter
LinkedIn
Email

Wenn Fed-Chef Powell eine Rede hält

Erste Börsianerpflicht

Nach der verlorenen Schlacht bei Jena forderte der Interims-Gouverneur von Berlin, Friedrich Wilhelm von der Schulenburg-Kehnert, die Bürger am 17.10.1806 zur Ruhe auf: „Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht“, hieß es in der berühmt gewordenen Bekanntmachung. Davon ist nicht viel übrig. Wer angesichts von Killervirus, Klimakatastrophe und Krieg nicht ein Mindestmaß an Hysterie hervorzubringen im Stande ist, gilt gesellschaftlich als nicht ganz auf der Höhe der Zeit, ja als suspekt. Für Börsianer ist es allerdings auch heute noch ein guter Rat, kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht irgendwo festzukleben, besonders nicht an Verlustpositionen.


ANZEIGE


An Tagen wie diesen …

Das mit dem kühlen Kopf gilt vor allem an jenen Tagen, an denen das besonders schwerfällt, etwa weil gerade allgemeine Euphorie oder Panik herrschen, oder weil wichtige Zahlen anstehen. Das ist auch der Fall bei (Zins-)Entscheidungen der Notenbanken oder den Reden von deren Chefs. Ganz besonders gilt es für die US-Notenbank Fed und für deren jeweiligen Vorsitzenden. Heute, um 13:30 Uhr Washingtoner Zeit (19:30 Uhr MEZ) wird es wieder so weit sein. Powells Vortrag vor der Brookings Institution steht unter der Überschrift „The economic outlook, inflation, and the labor market“ („Die wirtschaftlichen Aussichten, die Inflation und der Arbeitsmarkt“) und hat auf Twitter sogar schon einen eigenen Hashtag: #PowellatBrookings

Nicht Seher, sondern Macher der Zukunft

Die Nervosität, selbst hartgesottener Börsianer, im Vorfeld ist greifbar. Dies nicht etwa, weil Powell so besonders tiefe Einsichten in die wirtschaftliche Zukunft des Landes hätte, sondern weil es die Entscheidungen des Federal Open Market Committee (FOMC) unter seiner Leitung sind, die erheblichen Einfluss auf eben diese Zukunft ausüben werden. Austrians sprechen in diesem Zusammenhang gerne von einem lediglich angemaßten Wissen, das sich allerdings auch in vielen anderen Bereichen der Politik finden lässt. Der Unterschied zum Markt: Wer auf der Basis von angemaßtem Wissen agiert, wird am Markt rasch scheitern, wer dies in der Politik tut, dort heißt das angemaßte Wissen oft auch Ideologie, kann viel Schaden anrichten, bis er sein Amt verliert. Zudem können die Menschen politischen Vorgaben nicht so leicht ausweichen, wie einem Produkt, das ihnen nicht gefällt.

Mehr Öl ins Feuer?

Was die Märkte heute konkret interessiert, ist der Tenor von Powells Rede, aus der man sich Rückschlüsse für die weitere US-Geldpolitik erhofft. Die letzten Inflationszahlen und die Ankündigung kleinerer Zinsschritte von lediglich 50 Basispunkten hatten eine geradezu euphorische Reaktion an den Märkten ausgelöst. Auch der US-Dollar quittierte die Aussichten auf eine weniger straffe US-Geldpolitik mit einem deutlichen Abschlag gegenüber dem Euro. Uns erscheint es angesichts dieser Marktreaktionen eher unwahrscheinlich, dass Powell hier weiteres Öl in das Feuer gießen wird, zumal sein erklärtes Ziel darin besteht, die Inflation zu brechen. Falls er die Stimmung dämpfen möchte, heute wäre die Gelegenheit. Vorstellbar wäre allerdings auch, dass die Fed mit ihrer raschen Abfolge von Zinserhöhungen bereits übersteuert hat und nun schneller zurückrudern muss als ursprünglich geplant.

Finale Senkrechte

Sicher ist nur, dass sich die Fed, wie auch die EZB, auf einer Gratwanderung befindet und dieser Grat angesichts der exorbitanten Verschuldung immer schmaler wird. Die Gefahr des Scheiterns in Richtung Hoch- und Hyperinflation auf der einen bzw. in Deflation/Rezession/Depression auf der anderen Seite ist für jede Notenbank perspektivisch ein reales Szenario. Wir gehen nicht davon aus, dass eine Notenbank mit ungedecktem Fiatgeld final in einer Deflation scheitern wird. Dazu ist die Versuchung viel zu groß, die Geldschleusen in einem solchen Szenario weit zu öffnen – ebenfalls mit der realen Gefahr des Übersteuerns. Grund genug also, uns im aktuellen Smart Investor 12/2022 unter dem Titel „Die finale Senkrechte“ erneut mit dem sogenannten Crack-up-Boom zu beschäftigen. Wir gehen davon aus, dass wir mit der aktuellen Hochinflation bereits auf der Startrampe für ein solches Szenario stehen, zumal die jüngsten Entwicklungen um das britische Pfund gezeigt haben, dass eine Notenbank im Zweifel das Ziel der Inflationsbekämpfung zurückstellen wird, bevor sie einen Zusammenbruch riskiert. Auch sollte man im Hinterkopf behalten, dass ein solcher Crack-up-Boom eine hochdynamische Entwicklung ist, auf die man vorbereitet sein sollte. Mehr dazu im aktuellen Heft.

Krypto-Sumpf

Als schlecht vorbereitet erwiesen sich viele Krypto-Anleger hinsichtlich des FTX-Zusammenbruchs. Der Gründer und Betreiber dieser Börse, Sam Bankman-Fried, galt vielen als eine Mischung aus Steve Jobs und Elon Musk, in jedem Fall ein Guru der Krypto-Szene und als zweitgrößter Spender der US-Demokraten auch ein Darling des polit-medialen Establishments. Selbst die Urkaine soll an der Krypto-Börse Hilfsgelder geparkt haben. Bei so viel Vorschusslorbeeren für das „Wunderkind“ geriet die kritische Würdigung des Geschäftsmodells offenbar zur Nebensache, ebenso wie die Herkunft des Bankman-Fried-Vermögens, das zwischenzeitlich auf 20 Mrd. USD geschätzt wurde. Wir wollen vor dem Hintergrund dieses Skandals Bitcoin & Co. nicht generell verdammen, da sie gerade in einer Krise der Fiatgeld-Systeme (s.o.) phasenweise wichtige Geldfunktionen übernehmen könnten. Allerdings befindet sich die Krypto-Szene inzwischen aus mehreren Gründen auf einem sehr gefährlichen Pfad: Zum einen wissen die Notenbanken um die Konkurrenz und arbeiten fieberhaft an eigenen Digitalwährungen. Diese werden nicht primär den Kunden dienen. Daher kann davon ausgegangen werden, dass sie mit Macht gegen die privaten Alternativen durchgedrückt werden sollen, versprechen sie doch eine verbesserte Kontrolle und Steuerung des Verhaltens der Bürger. Zum anderen bringt der Kursrutsch den Bitcoin in eine gefährliche Nähe zu seinen Gestehungskosten, die je nach Abgrenzung und Berechnungsweise irgendwo zwischen 15.500 USD und 17.500 USD liegen sollen. Liegt der Preis längere Zeit darunter, wird der eine oder andere Miner das Verlustgeschäft wohl vorübergehend (?) stilllegen. Da der Bitcoin nach unserer Auffassung fundamental nicht bewertbar ist, bleiben Sentiment und Markttechnik die wesentlichen Anhaltspunkte für eine Analyse. Die Stimmung ist schlecht, was durchaus positiv ist, aber der Trend ist, trotz zaghafter Stabilisierungsversuche, noch immer abwärts gerichtet (vgl. Abb.).

David gegen Goliath

Da wir den früheren Apple-Chef und den Twitter-Boss schon erwähnt haben, soll auch das Hauen und Stechen zwischen den beiden Konzernen nicht unerwähnt bleiben. Im Vergleich zu Apple (Marktkapitalisierung: 2,220 Mrd. USD) ist Twitter (41 Mrd. USD bei letzter Börsennotiz) ein Zwerg. Dennoch legt sich Musk nun mit dem Giganten an, was selbst den reichsten Amerikaner als sympathischen Underdog wirken lässt. Weniger sympathisch zeigte sich dagegen der iPhone-Konzern, der ausgerechnet in China die AirDrop-Filesharing-Funktion einschränkte, mit der die Protestierenden die chinesische Zensur umgehen wollten. Durch die Nähe zu den chinesischen Machthabern – Apple lässt bekanntlich in China produzieren – bekommt das sorgsam gepflegte Image dunkle Flecken. Musk griff Apple jedenfalls verbal an und forderte die Offenlegung aller Zensurmaßnahmen, die der Konzern gegen seine Kunden ergriffen habe. In Cupertino war man so viel Respektlosigkeit nicht gewohnt und dachte daraufhin laut darüber nach, Twitter aus dem App-Store zu entfernen, also eine weitere Zensurmaßnahme in Kraft zu setzen. Dies ließ Musk nicht weniger laut darüber nachdenken, ob er künftig nicht auch noch eigene Telefone produzieren sollte. Spannend und unterhaltsam ist es mit dem neuen Twitter-Chef allemal, auch wenn die Aktien nach der Übernahme nicht mehr gehandelt werden. Der Kurs von Apple zeigte zuletzt dagegen nur noch ein durchwachsenes Chartbild, was für dieses Ausnahmeunternehmen bemerkenswert ist.

Gazprom – neue Stolpersteine

Wenig Erfreuliches gibt es einmal mehr über unseren Musterdepotwert Gazprom zu berichten. Ein fachkundiger Leser machte uns darauf aufmerksam, dass wieder einmal ein Versuch gescheitert sei, in der Sache voranzukommen. Konkret geht es um das Thema freiwillige Umwandlung der ADRs um einer späteren Zwangsumwandlung zuvorzukommen. Dabei kommt es laut Clearstream darauf an, wo die Papiere liegen. Demnach sei die freiwillige Umwandlung nur für Papiere möglich, die bei der Clearstream Banking S.A. (CBL) liegen, nicht aber für jene, die von Clearstream Banking AG (CBF) verwaltet werden. Offenbar liegen die Papiere deutscher Anleger überwiegend bei CBF. Auch eine einfache Umbuchung zwischen den beiden Lagerstellen scheint nicht möglich zu sein. Unser Eindruck ist, dass man sich hier auf eine wenig kundenfreundliche formale Position zurückzieht. Über die Motivation kann nur spekuliert werden. In jedem Fall werden es sich Anleger, die für Investitionen in ADRs und Auslandsaktien grundsätzlich offen waren, nach dieser Episode wohl zweimal überlegen, ob sie sich etwas derartiges noch einmal antun.

Zu den Märkten

Beim DAX ging es in der Berichtswoche per Saldo weiter leicht bergauf. Zwar hat sich die Geschwindigkeit gegenüber den letzten Wochen deutlich verlangsamt, was auf einen Verlust von Momentum hindeutet, andererseits ist bislang aber auch jegliche echte Korrektur ausgeblieben. Es spricht für einen anhaltenden Anlagedruck, wenn sogar eine Konsolidierung nicht abwärts/seitwärts, sondern aufwärts gerichtet verläuft. Das Luftholen ist allerdings auch insofern notwendig, als der DAX nur noch wenige hundert Punkte vor dem massiven Widerstandsbereich bei 14.800 Punkten steht. Diese Zone hatte sich zunächst als starke Unterstützung erwiesen und wurde nach dem seinerzeitigen Durchbruch – entsprechend der Theorie der Technischen Analyse – zu einem hartnäckigen Widerstand. Nach einem Spurt von mehr als 2.500 Punkten bestand wenig Hoffnung, dass dieser noch direkt und nachhaltig durchbrochen werden könnte. Mit jeder Woche der Konsolidierung wächst allerdings die Chance auf einen erneuten Anlauf, der dieses Niveau dann auch überschreitet – es sei denn, Jerome Powell (s.o.) zeigt sich heute falkenhafter als erhofft. Dann könnte es erst einmal auch noch einen Rücksetzer geben.

Wer nicht nur den Index handeln, sondern langfristig auf gute Unternehmen setzen will, dem sei das Aktienjahrbuch Deutschland von Benjamin Knöpfler empfohlen. In diesem Kompendium finden Sie die Beschreibungen und Kennzahlen der 40 DAX-Titel, ergänzt um aktuelle Ranglisten nach verschiedenen Kriterien.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere Transaktionen in den Musterdepots sowie über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

Ein Tag mit Powell-Rede ist für Börsianer ein Tag der Anspannung. Doch unabhängig davon, wie es heute ausgeht, auf Sicht hat die Fed ihr Pulver für die Inflationsbekämpfung vermutlich schon fast verschossen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier oder ein Derivat darauf wird zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Publikation oder der Smart Investor Printausgabe von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

Abonnements:
Unsere Smart Investor Abonnements finden Sie hier.

Das Magazin:
Das aktuelle Smart Investor Magazin finden unsere Abonnenten hier.

E-Mail-Versand:
Sollten Sie den E-Mail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine E-Mail mit dem Betreff “Abbestellen des SIW” an
weekly@smartinvestor.de.

Unsere Datenschutzerklärung finden sie hier.

Die Charts wurden erstellt mit Guidants und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

Unsere Depotempfehlung: das Depot von smartbroker.de. Bereits ab 0 € Gebühren Wertpapiere handeln.

UNSERE EMPFEHLUNGEN